Kulturprogramm

Kultursommer – Wenn Berlin zur Bühne wird

Faszination Berliner Kultursommer: Zwischen Spandauer Zitadelle und Köpenicks Altstadt locken Festivals, Straßenfeste und viele andere Veranstaltungen unter freiem Himmel.

Was verbindet das Freibad Plötzensee, den Gendarmenmarkt, die Trabrennbahn Karlshorst, den ehemaligen Flughafen Tempelhof, den Monbijoupark, die Zitadelle Spandau oder die Straßen Kreuzbergs? Nun, alle diese Berliner Lokalitäten sind Anlaufstellen, gerade in der warmen Jahreszeit. So unterschiedlich die Orte sind, so weit entfernt sie zum Teil voneinander liegen, sie ziehen Berliner wie Berlin-Besucher an, weil sie jeweils einen eigenes Flair ausstrahlen. Jetzt, wo auch in der Hauptstadt die Freiluft-Saison startet, werden sie zudem beeindruckende Kulisse für ein so großes wie vielfältiges Kulturangebot. Konzerte und Theater-Vorstellungen unter freiem Himmel, und die Stadt wird zur Bühne. Ein Phänomen, das maßgeblich zur Faszination des Berliner Sommers beiträgt.

Der Besucher erfreut sich an Atmosphäre und Kunstgenuss – und feiert sich oft dabei auch ein bisschen selbst. Denn ein besonderes Gemeinschaftsgefühl stellt sich ein, wenn die Zuschauer in der Waldbühne oder beim Classic Open Air auf dem Gendarmenmarkt schlechtem Wetter trotzen. Gerade dem Spektakel vor dem Konzerthaus, wo in diesem Jahr Stars aus Klassik und Pop von Adoro bis zu den Söhnen Mannheims aufspielen, sagt man nach, Gewittergüsse geradezu anzulocken. Statistisch gesehen stimmt das gar nicht. Vielleicht ist es die subjektive Wahrnehmung: Ein Unwetter beim Klassik-Konzert in historischem Ambiente haftet in der Regel länger im Gedächtnis als ein verhageltes Picknick im Grünen.

Seefestspiele Wannsee sind umgezogen

Das wissen auch die Besucher der Seefestspiele Wannsee. Nach „Die Zauberflöte“ und „Carmen“ in den vergangenen Jahren und heftigen Auseinandersetzungen um die Zukunft der Veranstaltung sollte sich das Strandbad diesmal in eine Operettenbühne verwandeln: Emmerich Kàlmàns unverwüstliche „Gräfin Mariza“ steht in diesem Jahr, in der Originalinszenierung des Budapester Operettentheaters, auf dem Spielplan. Kurzfristig ist Veranstalter Peter Schwenkow vom Strandbad in die komfortablere Waldbühne gezogen, vorerst nur für einen Abend. Falls der Andrang ausreicht, hat er für die Produktion, die mit den Gästen Anna Maria Kaufmann und Ralph Morgenstern veredelt wurde, die Waldbühne einen zweiten Abend reserviert. Pro Abend können so 17.000 Zuschauer der Czardas-Seligkeit frönen, am Wannsee hätte Schwenkow in zehn Aufführungen insgesamt 30.000 zahlende Besucher erreicht. Bleibt nur zu hoffen, dass ihm der Wettergott am 17. August nicht die Bilanzen verhagelt.

Wetterfeste Alternativen

Komfortabler hat man es da vor dem Haus der Kulturen der Welt im Tiergarten. Das Festival „Wassermusik“ lenkt in seiner sechsten Auflage den Blick in den pazifischen Raum, mit Pop-Künstlern wie Robert Forster aus Australien, den Meridian Brothers sowie Canalón de Timbiqui aus Kolumbien, den Cumbia All Stars aus Peru sowie Musiker aus Mexiko, China, Japan, Kolumbien, Chile, Indonesien und Hawaii. Sollte das Wasser während der Konzerte unerwünschter Weise von oben kommen, kann man ins Haus, in die Kongresshalle nebenan, ziehen. Einen vergleichbaren Luxus bietet der Kultursommer im Jüdischen Museum, der zu hochkarätigen Klezmer- und Jazz-Konzerten in den wunderschönen Museumsgarten, bei schlechtem Wetter in den Glashof des Libeskind-Baus lädt. Ideal ist die überdachte Sommerbühne in der Tempelhofer Ufa-Fabrik: Hier genießt man an der frischen Luft, aber stets regensicher, Stars aus der Kleinkunstszene oder im August das Chor Open Stage mit Gesangsensembles aus vielen Ländern.

Komödien im Monbijoupark

So einfach hat man es im Amphitheater des Theaters Hexenkessel, im Monbijoupark mit traumhaftem Blick auf die Museumsinsel gelegen, nicht. Hier fiel schon manche Vorstellung buchstäblich ins Wasser. Weil sonst einfach die Unfallgefahr zu groß gewesen wäre. Wer die Darsteller hier einmal voll in Aktion erlebte, kann das Risiko mitempfinden. Dieses Theater vermittelt in diesem Sommer wieder das pralle Leben, mit Komödienklassikern wie Ben Johnsons „Volpone“ und Moliéres „Amphitryon“. Auch wer sonst keinen Fuß in einen „Musentempel“ zu setzen wagt, hier dürfte die Neugier, die Lust auf Kultur in ihm entfacht werden.

Viele Angebote gratis

Das gilt erst recht für die vielen Gratis-Angebote. Bei der Fête de la Musique, wenn am 21. Juni in der ganzen Stadt Musik erklingt, beim Lesbisch-schwulen Straßenfest in Schöneberg und der Parade zum Christopher Street Day mit jeder Menge Selbstdarstellern, beim Festival „48 Stunden Neukölln“ auf großen und kleinen Bühnen in vielen Hinterhöfen, ist die ganze Welt mit ihrer Kunst zu Gast – und der Zuschauer zum Nulltarif dabei. Ähnlich verhält es sich mit „Kreuzberg jazzt“ auf der Bergmannstraße. Bei „Staatsoper für alle“ konzertiert am 16. Juni die Staatskapelle Berlin auf dem Bebelplatz neben der Dauerbaustelle Staatsoper. Deren Generalmusikdirektor Daniel Barenboim wird zudem am 25. August mit seinem West-Eastern Divan Orchestra in der Waldbühne auftreten.

Rockspektakel auf der Zitadelle

Zuvor sind dort David Garrett, der Popstar unter den Klassikgeigern, sowie Sir Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker mit Beethovens 9. Sinfonie zu hören. Auch Rockgrößen wie Neil Young, Elton John oder die Kings of Leon heizen Berlins traditionsreichster Open-Air-Bühne ein. Noch besser dürften sich Pop- und Rock-Fans in der Spandauer Zitadelle aufgehoben fühlen: Das Citadel Music Festival lockt mit Top-Acts wie Toto, Ben Howard, ZZ Top, ZAZ, Cro, The B-52s oder Jamie Cullum. Familiärer geht es ein paar Meter weiter, in der Freilichtbühne Spandau zu, wo Konzerte mit allen Musikrichtungen sowie Theater, Kabarett, Musical und viel Kinderprogramm geboten werden.

Am anderen Ende der Stadt kommen die Jazzfreunde auf ihre Kosten, wobei der Begriff Jazz sehr weit gespannt ist. „Jazz in Town“ lockt mit so unterschiedlichen Künstlern wie Manfred Krug, John Lee Hooker jr oder Inga Rumpf in die Köpenicker Altstadt. Ein Fest für alle Sinne ist die Botanische Nacht im Botanischen Garten in Dahlem, einer der weltweit bedeutendsten Anlagen ihrer Art. Das größte Festival für Latin Music, das es bislang in Deutschland gab, verspricht BeLaSound im Strandbad Plötzensee. Barbara Schöneberger und Larsito von der Berliner Band Culcha Candela führen drei Tage durch ein hochkarätiges Programm. Im Sommerbad am Columbiadamm präsentieren die Wühlmäuse einen Abend das schwäbische Chaostheater Oropax. Und laut zugehen dürfte es am Flughafen Tempelhof, wenn Pop-Größen wie Björk, Blur, die Pet Shop Boys, Mia oder Fritz Kalkbrenner Anfang September schließlich ihr Publikum am Flughafen Tempelhof abheben lassen. Diese Liste ließe sich noch viel weiter fortsetzen, ganz abgesehen von Großereignissen, die auch im Sommer drinnen stattfinden, wie Young Euro Classic oder die Jüdischen Kulturtage. Und ohnehin kennen viele große und kleine Bühnen keine Sommerpause.

Wie singt Rock-Altmeister Joe Cocker so schön? „Hot town, summer in the city“: Berlin darf sich auf heiße Wochen freuen!