Potsdam

Ausstellung erzählt von Immendorfs wüstem Leben

Jörg Immendorff war einer der weltweit erfolgreichsten deutschen Künstler. Nun sind in der Villa Schöningen Werke von ihm zu sehen, die einen Einblick in die Welt eines manisch Arbeitenden zeigen.

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Im Vordergrund steht der Fackelmann, der das Feuer entzündet. Eine dunkle, nur schemenhaft zu erkennende Masse geht in Richtung Brandenburger Tor. Das Bild hat Jörg Immendorff 1983 gemalt. Es stammt aus den Jahren seiner Café-Deutschland-Zeit, aus den Jahren, als ihn die Trennung des Landes rasend machte und er dagegen anmalte. Er litt an dem Pragmatismus der Menschen, die sich mit einem Status quo zufrieden gaben, das dem Künstler unhaltbar erschien.

Sein Bild ist kein Glücksversprechen. Der Zug der düsteren, gesichtslosen Gestalten geht vom Westen in den Osten. Er prophezeit nicht den glückstrunkenen Moment des Mauerfalls. So einer war am Beginn der 80er-Jahre nicht einmal für das sonnigste Gemüt vorstellbar, waren sie doch, wie Schriftstellerin Tanja Dückers einmal gesagt hat, „die kälteste Zeit im Kalten Krieg“.

Ab Sonnabend sind 40 seiner Werke in der Villa Schöningen in Potsdam zu besichtigen und bieten einen Einblick in die Welt eines manisch arbeitenden Künstlers, der wohl mehr als 1800 Werke erschaffen hat. Der Zeitrahmen der Schau ist weit gespannt und reicht von einem Frühwerk aus dem Jahr 1965 bis zu seinem letzten Bild kurz vor seinem Tod 2007. Bunte, fast poppige Bilder folgen traumgleichen Gemälden, eindeutig sind sie nie, gemein ist ihnen eine unübersehbare Schwunghaftigkeit. Immer ein wenig rätselhaft, oft ironisch gebrochen, ein Ehrgeiz in Fragen der stilistischen Eleganz ist jedoch nicht zu erkennen. Manche Werke stammen vom Galeristen Michael Werner, andere gehören „Sammlern, die lieber anonym bleiben wollen“.

Mathias Döpfner, Miteigentümer der Villa Schöningen und Vorstandsvorsitzender des Medienkonzerns Axel Springer, erzählt bei dem Rundgang, für wie unverzichtbar es für ihn war, dass Michael Werner die Ausstellung kuratiert. Er ist eine Institution am deutschen Kunstmarkt, ein Wegbegleiter Immendorffs seit den frühesten künstlerischen Gehversuchen und sein Galerist. Diese Expertise ist nötig, schließlich waren in den vergangenen Jahren immer wieder und immer öfters Zweifel an der Urheberschaft einzelner Werke aufgekommen. Daher sei eine Ausstellung über Immendorff „heikel“, so Mathias Döpfner.

„Die deutsche Einheit vorfantasiert“

Er weist auf die recht ungewöhnliche Hängung hin, die Bilder sind zum Teil hingestellt und verleihen den Räumen damit eine „Atelieratmosphäre“. Und er betont den politischen, symbolischen Aspekt der Schau. Sie findet in dem Jahr statt, das im Zeichen des Mauerfalls vor 25 Jahren steht. Jörg Immendorff habe „die deutsche Einheit vorfantasiert“.

Jörg Immendorff war sicherlich der politischste Künstler im Nachkriegsdeutschland in der obersten Liga, in der von Georg Baselitz, Markus Lüpertz, Gerhard Richter, Anselm Kiefer und Sigmar Polke. Seine Werke sind voller Verweise und Zitate, den Nachgeborenen nicht unmittelbar verständlich, so wie zum Beispiel seine Entwürfe zur LIDL-Stadt, die nichts gemein haben mit der Supermarktkette. LIDL war ein dadaistisches Aktionsprogramm, der Name „LIDL“ wurde von dem Geräusch einer Babyrassel abgeleitet.

Es entstanden Ende der 60er-Jahre Gemälde mit Babypuppen, den sogenannten LIDL-Babys, die „für den Frieden in der Welt plädieren“. Sie sind damit eine schöne Erinnerung an die 68er-Bewegung, die Kindergarten und Politik zuweilen auch nicht unterscheiden konnten. In der Ausstellung in Potsdam sind Kreideaufzeichnungen einer LIDL-Siedlung aufgehangen, hier hängt auch das Verständnis davon ab, wie nachvollziehbar dem Betrachter 40 Jahre nach der Entstehung der Werke dieser Spätdadaismus ist.

Immendorf hatte Hang zur Unterwelt

Zeit seines Lebens war Immendorff ein sehr gegenwärtiger Künstler, und so ist es prototypisch für die entideologisierten Zeiten, dass ein einstiges Mitglied der KPD/ML (spätestens) seit den 90er-Jahren zum Mainstream zählte und später das offizielle Bundeskanzler-Porträt von Gerhard Schröder malen durfte. Sein öffentlicher Kampf gegen den qualvollen Tod machte aus einem Avantgardisten einen „Promi-Maler“, dem, in den Medien zumindest, Kokain-Konsum und Sex mit Prostituierten verziehen wurde.

Der Markt jedoch hat eine andere Einschätzung vorgenommen: Es gebe eine „Baisse bei Immendorff“, sagt Michael Werner. Früher noch habe er den Markt „kontrollieren“ können, das habe sich aber geändert, als Immendorffs Gesundheitszustand sich immer weiter verschlechterte. Obwohl ihn die Kraft verließ und er im Rollstuhl saß, entstanden immer weiter neue Werke. Irgendwann habe sich die Arbeit in der Werkstatt verselbstständigt und auch Immendorff hätte den Überblick über „seine“ Werke verloren.

Immendorff habe immer, und Michael Werner sagt das mit größtem Bedauern, einen „Hang zur Unterwelt“ gehabt, da wurden Schulden auch mit flugs angefertigten Immendorff-Gemälden beglichen. „Seine Bilder sind immer biografisch“, sagt Werner. Sein Wert, auf dem Kunstmarkt genauso wie in der Kunstgeschichte, wird sich an dieser Frage entscheiden – wie stark das Interesse an Immendorffs schöpferischem, wüstem, produktivem Leben erhalten bleibt.

Villa Schöningen, Berliner Str. 86, Potsdam. Vernissage 7.3., 19 Uhr. Öffnungszeiten: Do u. Fr 11–18, Sa u. So 10–18 Uhr. Bis 1. Juni