Schlager

Andrea Berg singt sich tief in die Herzen der Menschen

Andrea Berg, Deutschlands erfolgreichste Schlagersängerin, singt am Sonnabend und Sonntag in der O2 World in Berlin. Zehntausende Fans werden kommen. Warum eigentlich? Der Versuch einer Erklärung.

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Es muss schlimm um die Gesundheit Berlins bestellt sein. Gleich zwei Abende hintereinander rennen über zehntausend Menschen jetzt in die O2-World nach Friedrichshain – zu einer Arzthelferin. Ganz rotes Haar hat diese 48-jährige Frau. Andrea Berg ist in der Stadt. Die Andrea Berg, deren letzten sieben Alben auf Platz 1 der deutschen Charts waren, die Andrea Berg, die mehr als zwölf Millionen Platten verkauft hat, die Andrea Berg, die nach Angela Merkel wohl die wichtigste Frau Deutschlands ist.

Zu einfach ist es, sich aus der Hauptstadtperspektive vom vermeintlichen Oben aus über den Schlager im vermeintlichen Unten lustig zu machen. Dabei gibt es es weder das Oben, noch das Unten. Der Schlager nämlich muss in der Mitte stattfinden. Im Herzen der Menschen, die unser Land antreiben ist Andrea Berg ganz tief drin. Und hat einer mal Herz-Rhythmus-Störungen, dann ist Andrea Berg sofort zu Stelle. Andrea Berg ist der gute Herzschrittmacher Deutschlands.

Songs wie „Die Gefühle haben Schweigepflicht“ oder „Du Hast mich tausendmal belogen“ können mehr Menschen auswendig mitsingen, als Artikel 1 des Grundgesetzes wiedergeben. Sie sind im Nukleus der deutschen Seele angelangt.

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Andrea Berg wird am 28. Januar 1966 als Andrea Zellen in Krefeld geboren. Im Karneval zieht als Funkenmariechen über die Bühnen des Rheinlandes. Da arbeitet sie schon als Arzthelferin. Funkenmariechen, das ist die noch gesellschaftlich akzeptierte Form der erotischen Tanzdame vor dem Hintergrund der Brauchtumspflege. Als Frau muss man den Spagat beherrschen und kein Problem damit haben, den Rock zu lupfen. Aber es ist ja schließlich Karneval. Sie lässt sich in frühen Jahren oben ohne auf einem Motorrad fotografieren. Sie will nach oben, sie will berühmt werden. Diese Haltung und diese schmale Linie zwischen Sex und Bürgerlichkeit sind bis heute zentraler Punkt des Konzepts Andrea Berg.

Helene Fischer ist jung und sexy, aber eben unschuldig. Andrea Berg ist der gereifte Eros. Wenn Berg in Lederschnürkleidern über die Bühne läuft, dazu Nylonstrümpfe und Overkness mit Absatz trägt, dann knistert das nicht nur leicht, dann brennt es. Wenn sie dann noch singt „Ein Schiff wird kommen/ und das bringt mir den einen/ den ich so lieb wie keinen/ und der mich glücklich macht“, im Original sang das schon Lale Andersen, will doch ein jeder Fan ein Seemann sein.

Traditionelles Rollenbild

Berg steht dabei für ein männliches, herrschaftliches Rollenbild. Sie, die Frau, ist für den Mann da. So lange sie ihn hat, ist auch ihr Leben gut. Den Frauen vermittelt sie, sei sexy, trage Stiefel, Strapse und Leder, und du musst nicht alleine durch’s Leben gehen. Sie schreibt Songs für Menschen, für die eine Tätowierung den größten aller Liebesbeweise darstellt. Für die surrend unter die Haut gestochene Tinte der Höhepunkt ist. „Du bist wie ein Herztattoo/ Wie ein Zeichen für die Ewigkeit/ Alles, was ich will, bist Du“, heißt es im Stück „Herztattoo“.

Der Kosmos Berg ist aber keineswegs gefährlich, er ist halt, wie das Meiste im Schlager, eine pure Fantasiewelt, der bürgerliche Eskapismus, in dem der Bier trinkende Mann zum König wird, und die Frau, die das Bier bringt, zur Königin. Andrea Berg liefert Träume, für die, die nicht selbst davon träumen, Stars zu sein, Künstler, Erfinder, Überflieger. Andrea Berg liefert den möglichen, den nahbaren Traum.

Willkommen auf unserem Sonnenhof

Die zugelassene Nähe ist ihr Erfolg. Mit ihrem Mann Uli Ferber, einem Hotelier, betreibt sie in Aspach in Baden-Württemberg ein Hotel. Sonnenhof heißt das. „Wir verwöhnen Sie … aus Tradition … mit Herz … von Mensch zu Mensch … versprochen! Ihre Familie Ferber“ steht auf der Homepage des Unternehmens.

Daneben posiert die harmonische Großfamilie. Die Damen in Trachten, die Brüste hochgeschnürt, die Männer in Anzügen und einige auch mit Trachtenjacken. Süddeutsche Familienidylle. Und mitten drunter steht die Andrea Berg. Andrea Berg ist eine von uns, sagt dieses Bild. Und wer bei uns auf dem Sonnenhof Urlaub macht, für den ist die Andrea da. Jedenfalls könnte sie da sein, theoretisch.

Ein Star zum Fast-Anfassen

Diese enge Fan-Bindung ist wichtig für den Erfolg. Weihnachten können Fans bei einem Konzert mit Michael Wendler in dessen Garten feiern. Mit Helene Fischer fahren Fans auf eine Kreuzfahrt. Hansi Hinterseer veranstaltete seine legendären Wanderungen. Und die Andrea Berg schüttelt einem eben die Kissen und legt einem das Betthupferl aufs Kopfkissen. Zumindest stellt man sich das so vor.

Im Alaska-Restaurant des Hauses servieren sie Hirschrücken, Rehragout, Barbarie-Entenbrust, Lammbraten, Jäger- und Schweineschnitzel, Schweinemedaillons, Rinderroulade und die Western-Platte nach Art des Hauses. Musikalisch wie gastronomisch setzt Berg auf Deftiges.

Die Stimme quietscht ein bisschen

Auch in Andrea Bergs Musik gibt es keine Nuancen, es gibt nur das Ganze. Die drei letzten Alben lies sie Dieter Bohlen produzieren. In Bohlens, in Bergs Welt ist kein Platz für Schattierungen. Bohlen und Berg sind Bang-Boom-Bang. Bang-Boom-Bang-Kitsch, Bang-Boom-Bang-Schlager. Trötig, übermäßig süß, swarovskifunkelnd. Es geht nicht um Bergs Stimme, die quietscht nämlich, ein bisschen wie ein Gummistopfen, den man mit einem Ploppen aus der Badewanne zieht. Es geht um das Gefühl, die Berg ist eine von uns.

Als Unternehmerin handelt Berg wie keine zweite mit diesem Gefühl und ist überaus erfolgreich. Bambi, Bild-Medienpreis, sechs Echos, zwei Goldene Hennen, acht goldene Stimmgabeln, drei Kronen der Volksmusik, 10-fach-Platin-Milleniums-Schallplatte für ihr Album „Best of“. 2008 bekommt Andrea Berg sogar das Verdienstkreuz am Bande vom damaligen Bundespräsidenten Horst Köhler. Sie engagiert sich für ein Hospiz in ihrer Heimatstadt Krefeld.

Andrea Berg ist die gute Dame Deutschlands, die Erfolg, Nähe, Eros und Erdung hat. Deutschland sehnt sich nicht nach einer Lady Gaga, nicht nach den crazy nights zwischen Berghain und Borderline, zwischen Ruhm und Rausch. Deutschland will einfach die Andrea Berg. Und Berlin hat sie ganze zwei Tage für sich.