Neues Museum

"Volkseigentum. Kunst in der DDR 1949-1989"

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Holger Mehlig

Foto: AP

"Lieber vom Leben gezeichnet, als von Sitte gemalt." So witzelten DDR-Bürger über die Werke des Staatsmalers Willi Sitte. Was sie damit meinten, kann man jetzt in Berlin in einem neuen Museum für Gemälde und Skulpturen aus Sozialismus-Zeiten sehen. Die Initiatoren, zwei ehemalige Zirkusartisten, sind erfahrene DDR-Vermarkter.

Die Gemälde in den großen Räumen zeigen vor allem glückliche, gut aussehende Arbeiter. Sie gießen nicht nur Stahl, sondern bilden sich nebenbei mit der Lektüre von Karl Marx weiter. Die Helden des sozialistischen Alltags stehen im Mittelpunkt der Ausstellung „Volkseigentum. Kunst in der DDR 1949-1989“. Im neuen Museum für DDR-Kunst in Berlin-Mitte wird aber auch deutlich, dass sich die staatliche Auftragskunst auch kritisch und offensiv mit dem System auseinandersetzte.

Das Ausstellungshaus an der Spandauer Straße ist nun für Besucher geöffnet. Es befindet sich in der Nähe des Areals, auf dem momentan die letzten Reste des Palastes der Republik abgerissen werden. Auf 2200 Quadratmeter Fläche sind 140 Gemälde und Skulpturen bekannter Künstler wie Wolfgang Mattheuer, Walter Womacka und Willi Sitte sehen.

„Wir zeigen Kunstwerke, die zwischen 1949 und 1989 von den Parteien und Massenorganisationen der DDR angekauft oder in Auftrag gegeben wurden und nach der Wende 1989 aus den öffentlichen Gebäuden in den Depots verschwanden“, erklärt Daniel Helbig, einer der beiden Initiatoren des Museums. „Wir wollen erinnern, welche Kunst in den öffentlichen Gebäuden der DDR hing und zum Alltag der Menschen gehörte.“

Keine Kunstexperten

Zusammen mit seinem Kollegen Guido Sand kam Helbig Anfang des Jahres auf die Idee, ein solches Museum zu gründen. Bereits im Mai 2007 hatten die beiden Enddreißiger ein auf DDR-Nostalgie getrimmtes Hotel am Berliner Ostbahnhof eröffnet. „Das ist eine Erfolgsgeschichte. Wir begannen mit 74 Betten, haben mittlerweile 175“, berichtet Helbig. Die Gäste seien von den Zimmern mit DDR-Charme begeistert gewesen. So seien sie auf die Idee gekommen, in einem Museum DDR-Kunstwerke zu präsentieren.

Eigentlich hätten weder Sand noch er sonderlich viel Ahnung von Kunst, gibt Helbig offen zu. Beide seien früher Artisten im DDR-Staatszirkus gewesen, der eine Seiltänzer, der andere Schleuderakrobat, die nun als Hoteldirektoren arbeiteten. Daher habe man die Kunstexpertin Simone Tippach-Schneider als Kuratorin gewonnen. Zuvor habe man Räumlichkeiten gesucht und gefunden – in einem Plattenbau, in dem einst ein Möbelhaus residierte.

Wie in der Neuen Nationalgalerie

Innerhalb weniger Woche habe man die Räume umgestaltet, alte Teppiche herausgerissen, den Holzparkettboden mit dem Fischgrätenmuster geschliffen, die Wände geweißt, 300 Glühbirnen installiert, Toiletten, Foyer und Büroräume hergerichtet, erzählt Sand. Einige Freunde hätten sich begeistert geäußert und die Räume gar mit denen der Neuen Nationalgalerie verglichen.

Zu Jahresbeginn habe man sich erstmals an das Kunstarchiv Beeskow gewandt, mit der Bitte, Kunstwerke auszuleihen. Die Verantwortlichen des Archivs, in dem DDR-Kunst eingelagert ist, hätten positiv reagiert, sagt Sand. Zusammen mit Helbig habe er die Werke ausgesucht. Bei Hängung und Zusammenstellung habe die Kuratorin geholfen.

Dass die Staatskunst nicht nur linientreu war, belegen viele Gemälde. So ist auf einem Bild ein vermüllter Strand abgebildet, auf einem anderen sind rosafarbene Arbeiter zu sehen, die wie im LSD-Rausch schweben. Das Werk „Arbeiter im Schlachtbetrieb“ zeigt Menschen, die ganz und gar nicht glücklich wirken. Der Künstler ist unbekannt. „Wir vermuten, es war Bärbel Bohley“, sagt Helbig. Die Gemälde sind geprägt vom sozialistischen Realismus, aber in einigen ist der Einfluss von Expressionismus und Pop-Art zu sehen.

Ausgestellt sind auch Geschenke an den damaligen Partei- und Staatschef Erich Honecker. So übergab ihm 1984 Raissa Gorbatschowa ein Gemälde von Nikita Meschkov, auf dem Berliner Fernsehturm und der Palast der Republik abgebildet sind. Es hing bis zur Wende im sogenannten Club der Kulturschaffenden in Berlin.

Wertvolle Staatskunst

Für das Museum seien insgesamt 30 Menschen engagiert worden – als Wach-, Putz- oder Kassenpersonal, erzählt Sand. Die Staatskunst ist auch wertvoll: Der Versicherungswert liege bei mehr als einer Million Euro. Alles sei privat finanziert, öffentliche Förderung gebe es nicht, betont der ehemalige Artist. Wenn 100 Leute täglich kämen, rentiere sich das Ganze. „Wir erwarten eine große Resonanz, weil eine solche Ausstellung noch nie zu sehen war.“

Die Ausstellung "Volkseigentum. Kunst in der DDR 1949-1989" in Berlin-Mitte, Spandauer Straße 2. Der Eintritt kostet 8, ermäßigt 6 Euro. Geöffnet ist täglich von 10 bis 22 Uhr.