Ein Typ von einer großen Musikzeitschrift meinte noch, dass es bisher noch niemand geschafft hat, ihm zu erklären, warum der Casper so durch die Decke geht und, dass er das selbst gar nicht nachvollziehen kann, warum sich jetzt Sechzehnjährige die Liedzeilen des Rappers tätowieren lassen wollen. Das müssen viele sein. Denn vor der Hauptbühne ist ein Andrang wie nur am Vorabend bei Blur. Jung sind die Fans, die jede heisere Zeile am Abend mitsingen. Sein letztes Album „XOXO“ ging auf Platz 1 der deutschen Albumcharts.

Das nächste wird diesen Monat veröffentlicht. Casper ist ein Hans Dampf in allen Gassen. Die Aggression des Punk, die Klaviermelodien des Schmusepoppers, natürlich auch ein bisschen Elektro. Casper ist der größte gemeinsame Nenner einer Generation, die sich nicht mehr festlegen will, die pseudoanarchisch Mittelfinger in die Höhe reckt und in der Wahlkabine das Kreuzchen dann doch für die CDU macht, weil Angela Merkel eine echt gute Kanzlerin ist.

20.000 Menschen sollen hier auf dem Flughafen Tempelhof auf dem Berlin Festival sein, aber irgendwie kommt das einem weniger vor. Wahrscheinlich liegt es daran, dass die Veranstalter die Bühnen dieses Jahr entzerrt haben. So muss man von der Hauptbühne bis zur entlegenen Bühne im Hangar 2 mehr als einen Kilometer laufen.

Auf dem Rollfeld offenbart sich ein großes Spektakel der Inszenierungen. Pistolen, aus denen Lichtstrahlen und Seifenblasen schießen, werden mit tellergroßen Pupillenaugen abgefeuert. Leopardenkostüme fauchen von links, von rechts spritzt eine Bierfontäne durch das rauchige Aroma eines Dampfschweins.

Dillon spielt hinten im Hangar eines der größten Konzerte des Festivals. Es ist dunkel und die Sängerin trägt eine schwarze Robe. Da sind nur die sparsamen Klavierakkorde und ein Schnipsen auf die Zwei und die Vier und ihre Stimme, die so unperfekt perfekt klingt.

Stimme aus Honig

Zerbrechlich und spröde wie Glas. „You’d be thirteen/ I’d be thirty-five...“, sie singt von einer unschuldigen Liebe, so schön, so traurig. Björk spielt hinten am Horizont mit einem Kinderchor. Die Glöckchen in „Crystalline“ legen die Fährte in den isländischen Kaninchenbau.

„Der kann ja richtig singen“, hört man viele sagen, als Fritz Kalkbrenner das Festival beendet. Der kleine Bruder von Paul, er hat eine Stimme aus Honig. „Won’t you come with me/ Right in the dark“, Sonnenuntergangsgitarrenakkorde, dazu diese Stimme. Hinter seinem Pult tänzelnd, Knöpfe drehend, singt Kalkbrenner in sein Mikrofon, wie ein zufriedener junger Bär. Ja, Fritz, wir folgen Dir in die Dunkelheit.