Berlin Music Week

Warum angesagte Clubs keine Lust auf die Music Week haben

Zur Berlin Music Week kommen 2000 Fachbesucher und rund 40.000 Fans in die Hauptstadt. Die Branche feiert sich selbst - doch einige Clubs machen bei dem „Disneyland“ erst gar nicht mit.

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Am Mittwoch geht es wieder los. Dann sind Friedrichshain und Kreuzberg für fünf Tage der Nabel der musikalischen Welt. Die Berlin Music Week ist zum vierten Mal in der Stadt. Über 2000 Fachbesucher aus Serbien, Amerika, England, Frankreich, Spanien, Mexiko und eigentlich überall her kommen in die Stadt – 30 Länder sollen es wohl sein – um ihr neues Start-up zu verkaufen, um die neue Band zu entdecken, die sie dann im Heimatland vermarkten wollen, um ihr Plattenlabel vorzustellen, um Geschäfte zu machen. Hunderte von Künstlern werden übernachten, essen gehen, Taxi fahren. Und dazu kommen natürlich noch die Fans. 20.000 waren vergangenes Jahr allein auf dem Berlin Festival. Dieses Jahr gibt es mit „First We Take Berlin“ ein Newcomer-Showcase-Festival, also eine Veranstaltung, auf der sich besonders junge, noch nicht etablierte Bands, Musikfans und Fachpublikum präsentieren können.

Besucher lassen 13,2 Millionen Euro in Berlin

Für Berliner Newcomer wird der „Berliner Music Award“ verliehen. Es werden wohl weit über 40.000 Besucher zur Music Week kommen. Die Veranstalter rechnen mit Ausgaben von 13,2 Millionen Euro, die Fachbesucher und Fans in Berlin lassen. Gut, die Fashion Week bringt jährlich Investitionen von 120 Millionen mit sich, findet dafür auch zwei Mal statt. Aber die gibt es ja auch schon etwas länger als die Music Week.

Björn Döring ist guter Dinge. Der 42-jährige ist Head Of Project der Berlin Music Week. Er hat alle zusammen zu bringen. Die Konferenzen und Panels für Fachbesucher bei „Word!“ im Postbahnhof, die Themen sollen sich dieses Jahr auf „Technologie und Musik“ sowie „Recorded Music“ konzentrieren, das Berlin Festival, das Showcase-Ding, die verschiedenen Preise, das Auf-Den-Dächern-Festival und die vielen kleinen Veranstaltungen wie Canadian Music Week oder Island Records Night.

Früher war Döring Veranstalter, war für die Fête de la Musique zuständig, buchte das Musikprogramm für Arena und den Admiralspalast. Jetzt sieht er sich als Übersetzer. „Ich bin ein Veranstalter, dem die Hände auf dem Rücken zusammengebunden sind“, sagt er am Telefon, gerade ist er in den letzten Zügen der Organisation. Ungefähr 50 Leute beschäftigen sich mit der Organisation der Berlin Music Week. Döring vermittelt zwischen Politik und Musikszene. Verteilt mit einem Gremium, einem Beirat und Mitgliedern des Wirtschaftssenats die 700.000 Euro Zuschüsse vom Senat an die Parteien der Music Week. „700.000 Brutto, da gehen noch mal 19 Prozent Steuern ab“, betont Döring. Aus 700.000 Euro werden am Ende 588.234. Trotzdem will er nicht klagen. Das Geld ist gut angelegt. Döring vernetzt Konzertveranstalter mit Buchungsagenten, vernetzt Unternehmer mit Investoren, die können wiederum auf der Konferenz „Word!“ im Postbahnhof sprechen.

Trotz Einnahmen: Musische Bildung in Berlin liegt brach

Trotz der Millionen-Einnahmen hat der Senat nicht genug Geld, um die musische Bildung der Bevölkerung zu gewährleisten. Erst am Sonntag demonstrierten Berlins Musikschullehrer wieder für eine angemessene Entlohnung und feste Anstellungsverträge.

Die Gewerkschaft Verdi beklagt, dass 94 Prozent der Berliner Musikschullehrer nur Honorarkräfte und nicht sozial abgesichert seien. Viele Pädagogen seien „armutsgefährdet“. Auch an den allgemeinbildenden Schulen ist Musik ein sogenanntes Mangelfach.

Vielleicht sollten die Lehrer ihr Glück im Musikbusiness versuchen und eine Band gründen.

90 Bands an zwei Tagen in zehn Clubs

Letztes Jahr fand die Fachbesuchertagung noch im Spreespeicher statt, es war zu eng dort. Der Postbahnhof bietet neuen Raum für neue Formate. Zum ersten Mal können sich am 6. September junge Ideen im Start-Up-Corner vorstellen. Die Berliner Firma Gigflip präsentiert sich dort zum Beispiel. Die Idee hinter Gigflip ist es, das Fans über die Internetseite den Bedarf von Konzerten bestimmter Bands in bestimmten Städten abbilden können. Die Industrie, also Plattenfirmen oder Konzertagenturen, oder auch die Bands direkt, können dann darauf reagieren und Konzerte dort veranstalten, wo eine Nachfrage entsteht.

Neben den Neuerungen im Business-Bereich, fällt vor allen Dingen das Showcase-Festival „First We Take Berlin“ auf. Julia Gudzent von der Firma Melt!-Booking ist dafür verantwortlich. Ende Mai bekam sie die Zusage „First We Take Berlin“ zu organisieren. Drei Monate blieben also, um insgesamt 90 Bands zu buchen, die an zwei Tagen in zehn verschiedenen Clubs spielen. 15 Euro Eintritt kostet das gesamte Programm. Besucher des Berlin Festivals bekommen gegen Vorlage ihrer Karte Zugang zum Newcomer-Festival, auf dem auch etablierte Bands wie Die Orsons, Fuck Art, Let’s Dance oder Balthazar spielen.

Konzerte vor Fachpublikum

Die Idee hinter „First We Take Berlin“ ist es, Bands sowohl vor echten Zuschauern, als auch vor Promotern und Konzertveranstaltern spielen zu lassen. „Nur vor Fachpublikum zu spielen, ist das Schlimmste der Welt für Bands. Die Booker und Promoter tanzen nicht, sie unterhalten sich. Nach fünf Minuten können die abschätzen, ob eine Band was taugt“, weiß Julia Gudzent aus eigener Erfahrung. Und so sorgt sie mit dem Mischkonzept für tanzende Fans und investitionsbereite Menschen aus der Branchen. Dass solche Konzepte aufgehen, zeigt das niederländische Eursonic Festival. Hat eine junge Band dort gespielt, wird sie danach im Schnitt für 20 weitere Auftritte gebucht. Eine Erfolgsgarantie gibt es freilich nicht, aber zumindest eine Chance.

Trotz der großen Wirtschaftskomponente, nach dem Ende der Popkomm ist die Music Week auch die Nachfolgeveranstaltung, die Music Week ist vor allen Dingen für die Berliner eine großartige Möglichkeit, in kurzer Zeit Hunderte von neuen Bands kennen zu lernen, oder die Großen zu feiern. Denn wann kommen schon mal Blur, Björk und die Pet Shop Boys an einem Wochenende in die Stadt.

Kritiker nennen Music Week „Disneyland“

Spielverderber sind da Leute wie Steffen Hack. Seine Türsteher schicken jeden Abend 300 bis 400 Musikfans nach Hause. Hack ist Chef vom Watergate, einem der Top-Clubs in der Hauptstadt. Wenn das Watergate offen hat, erkennt man das an der riesigen Schlange davor. Allein aus Platzgründen kann Hack nur einen Teil der Leute hineinlassen.

Die Abgewiesenen ziehen dann zum nächsten Club in der Hoffnung, dort hineingelassen zu werden. Viele sind betrunken und grölen laut herum. Das nervt die Anwohner, denn die meisten Clubs liegen in Wohngebieten. Zudem steigen die Mieten steil an. Die Musikunternehmer, von denen sich auf Werben der Politik mehr und mehr ansiedeln, können sie bezahlen. Aber die normalen Anwohner werden aus ihren Kiezen verdrängt. Das soziale Klima ist gereizt.

Kommerzspektakel und „Disneyland“ nennt Watergate-Chef Hack die Musikwoche. Die Menschen kämen nach Berlin, um an diesem Abenteuer teilzunehmen, das nach der Wende begann. Junge, kreative Leute strömten nach Ost-Berlin, besetzten Häuser und Brachen und feierten irrwitzige Partys. Techno eroberte von Berlin aus die Welt, im Ecstasy-Rausch lagen sich Ost und West in den Armen und verbrüderten sich.

Diese Zeiten sind lange vorbei. Es gibt immer noch gute, alternative Clubs, etwa das About Blank, das Sisyphos und natürlich das Berghain. Aber die machen alle nicht mit bei der Music Week. Auch nicht das Watergate. Stattdessen werden den Besuchern Lokalitäten als Clubs verkauft, wo sonst antike Ausstellungen und Flohmärkte stattfinden, etwa in der Arena Berlin. Weitere „Clubadressen“ laut Programmheft: der Flughafen Tempelhof und die Hauptstadtrepräsentanz der Deutschen Telekom AG.