Berlin Music Week

Blur und Pet Shop Boys begeistern Fans beim Berlin Festival

Der ehemalige Flughafen Tempelhof hat sich in eine riesige Open-Air-Bühne verwandelt. Zum Auftakt des Berlin Festivals waren Bands wie Blur und die Pet Shop Boys die Stars des Abends.

Foto: Debbie Hickey / Getty Images

Als könnte ihn nichts aus der Ruhe bringen, spaziert der Sänger Dagobert am Freitag Nachmittag den Weinbergsweg hinauf. Da ist die Berlin Music Week schon seit zwei Tagen in der Stadt. Auf zahlreichen Konferenzen und Konzerten buhlen Musiker um Fans bei den Konzerten und um Förderer aus der Industrie für die Finanzen.

Die Industrie wiederum will Deals eintüten. Konzertagenturen wollen den neuen Super-Künstler entdecken. Firmen wie „Tracks & Fields“ schicken Leute auf das Berlin Festival, um Bands zu finden, deren Musik für Werbeclips benutzt werden können. Und Dagobert, der hat ein Lustiges Taschenbuch unter dem Arm, Nr. 81 – Donald im Rampenlicht. Die Spätsommersonne ist angenehm warm, Dagoberts schwarze Stiefel glänzen. Die M1 bummelt hinter einem schwitzenden Fahrradfahrer her.

„Ich bin für so einen Award nominiert, als bester Act 2012. Aber das ist ja eigentlich Quatsch, weil ich 2012 noch gar nichts gemacht habe. Get Well Soon sind auch nominiert. Und dem gönn' ich das wirklich.“ Get Well Soon, das ist ist die Band von Konstantin Gropper, der hat beim Dagobert-Debüt mitproduziert, um zwanzig Uhr spielen Gett Well Soon auf dem Berlin Festival.

„Ich geh jetzt mal nach Hause. Bis bald.“, sagt Dagobert und der elegante Mann läuft weiter den Weinbergsweg in Richtung Norden. Es ist eine wahre Offenbarung, so jemanden, wie Dagobert zu treffen, der sich nicht um die Hypes und Mechanismen von Veranstaltungen schert, der einfach sein Lustiges Taschenbuch dabei hat, und wirklich zufrieden ist.

Gedränge im VIP-Bereich

Beim Berlin Festival ist das natürlich anders. Im VIP-Bereich kämpft die Berliner Szene um die ersten Biere. Da sind die Männer im Hintergrund, die einflussreichen Musikmanager, deren Künstler gerade alle Magazine zieren. Die Chefredakteure, die diese Künstler mit abklatschen, sie stoßen gemeinsam an. Wilson Gonzales kommt mit blauem Haar und einer ganzkörpertätowierten Sängerin in den Bereich, der gefühlt größer ist als das ganze Festival. In weiter Ferne treten MIA auf, aber die meisten der wahnsinnig wichtigen Menschen interessieren sich eben doch für Bier. Das ist wirklich so. Und in Hangar 2, endlich, da spielt eine große, eine ganz einzigartige Musik.

Get Well Soon beginnen mit einem märchenwaldverhuschten „The Last Days Of Rome“. Die Glöckchen läuten, die Orgel im Offbeat und Gropper spielt auf einer wunderbar winzigen Gitarre, das muss eine E-Mandoline sein. Vor der Bühne drehen sich kleine Feen im Kreis, ihre Augen sind geschlossen, um sie herum tragen sie aus goldenem Glitzer gemalte Masken und sie wirbeln den Staub vom Boden auf. Das wäre wirklich ok, wenn Get Well Soon diesen Award gewinnen würden. Denn wer so zauberhafte Stücke schreibt und spielt, der kann kein schlechter Mensch sein. Auch, wenn Konstantin Gropper immer so traurig aussieht, im tiefsten Herzen muss er ganz zufrieden sein. Das hört man.

Fußmarsch für die Pet Shop Boys

Wer jetzt zu den Pet Shop Boys will, der muss sich beeilen, der muss vom einen Ende des ehemaligen Rollfelds des Flughafen Tempelhof zum anderen laufen. Bestimmt eineinhalb Kilometer. Auf der Reise zur Hauptbühne offenbart sich ein großes Spektakel der Inszenierungen. Pistolen, aus denen Lichtstrahlen und Seifenblasen schießen, werden mit tellergroßen Pupillenaugen abgefeuert. Leopardenkostüme fauchen von links und von rechts spritzt eine Bierfontäne durch das rauchige Aroma eines Dampfschweins.

Auf dem Tempelhofer Feld schweben die Drachen auf und davon in Richtung Nacht. Ralf Ziervogel, ein Berliner Künstler, hatte auf der Architekturbiennale 2012 in Venedig einen Entwurf für das Tempelhofer Feld vorgestellt. Er wollte so einen riesigen Kubus dort hinstellen, ganz in weiß. Mit einer Kantenlänge von hundert Metern. So teuer wäre das nicht geworden. 17 Millionen oder so. Im Gegensatz zum Flughäfen wäre so ein Kubus auch schnell gebaut. Na ja.

Um halb neun beginnen die Pet Shop Boys mit ihrer, wie soll man sagen, ist das ein Konzert? Am ehesten ist das eine gigantische Performance. Da stehen also die zwei honorigen Männer Neil Tennant und Chris Lowe. Chris Lowe natürlich hinter dem Synthesizer Turm. Seine Rolle in der Band ist die Statik. Wie ein unumwerfarber Turm gilt es für ihn, im Tsch-Da-Da der Synthies einfach nur zu sein.

Was für einen großen Kopf dieser Neil Tennant hat. Er sieht noch größer aus, weil er am Körper ein schwarzes Kostüm aus Trinkhalmen trägt. Und er beherrscht die Gesten, die die Massen bewegen. Arme auf, wie ein Engel und wieder zu. Jedenfalls sind die beiden Köpfe der Pet Shop Boys auf eine Leinwand projiziert. Vom im vergangen Jahr erschienen Album spielen sie „A Face Like That“.

Überall sind Blitze, das ganze Rollfeld ist von Rauch und Laserstrahlen erfüllt und natürlich von dieser herrlich schwülen Nachtmusik, die alle, die sich zurecht gemacht haben, die Glitzer und Lippenstift aufgelegt haben, als wäre der Karneval der Kulturen wieder in der Stadt, bestätigt.

Mit Zeilen wie „With a face like that/ You could earn a fortune/ With a face like that/ You could land on the moon/ With a face like that/ The world is your oyster/ With a face like that/ In a place like this“, umgarnen und karikieren die Pet Shop Boys den Ist-Zustand der Berliner Weggehgesellschaft gleichermaßen. Da macht es auch nichts, dass es manchmal so klingt, als würde ein Vollplayback eiern.

Ein Musikkritiker vermutet, dass wochenlange Proben, die Illusion des eiernden Playbacks erst möglich gemacht haben, und, dass die Pet Shop Boys nach wie vor ganz groß seien. Teufelsgehörnte Figuren betreten nun die Bühne, umspielen die beiden Herren, wie griechische Halbgötter. „Go West“, natürlich, ab in den Westen. Angeblich haben die beiden in Wilmersdorf ein schnuckeliges Appartement. Ihre Melodien sind immer noch so unfassbar groß. Und erst das Licht, die verschiedenen Ebenen von Grün, das post- und preepileptische Donnern der Lichtorgel.

Blurs Texte kennt einfach jeder

Blur können es nicht leicht haben. Aber Jeansjacken-Damon-Albarn weiß, wer es in Berlin schaffen will, der muss mit Transgender-Queer-Disco kommen. Er sagt noch eben „Guten Abend“ bevor Blur von „Girls & Boys“ singen. Ein Song mit Hals-vor-und-zurück-Bass, so, dass die Mitnicker tanzenden Hieroglyphen-Ägyptern gleichen. „Girls who are boys/ Who like boys to be girls/ Who do boy like they're girls/ Who do girls like they're boys/ Always should be someone you really love“.

In diesen Zeilen erkennt jeder, dass Brit-Pop kein Irrtum war, sondern eine künstlerische Position, die den kommenden Zeitgeist von Gender-Equality bereits 1994 erkannte. Aber mal ehrlich, Blur sind großartig, wirklich. Lange hat Berlin keine größere Performance gesehen. Albarn ist der Springteufel und Coxon, der Stoiker.

Die Pet Shop Boys waren zu leise, Blur sind genau richtig. Das downstrokige, sägeblattverzerrte Heroin-Stück „Beetlebum“ - wie fantastisch kann ein Song über die ekelhafteste und doch romantischste Droge der Welt nur sein? Und wie fantastisch kann ein quergestreifter Graham Coxon auf seine Gitarre einschlagen und dabei auf den Boden schauen.

Albarn schaut natürlich über das Publikum hinweg. Sie spielen „Out Of Time“. Diese Zeile, so melancholisch schwebend, „watch the world spinning gently out of time“, und jeder, wirklich jeder, singt sie mit. Blur sind, obwohl der Britpop längst weitergezogen ist, und Elektro der neue Sound einer ganzen Generation geworden ist, immer noch die Hymnen-Schreiber von damals.

Die Hymnen, zu denen die jetzt 30 bis 45-jährigen Angekommenen, damals knutschen und kotzen lernen durften, haben auch Dekaden nach ihrer Entstehung nichts von ihrem Glanz verloren. Die Drachen in Tempelhof haben sich schon schlafen gelegt. Aber in der Arena, im Glashaus und im Badeschiff tanzen die jungen Welpen weiter bis zum Morgengrauen.