Pro & Contra

Rolling Stones in Berlin - Spektakel oder Alptraum?

Am 10. Juni treten die Rolling Stones in der Berliner Waldbühne auf. Sebastian Zabel, Chefredakteur des Rolling Stone, blickt erwartungsvoll auf das Konzert. Autor Patrick Goldstein verpasst es lieber.

Foto: STONES_SINGAPORE / picture alliance / Photoshot

Pro: Ja zu Jagger - sagt Sebastian Zabel

Nein, ich denke nicht, dass ein Rolling-Stones-Konzert heute auch nur annähernd das ist, was es vor fünfundvierzig Jahren mal gewesen sein muss: ein erregendes, aufrührendes Rock’n’Roll-Spektakel. Und ja, ich werde mir die dienstälteste Rockband der Welt trotzdem anschauen. Es könnte die letzte Chance dazu sein.

Und die Waldbühne ist natürlich ein herrlicher und angemessener Ort, um vier Menschen zu bestaunen, die Rockgeschichte geschrieben haben und ein paar Generationen als das rebellisch-raue Gegenmodell zu den musikalisch natürlich interessanteren Beatles dienten. Beatles oder Stones? Auf welcher Seite stehst Du? Das war mal eine Definitionsfrage. So einfach teilte sich die Popkultur in zwei Lager. Spätestens seit Punkrock fragt das natürlich niemand mehr. Und für meinen dreizehnjährigen Sohn sind die Stones so fern wie Walther von der Vogelweide.

Dennoch. Diese vom Leben gegerbten und vom Arzt kaum gestrafften, diese mythisch verklärten und ins kollektive Weltkulturgedächtnis gebrannten Heldenfiguren leibhaftig auf einer Bühne zu erleben, das ist dann doch etwas ziemlich Einmaliges. Die Herren sind heute alle um die 70, aber die hämische Zeile der Daily Mail anlässlich ihres Hyde-Park-Auftritts im vergangenen Jahr („The night of the living dead“ – die Nacht der lebenden Toten) kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass Mick Jagger noch immer wie ein Duracell-Hase über die Bühne hoppelt und Keith Richards stoisch wie eh mit Kippe im Mundwinkel seine vielleicht nicht mehr ganz so scharfen Riffs spielt.

Aber Charlie Watts, der eleganteste der Stones, der Mann am Schlagzeug, ist natürlich eine Bank. Und, ja, klar spielen sie ihre Hits, von „Jumpin’ Jack Flash“ bis „Satisfaction“, sogar den großartigsten von allen, „Gimme Shelter“ (bei den neueren Songs, die sie halt auch spielen, kann man dann ja Bier holen gehen). Dabei darf man bequem in der lauen Luft sitzen und durchs Opernglas gucken: Da vorne, da auf der Bühne, das sind sie wirklich. Vielleicht zum letzten Mal. Irgendwann gibt es sie nur noch als Hologramme. Oder, viel besser, als Erinnerung.

Contra: Es wäre zu viel für mich - sagt Patrick Goldstein

Dieses Konzert verpasse ich gern. Aus heutiger Sicht ist das größte Verdienst der Combo, dass sie sich nie aufgelöst hat. Das wiederum liegt gewiss auch daran, dass man als Promi ab der zehnten, elften Million beginnt, sich ein wenig zu langweilen. Man klettert wie Keith Richards im Urlaub auf Palmen, fällt herunter und redet anschließend noch wirreres Zeug als zuvor. Dann lieber touren. Doch viele übersehen vor Sehnsucht nach echten, nach nicht fabrizierten Stars, dass die Stones kaum ein ganzes Jahrzehnt lang, höchstens bis zum ’72er-Album „Exile on Main St.“, innovativ waren. Auf meinem iPod habe ich 36 Lieder dieser Combo. 36 Songs aus 50 Jahren! Rein rechnerisch liegen sie damit gleichauf mit Shakin’ Stevens und Harpo.

Der zweite Grund, weshalb ich ein Stones-Konzert nie überstünde: Schon lange vor Herzensbrechern wie „Angie“ oder „You can’t always get what you want“ kämen mir die Tränen. Kein Witz. Die Band ist der Beweis, dass die Idee vom Rock’n’Roll als Lebensphilosophie, als Ideal, als Hoffnungsträger am Ende nicht funktioniert hat. Wie viel Aufbruch herrschte noch 1967, im Sommer der Liebe. Bands und Fans verschworen sich zu einer Zukunft, die Verständnis, Vernunft und Harmonie bestimmen sollten. Dann wurde Heroin interessanter als Musik, Plattenbosse wurden zu Flugunternehmern und jemand brachte den Sänger von „Give peace a chance“ um. Ein Konzert der Stones steht immer auch für diesen Traum, der zum Albtraum wurde.