Musik

Die lange Odyssee eines Berliner Philharmonikers

Konzertmeister Szymon Goldberg floh 1934 aus Berlin. Nach dem Krieg wurde ihm die Rückkehr verwehrt. Eine Ausstellung rekonstruiert nun diese Geschichte und seine zahlreichen Lebensstationen.

Foto: Archiv Berliner Philharmonie

Wer sich die aktuelle Fotoausstellung in der Philharmonie einmal genauer anschaut, wird einige gespenstische Details entdecken können. Ein altes Bild zeigt beispielsweise die Berliner Philharmoniker, die zur Eröffnung der Reichskulturkammer am 15. November 1933 spielen.

Am Rednerpult geifert gerade Propagandachef Joseph Goebbels, der sich ja die RKK zur Kontrolle der deutschen Künstlerschaft eingerichtet hat. Der „Ariernachweis“ ist zwingend, alle anderen trifft faktisch ein Berufsverbot. In der ersten Reihe links sitzt der hofierte Chefdirigent Wilhelm Furtwängler, vor ihm steht ein SA-Mann. Oben auf der Bühne sitzt als 1. Konzertmeister Szymon Goldberg, ein Jude. Wenige Monate später wird der Geiger Berlin, wie es heißt, fluchtartig verlassen.

Vergangenheit aufarbeiten

Die Philharmoniker sind schon längere Zeit dabei, ihre Nazi-Vergangenheit aufzuarbeiten. Der Fall Szymon Goldberg gehört dazu. Ausstellungsmacher Helge Grünewald zeichnet jetzt im Foyer die Odyssee des Berliner Philharmonikers nach und weist auf allerlei Ungereimtheiten hin. Dazu gehört auch, die Anständigen wie die Unanständigen im Orchester benennen zu wollen. Furtwängler hat sich offenbar für seinen 1. Konzertmeister eingesetzt.

In der Ausstellung ist ein Artikel der „Essener National-Zeitung“ von April 1934 ausgestellt, in der bei einem Gastspiel der Philharmoniker moniert wird, dass der Staatsrat Furtwängler an seinem „jüdischen Konzertmeister Goldberg“ festhält. Furtwängler hat sich bei der Redaktion beschwert. Er hielt Goldberg für den Besten in ganz Europa.

Außerdem waren die Spitzenmusiker befreundet. Ein Foto zeigt, wie ein Dutzend Freunde Furtwängler zum 47. Geburtstag ein lustiges Ständchen spielen, dazu hat man sich verkleidet: Komponist Paul Hindemith trägt Lederhosen, Goldberg einen Sombrero. Der jüdische Solo-Cellist Nicolai Graudan ist dabei. Auch er wird – wie Geiger Gilbert Back und Solo-Cellist Joseph Schuster – die Philharmoniker bald verlassen müssen.

Wunderkind wird mit 16 Konzertmeister

Der Geiger Szymon Goldberg ist als Wunderkind in die Musikwelt gekommen. 1909 im polnischen Wloclawek geboren, studiert er Geige in Warschau. Als Neunjähriger kommt er nach Berlin. Bereits 1924 debütiert er bei den Philharmonikern. Im Jahr darauf – mit 16! – wird er sofort 1. Konzertmeister der Dresdner Philharmoniker.

Ein Foto zeigt sein Dresdner Goldberg-Quartett, in dem auch der Cellist Wolfram Kleber mitspielt. Aber das einträchtige Miteinander ist trügerisch. Der Cellist wird zu den Berliner Philharmonikern wechseln und irgendwann zu einem strammen Nazi. Nach dem Krieg trennen sich die Philharmoniker in einem Gewissensprozess von Kleber. Und auch von anderen.

Furtwängler hatte Goldberg 1930 zu den Philharmonikern geholt. Beschrieben wird er als ein Virtuose mit katzenhafter Grazie. Er ist kein Mann der lauten Töne. Als die Nazis an die Macht kommen, muss es irgendwelche Absprachen gegeben haben. Offenbar sollte oder musste Goldberg nicht am ersten Pult sitzen, wenn Nazigrößen im Konzert sind.

Japaner internieren Goldberg und seine Frau

Irgendwann aber spielt er vor Hitler, in einem Brief regt er sich darüber auf. Am 3. April 1934 spielt er zum letzten Mal im Beethoven-Zyklus. Goldberg kommt der drohenden Entlassung durch Nichtverlängerung seines Konzertmeister-Vertrags zuvor. Seine Kündigung wird nach dem Krieg zu merkwürdigen rechtlichen Verwicklungen führen.

Aber zunächst reist er als Virtuose durch die Welt, debütiert in der New Yorker Carnegie Hall. Auf einer Tournee in Java wird er vom Rassenwahn der Nazis eingeholt. Die mit Deutschland verbündeten Japaner halten Goldberg und seine Frau Maria von 1943 bis 1945 in verschiedenen Konzentrationslagern fest. Nach dem Krieg lebt das Ehepaar mehrere Jahre in Australien. Aber die Odyssee geht weiter.

1953 wird er amerikanischer Staatsbürger, zwei Jahre später Chef des Niederländischen Kammerorchesters. Ab 1969 hat er seinen Hauptwohnsitz in London, dann geht es wieder zurück in die USA. 1985 stirbt seine Frau. Drei Jahre später heiratet er eine japanische Pianistin. Der Getriebene stirbt 1993 im Alter von 84 Jahren in Toyama in Nordjapan.

Gericht gewährt Entschädigung

Bemerkenswert ist, dass Goldberg in den 50er-Jahren zu den Berliner Philharmonikern zurück wollte, aber nicht mehr konnte. Sein Wunsch wurde in teils unerklärlichen Verwaltungsvorgängen zerrieben. Zunächst fanden sich keine Unterlagen mehr, die bestätigten konnten, dass er überhaupt Konzertmeister im Orchester war. Was grotesk anmutet angesichts existierender Tonaufnahmen und Konzertzettel.

Intendant Wolfgang Stresemann wiegelte die Wiedereinstellung mit dem knappen Hinweis ab, dass keine Konzertmeister-Position frei sei. Man war bereits im Jahr 1964 angekommen, als das Landesverwaltungsgericht Berlin Goldberg eine „Wiedergutmachung“ zusprach. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass er „aus rassischen Gründen sein Dienstverhältnis als Erster Konzertmeister des Berliner Philharmonischen Orchester im Jahre 1934 lösen musste“. 1970 wird Goldberg entschädigt für seinen Einkommensausfall von Mai 1934 bis Dezember 1953.

Das Spannendste an der Ausstellung ist, dass vieles im Dunkeln bleibt, weil die Beteiligten längst verstorben sind, aber der Fall und die Figur Goldberg immer noch an Kontur gewinnen. Dazu gehört auch die letzte Korrektur, wonach Goldberg nach dem Krieg doch wieder in Berlin aufgetreten ist. 1978 gastierte er mit dem Pianisten Stefan Askenase im Konzertsaal der Hochschule der Künste, man spielte Beethoven. Mit den Philharmonikern hat Goldberg allerdings nie wieder musiziert.