Kunstsache

Die Königin der Spritzpistole und ihre Objekt-Malerei

Erdhaufen, Wände oder ein ganzer Bahndamm: Grenzen kennt die Künstlerin Katharina Grosse keine, alles wird zum Kunst-Objekt. Im Hamburger Bahnhof ist sie mit „I Think this is a Pine Tree“ zu sehen.

Foto: © Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof,Staatliche Museen zu Berlin / Thomas Bruns © VG Bild-Kunst B / © Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof,Staatliche Museen zu Berlin / Thomas Bruns © VG Bild-Kunst Bonn,2013

Für Emma gibt es eine Königin der Malerei und die heißt Katharina Grosse. Die Königin mag die Bezeichnung sicher nicht, sie kleidet sich im Studio gerne in weiße Malerhosen samt Bergstiefel und benutzt lustvoll ihre Spritzpistolen, um die Objekte ihrer Begierde mit Farbe zu "bemalen".

Das können wahlweise Erdhaufen sein, Wände oder gleich ein ganzer Bahndamm. Grenzen setzt sie sich da keine, vor ihrer Farbe ist nichts sicher, schließlich erweitert sie die Malerei in die Landschaft, in den Raum, ja in die Architektur hinein.

Seit einigen Jahren lebt und arbeitet sie schon fest in Berlin und hat Ende des Jahres nun gleich drei Ausstellungen in der Stadt. Wirklich furios ist ihre Installation bei den "Wallworks" in den Rieckhallen im Hamburger Bahnhof. Ihr Titel: "I Think this is a Pine Tree".

Riesige Stämme und Wurzeln füllen die Halle

Die drei gigantischen Stämme mit ausgreifendem Wurzelwerk liegen in einer der Hallen, überzogen von einer magischen, überbordenden Farbwolke aus Rot, Gelb, Grün und Blau, die sich auch über Wände und Boden ausbreitet. Sozusagen ein Bild ohne Rahmen; der Baum ist für Grosse so etwas wie das "Urbild" des Menschen.

Im Tegeler Forst stapfte sie durchs Grün, um die geeigneten Sprüh-Objekte zu finden. Natürlich ein genehmigtes Projekt. Die Hölzer wurden mit Spirituslauge behandelt, damit nicht die Schädlinge im Museum auf Raubtour gehen.

Der museale Kick: In Michelangelos Pistolettos Spiegelfragmenten an der grauen Wand gegenüber reflektiert sich Grosses Farbgewitter auf seltsam flüchtige Weise. Die Farbe erscheint als Pigment. Dies ändert sich je nach Position des Besuchers.

Farbe, Farbeimer und Spritzpistolen allerorten

Das hat durchaus etwas Theatralisches, besitzt Bühnenreife – Grosses Malerei feiert sich halt in einem dramatischen Auftritt. Auch ihr minimalistisches Atelierhaus in Moabit spricht Bände: überall Farbe, Farbeimer in meterhohen Regalen, Spritzpistolen allerorten.

Johann König in Kreuzberg präsentiert ihre "Psychoworks" wie in einem intimen Kabinett. Sie sind weniger bekannt im internationalen Werk der Malerin. Kleine Formate auf Papier, sozusagen das kontemplative Pendant, welches das "enge Denken im Kopf" befördert, wie sie sagt. Vielleicht sind diese Blätter auch so etwas wie eine Verschnaufpause zwischen all den ausgreifenden, bewegten Arbeiten, die sie in diesem Jahr realisierte.

Die Papiere unterzieht sie einer Prozedur, sie werden gefaltet, eingerollt und abgedeckt, Stecknadeln perforieren die Oberfläche, geben eine Struktur. Auch die Finger kommen zum Einsatz, und klar, die Spritzpistole. Ob Grosse eine Lieblingspistole hat? Wer weiß.

Hamburger Bahnhof, Invalidenstr. 50/51. Di-So 10-18 Uhr. Do bis 20 Uhr. Sa/So 11-18 Uhr. Bis 31. August.

Johann König, Dessauer Str. 6-7, Kreuzberg. Auf Anfrage.

Jörn Grothkopp: Zauberer des Lichts

Was für Katharina Grosse die Pistole und die Farben sind für Jörn Grothkopp der Pinsel und die Leinwand. Er ist ein Zauberer des Lichts, seine Farbe ist das Weiß, das er modelliert wie ein Bildhauer.

Wie viele Nuancen es bei ihm haben kann, verblüfft in der Galerie Deschler. Fünf bis zehn, sagt der Künstler. Nicht aus der Tube, die mischt er sich auf der Palette zusammen. Emma meint, im Dunkeln leuchten diese Bilder noch nach.

Was Grothkopps Malerei so anziehend macht, ist ihr ephemerer Charakter. Egal was er malt, ob Fische, Mädchen, Akte, diese Motive sind wie von Schleiern überzogen, hauchzart entziehen sie sich der realen Zuordnung. Die Akte verlieren sich nahezu im hellen Nichts, doch wir vervollständigen die Körper im Kopf. Bei Landschaften funktioniert das nicht, erzählt der Maler. Fantasie nennt man das. Oder Erotik?

Galerie Deschler, Auguststr. 61, Mitte. Di-Sa 12-18 Uhr. Bis 25. Januar.

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