Oberschöneweide

Von der Elektropolis zum Berliner Künstlermagneten

Oberschöneweide war mal Zentrum von Berlins Elektroindustrie. Als die Unternehmen nach der Wende zusammenbrachen, blieben leere Hallen zurück. Ideal für Künstler, die sie jetzt kreativ nutzen.

Foto: Amin Akhtar

Zwischen den Häusern spannen die Oberleitungen der Straßenbahn. Sie erinnern an vergangene Zeiten: Schöneweide, erst Vorzeige-Elektropolis, später Wendeverliererin. Die Hauptstraße verläuft parallel zur Spree, Back-Shops wechseln sich ab mit Dönerbuden. Hier hält Schöneweide seinen Schatz gut verborgen.

Diese Perle liegt ein paar hundert Meter die Wilhelminenhofstraße hinunter. Das alte Gelände der AEG umfasst 1,1 Millionen Quadratmeter. Ein Industriegebiet aus Backstein, Blechdächern – und Graffiti. Der marode Charme zieht seit Jahren eine Vielzahl von Künstlern nach Oberschöneweide.

Keine geradlinige Entwicklung

Insgesamt 400 Kreative haben sich rund um das Industriegebiet angesiedelt. Die knapp 2000 Quadratmeter große Halle steht unter Denkmalschutz und wird regelmäßig für Veranstaltungen genutzt, etwa im Rahmen der Berlin Fashion Week.

Doch die Entwicklung des Standorts Oberschöneweide als Kunst- und Kulturzentrum verlief in den letzten Jahren alles andere als geradlinig. Mithilfe eines Stars nimmt Oberschöneweide nun erneut Anlauf, sich als Kunstquartier zu etablieren. Anfang November wurde bekannt, dass Sänger und Fotograf Bryan Adams zwei Hallen auf dem Areal gekauft hat. Er möchte dort mit befreundeten Künstlern arbeiten und ausstellen.

„Dass die prophezeite Entwicklung zu einem spektakulären neuen Berliner Kunstort ins Stocken geriet, bietet durchaus Vorteile. So kann sich langsam etwas entwickeln und Stück für Stück wachsen, ohne die Überformungsgefahr, die ein Boom ja immer mit sich bringt“, sagt Mareike Lemme von „Schöneweide Kreativ“.

Das Netzwerk bringt die Künstler und kreativen Unternehmen miteinander in Kontakt und veranstaltet jährlich das Festival Kunst am Spreeknie – Schöneweide Art Festival. In diesem Jahr nahmen rund 200 Künstler teil, die überwiegend auch in Schöneweide arbeiten.

Einst ein Zentrum der Elektroindustrie

Einst wurde in Oberschöneweide Industrie-Geschichte geschrieben. Der Standort stieg zu Beginn des 20. Jahrhunderts zum Zentrum der Elektroindustrie auf – zu DDR-Zeiten arbeiteten hier 30.000 Menschen. Nach der Wende brachen fast alle Unternehmen zusammen, zurück blieben leere Fabrikhallen. Eine große Zukunft wurde dem Schauhallen-Areal schon einmal vorhergesagt: als Ai Weiwei sich für Oberschöneweide interessierte.

Kurz bevor es zum Geschäftsabschluss zwischen dem chinesischen Künstler und Sven Herrmann kam, wurde Ai Weiwei in China festgenommen. Brisanz erlangte in diesem Zusammenhang die Vergangenheit des Eigentümers, der auch heute noch über das 20.000 Quadratmeter große Schauhallen-Areal verfügt. Sven Herrmann hatte zu DDR-Zeiten für die Spionageabteilung der Stasi und für den Zentralrat der Jugendorganisation FDJ gearbeitet. Als er das Grundstück vom Land Berlin zu günstigen Konditionen erlangte, versprach er, ein Kunst- und Kulturzentrum zu schaffen. Eröffnungsziel war 2008.

Das Konzept in den Schauhallen Museen und Galerien anzusiedeln, scheiterte indes. „Die Umsetzung sollte mit geeigneten Partnern stattfinden. Die waren im Zuge der Finanzkrise rar – für Kunst hatte keiner Geld“, sagt Thomas Niemeyer, Leiter des Regionalmanagements Schöneweide.

Die Mieten für Ateliers sind billig

Internen kreativen Schub bietet indes die Hochschule für Technik und Wirtschaft. Sie zieht mit dem größten Berliner Design-Fachbereich eine Vielzahl von jungen Menschen an. Und auch bildende Künstler sind von den günstigen Mietkonditionen für Ateliers angelockt. „Alle schauen immer nur auf die großen Namen, dabei sind wir schon lange hier“, sagt Ursula Heermann-Jensen. Sie ist eine von 36 Künstlern, die im Atelierhaus 79 arbeiten.

Das Gebäude aus gelben Klinkern befindet sich seitlich der Schauhallen und bietet Künstlern Wohn- und Arbeitsraum. Während einer Sanierung des Hauses wurde das Ateliergebäude aufwendig umgebaut. An den einstigen Industriecharme erinnert nur noch die Fassade.

Noch weitgehend unbelassen ist dagegen die Arbeitsstätte von Bronzegießer Thorsten Knaack. Auf dem kleinen Hof vor dem ehemaligen Umspannwerk Oberspree wuchert das Gras aus dem Steinboden. „Dieser Ort ist großartig, ein Traum geht in Erfüllung. Jeder meiner Kunden, der hier herkommt ist begeistert“, sagt Knaack. Für das Umspannwerk hat er einen Fünf-Jahres-Vertrag, länger wollte sich Eigentümer Vattenfall nicht binden.

Mieter muss hohe Investitionskosten stemmen

Die Miete ist günstig – um die alten Räumlichkeiten nutzbar zu machen, sind jedoch hohe Investitionen notwendig, die allein vom Mieter zu tragen sind. Im Januar 2014 möchte Knaack mit der Produktion beginnen.

Wer vom Umspannwerk über den neu angelegten Stadtplatz läuft, gelangt zu einem alten Bürogebäude direkt am Spreeufer. In der obersten Etage arbeiten junge Künstler unter dem Namen G 59. „Ich liebe die ruhige Atmosphäre hier, um zu arbeiten“, sagt die brasilianische Künstlerin Andrea Boller. Das Atelier wird ihr vom Berufsverband Bildender Künstler zur Verfügung gestellt. Auch sie ist begeistert vom Standort Schöneweide.

Doch einige Fragen bleiben offen. Sven Herrmann sucht noch immer nach geeigneten Projekten, die seine Schauhallen mit Leben füllen. Berlin ist mehr denn je Sehnsuchtsort und Umschlagplatz junger, internationaler Künstler – und hat die höchste Galeriendichte europaweit. Wieso kam es nicht zu einer stärkeren Ansiedlung von Galerien auf dem Areal?

Der Aufstieg der Gegend rund um den Treptower Park, Rummelsburg und Lichtenberg wird Schöneweide auf längere Sicht auch räumlich näher erscheinen lassen. Wenn der neue Flughafen eröffnet wird, wären es nur 15 Minuten bis dorthin.

Sven Herrmann steht gerade mit den Betreibern der 2011 geschlossenen Spree-Bar Kiki Blofeld in Verhandlung. Sie interessieren sich für die Schauhalle in Nachbarschaft zu Bryan Adams. Es scheint, als warte dieses Gebiet noch auf einen Anstoß, um dort anzukommen, wo einige es vielleicht nie haben möchten. Mit dem Erfolg verschwindet das Raue, Schöneweide stehen noch einige hybride Jahre bevor.

© Berliner Morgenpost 2019 – Alle Rechte vorbehalten.