Bühne

Nicht mal im Theater hat man noch eine Pause

Kinofilme werden immer länger, Theateraufführungen immer kürzer. Der Trend geht zum Durchspielen, selbst Klassiker kommen in dieser Saison kompakt auf die Bühne. Mitunter werden auch Getränke gereicht.

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Die Theatersaison ist fast vorbei, aber irgendwas fehlte in dieser Spielzeit: Die Pause. Immer mehr Regisseure ziehen es vor, eine Geschichte kurz und kompakt zu erzählen. Und unterscheiden sich damit vom Kino, wo die 90-Minuten-Marke längst kein Thema mehr ist. Selbst Action-Filme dauern selten unter zwei Stunden. Beim letzten Tarantino-Film „Django Unchained“ gab es im Multiplex eine verkaufsfördernde Pause, die die Zuschauer nachhaltig aus der Handlung riss, weil viele sie dazu nutzten, ihren Vorrat an Tortilla-Chips und anderen geruchs- und geräuschintensiven Snacks aufzufrischen.

Davon ist man im Theater verschont, lediglich Trinkflaschen haben sich dort verbreitet. Möglicherweise hängt die Zunahme der in den Saal mitgenommenen Erfrischungen mit der Abnahme von Pausen zusammen: Wer Angst vor Dehydrierung hat, wird Vorkehrungen treffen, um diesen Zustand zu vermeiden. Zumal oben gern vorgetrunken wird, beispielsweise in Lars Eidingers „Romeo und Julia“, wo die Garderobe Teil des Bühnenbildes ist. Mitunter bekommen auch die Zuschauer Getränke gereicht, Regisseur Nicolas Stemann schenkt in seiner „Gefahr-Bar“, ebenfalls an der Schaubühne, persönlich aus.

Gelangweiltes Luxusweibchen

In den „Räubern“ wird das Streichen der Pause sogar thematisiert. Regisseur Antú Romero Nunes lässt das Schiller-Drama am Maxim Gorki Theater von lediglich drei Schauspielern aufführen – und die treten auch noch hintereinander auf. Als Michael Klammer mit seinem Monolog beginnt, wähnen sich die Zuschauer schon in der Pause. Das Saallicht brennt bereits, plötzlich tritt im dichten Bühnennebel mit viel Getöse der Schauspieler auf, nimmt die Ohrstöpsel heraus und verkündet mit verschmitztem Gesichtsausdruck: Wir spielen die „Räuber“. Die Pause, die hab’ ich ihnen geklaut.

Kein Einzelfall: Auf dem letzten kompletten Monatsspielplan des Maxim Gorki Theaters, das seine Saison wegen des Wechsels in der Intendanz bereits am vergangenen Wochenende beendet hat, steht hinter jedem Stücktitel die Aufführungsdauer, hervorgehoben durch eine Uhr, die aussieht wie ein Wecker: Von den 25 im Mai gezeigten Stücken verzichten 20 auf eine Pause. Die Aufführungsdauer pendelt zwischen 75 und 120 Minuten.

Unbequeme Sitze

Mit zwei pausenlosen Stunden ist eigentlich auch die Grenze in den Häusern erreicht, die über unbequemes Gestühl verfügen. Dazu zählen neben dem Gorki auch die Schaubühne und das Festspielhaus. Das wurde zwar saniert, aber man verzichtete wegen des Denkmalschutzes darauf, die engen Abstände zwischen den Stuhlreihen dem Größenwachstum der Bevölkerung anzupassen. Dass man Bequemlichkeit und Bewahrung bei einer Renovierung vereinen kann, hat übrigens das Deutsche Theater (DT) vor einigen Jahren bewiesen.

Trotzdem kann man auch am DT einen Trend zum Durcherzählen erkennen. Schon zum Saisonauftakt inszenierte Stephan Kimmig in „Ödipus Stadt“ drei griechische Tragödien in rekordverdächtigen 140 Minuten, seine Version von Gorkis „Kinder der Sonne“ dauerte gerade mal 90 Minuten. Nur geringfügig länger ist die „Hedda Gabler“-Inszenierung von Stefan Pucher, die ironisch grundiert die Geschichte des gelangweilten Luxusweibchens Hedda in verschiedenen Jahrzehnten spielen lässt – die Räume variieren entsprechend. Und Hausregisseur Andreas Kriegenburg lässt in „Am Schwarzen See“, der Uraufführung des neuen Stücks von Dea Loher, anders als bei „Diebe“, durchspielen.

Die Hemmschwelle steigt

Vorreiter des pausenlosen Theaters dürfte die Schaubühne sein. Das ist aber nicht den Stühlen, sondern der Ästhetik geschuldet, möglicherweise auch einer Zeitökonomie in Zeiten des Turbokapitalismus. Der künstlerische Leiter Thomas Ostermeier erzählt seine Geschichten in zwei bis zweieinhalb Stunden, selbst wenn die Vorlage von Shakespeare oder Ibsen stammt. Dramaturgisch funktionieren am Lehniner Platz auch Inszenierungen der Regie-Kollegen wie Katie Mitchell, Friederike Heller, Marius von Mayenburg oder Falk Richter meist nur ohne Unterbrechung.

Nebenbei erspart der Verzicht auf eine Pause Regisseuren Kritikersätze wie den, dass die Inszenierung das Tempo im zweiten Teil nicht halten kann oder sich die Figuren nicht mehr weiterentwickeln. Und für die Zuschauer steigt die Hemmschwelle, eine Aufführung vorzeitig zu verlassen. So eine Schrecksekunde hatte kürzlich der Regisseur Lars Eidinger, als es mitten in „Romeo und Julia“ einen Computerabsturz gab. Eidinger saß im Saal und bat die Zuschauer, doch bitte, bitte im Saal zu bleiben, weil sonst erfahrungsgemäß etliche nicht wiederkommen würden.

Massenflucht beim Theatertreffen

Solche Fluchtbewegungen konnte man beim Theatertreffen im Mai beobachten: Bei der fünfstündigen „Krieg und Frieden“-Inszenierung des Centraltheaters Leipzig verließen die ersten Zuschauer die Volksbühne bereits in der ersten Pause, weitere Abgänge erfolgten dann in der zweiten. Allerdings erst, nachdem man sich in der lauen Frühlingsnacht auf dem Rosa-Luxemburg-Platz lebhaft mit anderen Besuchern über die Arbeit von Sebastian Hartmann diskutiert hatte. Auch dafür sind Pausen schließlich gedacht.

Die laden zum Austausch ein, denn anders als bei Premieren verweilen Besucher nach Repertoire-Vorstellungen selten am Ort des Ereignisses oder Ärgernisses, um über selbiges zu reden. Vielleicht ist diese Kommunikations-Funktion aber auch gar nicht mehr notwendig in Zeiten von Twitter und Facebook, wo Einschätzungen online verbreitet und diskutiert werden.

Natürlich gibt es nach wie vor Regisseure wie Frank Castorf, Luk Perceval oder Alvis Hermanis, die an der Pause festhalten. Weil sie sich für das Erzählen ihrer Geschichten Zeit nehmen. Mitunter viel Zeit. Und damit die Zuschauer einladen, tief aus dem Alltag abzutauchen. Das Bedürfnis danach wächst im Zeitalter der ständigen Erreichbarkeit. Die Netzpolitikerin Marina Weisband jedenfalls schwärmte kürzlich nach einem Theaterbesuch, dass sie sich endlich mal ein paar Stunden auf eine Sache konzentrieren konnte.