Theatertreffen

Warum die Jury Angst vorm Osten hatte

Am Freitagabend wurde die 50. Ausgabe des Theatertreffen eröffnet. 50 Jahre Theatertreffen - das sind auch 50 Jahre Irwitz am Rande des Festivals. Drei Mitarbeiter des Festivals blicken zurück.

Foto: Amin Akhtar

Mizzi sollte unbedingt mit ins Hotel. Weil das Huhn eine so wichtige Rolle in der Hitler-Satire „Mein Kampf“ spielte, wollte die Tiertrainerin es mit aufs Zimmer nehmen. Sie durfte aber nicht. Also musste Heinz Bernd Kleinpaß nach einer alternativen, sicheren Unterbringung suchen. Er ließ einen Verschlag anfertigen, sorgte für die Verpflegung und hoffte inständig, dass kein Berliner Stadtfuchs auf Mizzi aufmerksam wird, die nun im Freien übernachten musste. Es ging gut. Das Huhn spielte alle drei Vorstellungen des Wiener Burgtheaters. Die Bühne war 1988 mit George Taboris Inszenierung zum Berliner Theatertreffen eingeladen worden.

Eigentlich kümmert sich Heinz Bernd Kleinpaß um die Unterbringung von Menschen. Der 57-Jährige ist der Hotelbüro-Chef der Berliner Festspiele. Im Rampenlicht stehen zwar die Künstler, aber ohne die Damen und Herren, die im Hintergrund alles organisieren, gäbe es kein Festival. Wir haben drei Mitarbeiter getroffen, die zwar nicht bei der ersten Ausgabe 1964 dabei waren, aber zumindest mehr als die letzten zwei Jahrzehnte.

Der Hund darf ins Hotel

Am Freitagabend wurde die 50. Ausgabe des Festivals von Kulturstaatsminister Bernd Neumann im Haus der Berliner Festspiele eröffnet, der Bund finanziert das Festival mit 1,5 Mio. Euro jährlich über seine Kulturstiftung. Anschließend gab es „Medea“, die antike Tragödie kommt in der Inszenierung von Michael Thalheimer ohne Tiere aus. Erst in „Orpheus steigt herab“, mit dieser Aufführung beenden die Münchner Kammerspiele am 19. und 20. Mai das diesjährige Theatertreffen, tritt ein Hund auf. Der Dobermann darf übrigens mit ins Hotel, erzählt Kleinpaß, der seit 1986 dabei ist und sich auch um die Beherbergung der Gäste der anderen unter dem Dach der Berliner Festspiele veranstalteten Festivals kümmert.

Die Bedürfnisse sind unterschiedlich. Der Wunsch nach Raucherzimmern „tendiert unter klassischen Musikern gegen Null, bei Theaterleuten wird er häufiger geäußert“. Regisseure lassen sich gern in ihr Stammhotel einquartieren, einige ziehen es generell vor, getrennt vom Ensemble zu nächtigen. Vielleicht aus Angst vor Autoritätsverlust: Gemeinsam feiern nach der Premiere schon, aber nicht bis zum möglicherweise bitteren Ende im selben Hotel. Obwohl sich Theaterleute offenbar recht gesittet benehmen oder zumindest gut unter Kontrolle haben. Kleinpaß kann nichts von zerlegten Hotelzimmern berichten, möglicherweise würde er es aus Gründen der Diskretion aber auch gar nicht machen.

Barbara Seegert ist seit 1989 dabei, seit zehn Jahren ist sie Organisations-Chefin des Theatertreffens. Ein Ganzjahres-Job, der besondere Herausforderungen zwischen Mitte Februar, wenn sich die Jury entschieden hat, bis zum Ende des Theatertreffens im Mai bereithält. Barbara Seegert betreut auch die Jury. Sieben Theaterkritiker suchen die zehn eingeladenen, mit dem Auswahlkriterium „bemerkenswert“ versehenen Aufführungen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz aus. Die Abrechnung der Fahrten nach dem Bundesreisegesetz fällt ebenso in den Zuständigkeitsbereich der Organisations-Chefin wie die Vorbereitung der Sitzungen und die Einhaltung der Verfahrensordnung. Das klingt dröger, als es ist, darunter fällt beispielsweise, dass Inszenierungen im Theater live und nicht auf Video angeschaut werden dürfen.

Erfolgreiche zu die Ost-Provinz

Die Reisetätigkeit der Jury hat in den vergangenen Jahren erheblich zugenommen, die Zahl der besuchten Inszenierungen stieg „von 121 im Jahr 1986 auf 423 für die diesjährige Auswahl“. Fünf Jurysitzungen gibt es im Jahr, die abschließende dauert „zwischen vier und acht Stunden“, erzählt Seegert, die die Treffen vorbereitet und auch daran teilnimmt, obwohl sie natürlich kein Stimmrecht hat.

In den ersten Jahren nach dem Mauerfall rissen sich die Juroren nicht gerade um Besuche der ehemaligen DDR-Provinz-Bühnen. Nicht aus künstlerischen Gründen, sondern weil die Infrastruktur schlecht war. Peter Iden sorgte damals dafür, dass seine Jury-Kollegen eine Reise nach Weimar unternehmen mussten. So kam der Ibsen-Klassiker „Ein Puppenheim (Nora)“ vom Nationaltheater Weimar 1991 zum Berliner Theatertreffen. Regie führte ein damals noch recht unbekannter Theatermann namens Leander Haußmann. Der kam dann bei Barbara Seegert im Büro vorbei: „Er wirkte ganz verunsichert, weil er gehört hatte, dass das Theatertreffen-Publikum so schnell buht.“ Haußmann hat die Einladung nicht geschadet, er inszenierte anschließend an großen Häusern und wurde später Intendant am Schauspielhaus Bochum. Heute macht er Filme.

Das Theatertreffen ist ein Sprungbrett. Intendanten werden auf neue Regisseure aufmerksam, wie zuletzt auf Herbert Fritsch. Der Schauspieler entdeckte spät sein Regietalent, seit drei Jahren ist er mit mindestens einer Arbeit zum Festival eingeladen worden, darunter am Anfang mit „Nora“ – dieses Stück scheint besonders karrierefördernd zu sein. Mittlerweile ist Fritsch auch als Opernregisseur gefragt.

Der Frust des Kartenkaufs

Barbara Seegert sieht sich als eine Art „Spinne im Netz“. Sie zieht die Fäden, muss alles im Auge behalten. Sie verhandelt mit den Bühnen über die Gastspiele (einschließlich der Kosten), sucht die passenden Aufführungsorte (legendär das Park- und Bahngelände für die 200-stündige Performance „Die Erscheinungen der Martha Rubin“ der Gruppe SIGNA, sorgt für Willkommenspakete in den Garderoben, organisiert die Premierenfeier und entscheidet, wo die eingeladenen Bühnen ihren Pressetisch aufbauen und das Theatertreffen mit T-Shirts und anderen Dingen Werbung in eigener Sache macht.

Das bräuchte es eigentlich nicht, denn die ausgewählten Aufführungen sind zu „99,9 Prozent ausgelastet“, wie Michael Grimm sagt. Der 65-Jährige ist seit 32 Jahren dabei, mittlerweile leitet er das Kartenbüro. Da die Nachfrage das Angebot von etwa 18.000 Plätzen um ein Vielfaches übersteigt, gibt es viele Bitten und Beschwerden, per Mail geht das heutzutage leichter von der Hand als in Briefform, auch der Ton soll etwas rauer geworden sein. Durchaus verständlich, wenn man pünktlich um 10 Uhr morgens am ersten Vorverkaufstag am Rechner saß und immer wieder rausflog; das mit dem Online-Verkauf funktioniert nicht wirklich überzeugend. Auch Grimm wundert sich darüber, wie es Konzertveranstalter schaffen, 70.000 Tickets in einer halben Stunde zu verkaufen. Die Theatertreffen-Alternativen heißen Telefon (wenn man durchkommt) oder persönliches, frühzeitiges Anstehen am Festspielhaus; beides garantiert aber keineswegs die gewünschten Aufführungen oder gar Preisvorstellungen, 55 Euro für eine Karte ist nicht jedermanns Sache.

Michael Grimm, der Theaterwissenschaft und Germanistik in Berlin studiert hat, würde gern „alle Kartenwünsche erfüllen“, das glaubt man ihm aufs Wort. Theaterfernere Alternativen heißen 3sat, der Sender hat drei Aufführungen aufgezeichnet und strahlt sie während des Festivals aus, oder das Public Viewing im Sony-Center. Grimm geht auch privat gern ins Theater, vorzugsweise in die Schaubühne und das DT, das Theatertreffen besucht er seit 45 Jahren, zumindest in den letzten dürfte er keine allzu großen Schwierigkeiten mit dem Besuch der Vorstellungen haben. Mitunter muss man halt nur den richtigen Job haben.