Maria Bengtsson

Wie aus einer Ersatzsängerin ein Opernstar wird

Sopranistin Maria Bengtsson ist einmal für Anna Netrebko an der Berliner Staatsoper eingesprungen. Seither geht die Karriere der jungen, in Prenzlauer Berg lebenden Opernsängerin steil bergauf.

Foto: Martin U. K. Lengemann

Das Gespräch ist eigentlich schon vorbei, da fällt Maria Bengtsson ein, dass wir völlig vergessen haben, über eine der wichtigsten Personen in ihrer Karriere zu sprechen. Also wird das Mitschnittgerät wieder auf den Tisch im Café Einstein gestellt.

Es ist das Einstein Unter den Linden, in das Touristen gerne kommen in der Hoffnung, dass irgendein Bundesminister oder anderer Politpromi am Nebentisch sitzt. Das Café liegt vis-a-vis der Komischen Oper, zu dessen Solistenensemble die Schwedin fünf Jahre lang gehörte und wo sie vom Stammpublikum geliebt wurde.

Von Daniel Barenboim engagiert

Aber seit 2007 ist Maria Bengtsson auf eigene Rechnung in der europäischen Musikwelt unterwegs. Und hier kommt Daniel Barenboim ins Spiel. „Er hat mich engagiert. Ich bin dankbar, mit so einer Persönlichkeit arbeiten zu können“, sagt sie.

Der Stardirigent hat sie im Sommer 2012 kurzfristig anstelle von Anna Netrebko für den „Don Giovanni“ an die Staatsoper verpflichtet. Netrebkos seltsame Absage, sie müsse sich um den Sohn kümmern, sorgte damals für viel Missmut.

Künstlerisch geht jeder Netrebko-Einspringer ein Risiko ein. „Ich wusste natürlich, dass ich Anna Netrebko nicht ersetzen kann“, sagt Maria Bengtsson: „Aber ich hatte die Donna Anna bereits mehrfach in interessanten Inszenierungen dargestellt, etwa im Opernspielfilm ,Juan‘ von Kasper Holten, dem Intendanten der Londoner Covent Garden Oper. Deshalb freute ich mich auf die Herausforderung.“

Sie kann zauberhaft lächeln

Eine Aufführung wurde live auf den Bebelplatz übertragen. Zigtausende Menschen warteten danach auf die Ankunft der Solisten aus dem Schiller-Theater. „Als ich rauskam, haben die Leute getobt“, erinnert sie sich und strahlt. Sie kann zauberhaft lächeln.

Barenboim hat sie nach dem Erfolg zu seinen Festtagen verpflichtet, an diesem Ostermontag wird sie in Mozarts Requiem mitwirken. In der nächsten Saison bereitet sie unter seiner Leitung die Fiordiligi in Mozarts „Cosi fan tutte“ vor, die Premiere ist an der Mailänder Scala.

Maria Bengtsson wuchs in einer Musikerfamilie in Höllviken im südlichsten Schweden auf. Das liege unter Malmö in Richtung Dänemark, erklärt sie, und sei keinesfalls mit Henning Mankells Ystad zu verwechseln. Regelmäßig wird sie gefragt, ob in Schweden wirklich so viele schlimme Sachen passieren? Offenbar hat sie die Frage schon zu oft gehört. Jetzt sagt sie kokett, sie habe auch so etwas Schwarzes in sich.

Dann lacht sie und meint, aber melancholisch sei sie schon. „Die Melancholie hängt ein bisschen mit der schwedischen Mentalität zusammen.“ Aber eigentlich könne man Schweden mit Astrid Lindgren, den roten Sommerhütten, dem Schulsystem und der schönen Natur erklären. Damit sind wohl alle Klischees abgearbeitet. Und außerdem, sagt Maria Bengtsson, würde sie lieber Hakan Nesser lesen. Wenn schon Krimis.

Vater und Bruder sind Trompeter

Ihr Vater gehörte als Barocktrompeter von Anbeginn zur Truppe von Philippe Herreweghe. Das ist ein Markenzeichen, die Leute um Herreweghe haben sich der historischen Aufführungspraxis verschrieben. Irgendwie sind das die ganz Besessenen im Musikbetrieb. Ihr Bruder ist als Trompeter diesem Weg gefolgt. Maria Bengtsson entschied sich für eine Gesangsausbildung in Malmö.

Dann kam sie nach Freiburg. „Eigentlich wollte ich nur für das Singen besser Deutsch lernen und nach Schweden zurück kehren“, sagt sie. Jetzt lebt Maria Bengtsson mit ihrem Ehemann, einem Mathe- und Musiklehrer am John-Lennon-Gymnasium, und ihrem siebenjährigen Sohn im Prenzlauer Berg. „Wir lieben Berlin“, sagt sie: „Es ist eine riesengroße Stadt und zugleich so gemütlich.“ Mehrfach im Gespräch wird sie auch das Wort bodenständig sagen. Aber zurück nach Freiburg, wo ein amerikanischer Trompetenprofessor, ein Freund ihres Vaters, an der Musikhochschule unterrichtete. Über ihn lernt Maria Bengtsson ihre Lehrerin Beata Heuer-Christen kennen, im Jahr 2000 schließt sie bei ihr das Gesangsstudium ab.

Eine klassische Mozart-Sängerin

Das erste Engagement führt sie für zwei Jahre an die Volksoper Wien. Die elitäre Musikwelt ist viel kleiner, familiärer als die meisten denken. Ihr Wiener Agent Michael Lewin vertritt auch den Dirigenten Kirill Petrenko, der damals gerade als Generalmusikdirektor an die Komische Oper verpflichtet wird. Sie singt bei ihm vor und wird fünf Jahre am Haus bleiben. „Ich habe sehr viel von ihm gelernt, gerade was die Exaktheit einer Partie angeht“, sagt sie: „Dazu gehört, eben nichts in den Noten auszulassen, sondern alles auszukosten. Ich konnte alle meine Mozart-Partien von Grund auf mit ihm studieren.“

Als sie das Ensemble wieder verlässt, hat sie wichtige Repertoirerollen im Gepäck, die Pamina, Gräfin, die Konstanze, die Infantin, die Alice Ford oder die Fiordiligi. Maria Bengtsson ist das, was man eine Mozart-Sängerin nennt. In den nächsten Jahren werden Partien von Richard Strauss dazu kommen. Vierzig Aufführungen singt sie insgesamt pro Jahr.

In ihre Zeit an der Komischen Oper fällt die größte Skandalinszenierung der letzten Jahre und sie war als Konstanze mittendrin. Calixto Bieito inszenierte 2004 Mozarts „Entführung aus dem Serail“ im Bordell, mit sexueller Brutalität und Mord auf offener Bühne. Im Zuschauersaal sei es wie im Fußballstadion zugegangen, erinnert sich Maria Bengtsson. „Es war ein unglaubliches Erlebnis. Wir haben so viele Emotionen provoziert.“ Alle Beteiligten hätten hinter der Inszenierung gestanden.

Durchbruch mit einem Skandal

„Ich habe mich in der Zeit sehr mit dem Thema Zwangsprostitution beschäftigt“, sagt sie. Zwei Jahre zuvor hatte der international preisgekrönte Film „Lilja 4-ever“ des schwedischen Regisseurs Lukas Moodysson für Diskussionen gesorgt. Im Film stürzt sich die 16-jährige Lilja von einer Brücke. „Die zugrunde liegende Geschichte fand zu der Zeit in Malmö statt, als ich dort zum Musikgymnasium ging“, erinnert sich Maria Bengtsson: „Sie hat sich von der Autobahnbrücke, über die ich immer mit meinem Vater in die Stadt gefahren bin, zu Tode gestürzt.“

Die Sängerin glaubt, dass die Inszenierung funktioniert, sprich: provoziert habe, weil in jeder europäischen Großstadt so etwas passiert. Und alle wissen es. Für sie war der Skandal auch der erste Karrieresprung: „Die Konstanze war mein Durchbruch, denn es wurde überall, ob in den USA oder Japan, in den Zeitungen darüber berichtet.“

Mit Regisseuren, so provokant sie auch inszenieren, hat die Sängerin offenbar kein Problem. Im Gegenteil: „Sie haben Seiten in mir gesehen, von denen ich gar nicht wusste, dass ich sie habe.“ Als Kind sei sie schüchtern und deshalb oft traurig gewesen, sagt sie. „Ich glaube, dass dieser Beruf für mich eine Berufung war, um mich selbst zu öffnen.“

Berliner Philharmonie, Mozarts Requiem am Ostermontag (1. April 2013), 20 Uhr

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