Sollte Jan Bosse irgendwann den europäischen Theaterpreis bekommen, dann müsste man ihm die Auszeichnung an einem Wintersport-Ort überreichen. Legendär die Aufnahme, die den Regisseur im Schnee hockend und lachend in Snowboard-Kleidung zeigt, hinter ihm der Pfeiler eines Lifts, neben ihm Skifahrer. Eine große Sonntagszeitung hatte ihn angerufen und nach einem Treffen gefragt. Bosse war gerade mit zwei Inszenierungen zum Berliner Theatertreffen eingeladen worden. Kurz zuvor hatte er in Zürich „Hamlet“ inszeniert – und erholte sich gerade in den Schweizer Bergen. Er fand die Idee einer Art Homestory auf 1800 Metern Höhe „lustig“, manche Kollegen fanden es unpassend. Vielleicht, weil es nicht dem Klischee eines deutschen Theaterregisseurs entspricht. Der soll halt nicht auf der Piste glänzen, sondern auf der Bühne intellektuelle Funken sprühen. Das beides sehr wohl zusammengeht, beweist Jan Bosse.
Amerikanische Filme als Vorbild
Auch in diesem Jahr war er wieder im Schnee. Mit der Familie, die beiden Kinder haben einen Skikurs gemacht, der Vater blieb dem „Brett“ treu: „Skateboard würde ich mit 43 Jahren nicht mehr fahren, aber Snowboard ist okay, da sind viele Gleichaltrige auf der Piste unterwegs.“ Nach der Erholung in den Bergen ging es direkt zu den Proben. Am Maxim Gorki Theater inszeniert Bosse die „Gladow Bande“, ein Stück um die Gang von Werner Gladow, der als 18-Jähriger verhaftet und 1950 mit 19 Jahren hingerichtet wurde mit dem Fallbeil, das allerdings beim ersten Versuch klemmte. Die Bande schrieb Geschichte im Nachkriegs-Berlin, sie raubten und mordeten und profitierten davon, dass in Zeiten der Blockade die West- und die Ost-Berliner Polizei nicht kooperierte.
Bosse findet den Stoff „toll“, ein Genrestück mit Berlinbezug. Die „kleinen Berliner Jungs“ nahmen sich amerikanische Filme der 30er Jahre und 40er Jahre als Vorbild, die sie im Kino sahen. „Die haben Al Capone imitiert, sich so angezogen wie die Gangster in den Filmen, waren total geflasht von dieser puren Unmoral, haben Dialoge übernommen und sogar Anleitungen zu Brüchen. Sie wollten die Welt neu erfinden und träumten von der totalen Freiheit.“
Die Bande „war völlig unpolitisch“, spielte mit den Sektorengrenzen und nutzte die Freiheit der Stunde Null brutal aus. Armin Petras, Intendant des Maxim Gorki Theaters, hat aus dem Stoff aber kein Dokumentartheaterstück geschrieben, auch wenn er in Gerichtsakten recherchiert, Protokolle gelesen und mit Überlebenden beziehungsweise Angehörigen gesprochen hat. Entstanden sind Kunstfiguren. „Wir machen hier keinen historisch-pädagogischen Abriss der Berliner Geschichte“, sagt der Regisseur.
Nicht wieder nach Stuttgart
Für Bosse ist diese Inszenierung eine Abschlussarbeit. Er war in den vergangenen Jahre Hausregisseur am Maxim Gorki Theater und inszenierte regelmäßig außerhalb Berlins wie am Hamburger Thalia Theater und der Wiener Burg. Bosse, 1969 in Stuttgart geboren, hat an der Ernst-Busch-Hochschule Regie studiert und konnte danach gleich an großen Häusern wie den Münchner Kammerspielen arbeiten. Bosse gilt als kluger, analytischer Regisseur, bei dem auch der Spaß nicht zu kurz kommt. Vorausgesetzt, es passt zum Thema wie bei „Anna Karenina“, einer seiner besten Arbeiten, die nur noch wenige Male am Gorki läuft. Denn mit dem Intendantenwechsel im Sommer, Petras geht an Staatsschauspiel Stuttgart, verschwinden die alten Inszenierungen vom Spielplan.
Bosse wird seine Zusammenarbeit mit Petras nicht als Hausregisseur fortsetzen, aber an dessen neuer Wirkungsstätte wohl inszenieren. Ein Umzug nach Stuttgart war für ihn kein Thema: „Ich kann nicht in die Stadt zurückgehen, die ich mit 19 Jahren verlassen habe. Das würde ich als Rückschritt empfinden.“ Außerdem hat er eine Familie in Berlin. Und mit der Deutschen Oper so etwas wie eine neue künstlerische Heimat.
Milan Peschel spielt „Diamanten-Sohni“
Nach der „Gladow“-Premiere beginnen die Proben für die Inszenierung der Verdi-Oper „Rigoletto“. Normalerweise legt Bosse eine Pause zwischen zwei Arbeiten ein, um zu entspannen und den Akku aufzuladen. Dazu muss er nicht unbedingt in die Berge fahren, das gelingt ihm auch im Alltag, den er sehr schätzt. Das ganz normale Leben eines Familienvaters. Aber diesmal ging das nicht, weil er am Gorki unbedingt noch einmal mit Milan Peschel zusammen arbeiten wollte. Der hatte aber nur jetzt Zeit; Peschel spielt „Diamanten-Sohni“, den Erzähler.
Oper ist nicht nur wegen der vielen Beteiligten eine andere Dimension, Bühnenbild und Kostüme sind längst fertig. „Setting Übergänge, Brüche, das überlegt man sich alles vorher, außerdem ist viel vorgegeben durch die Musik“, sagt Bosse, der „Rigoletto“ als „totale Schauspieleroper“ sieht: „Es gibt komplizierte Charaktere, da gibt es schauspielerisch viel zu holen.“
Hilfreiches Rumbrüllen
Seine Art des Regieführens bezeichnet Bosse als „eher kollektiv und antiautoritär“, auch den Chor der Deutschen Oper wird er zur Mitarbeit einladen. „Vielleicht wäre es manchmal hilfreich, mehr rumzubrüllen, aber das hat Seltenheitswert.“ Und wenn es doch mal vorkommt, dann „staunen alle, dass der Jan laut wird“. Im Thalia Theater in Hamburg hat er sich vor einigen Jahren mal einem emotionalen Ausbruch hingegeben und aus Wut vor eine Tür getreten. Richtig klischeehaft. Aber dabei hat er sich fast den Fuß gebrochen. Solche Posen passen offensichtlich nicht zu diesem Regisseur.
Dietmar Schwarz, der neue Intendant der Deutschen Oper, hat ihn zum Musiktheater geholt. Schwarz war vorher in Basel, er hatte sich viele Schauspiel-Inszenierungen von Bosse angeschaut und ihm schließlich gesagt: „Du musst Oper machen.“ Zwei Arbeiten in der Schweiz folgten, jetzt steht am 21. April das Debüt an der Deutschen Oper an.
Wenn Zeit bleibt, will er sich Lutz Hübners neues Stück „Richtfest“ im Renaissance-Theater ansehen. Darin geht es um eine Baugemeinschaft, am Ende zerstreiten sich alle. Anders bei Bosse, der positive Erfahrungen mit diesem Modell in Weißensee gemacht hat: „Wir waren sechs Familien mit ziemlich ähnlichen Interessen“, trotzdem wurde ein Jahr lang über jedes Detail diskutiert. Und weil Bosse Fotoshootings offen gegenübersteht, seine Frau Kostümbildnerin ist und der beauftragte Innenarchitekt „tolle Arbeit geleistet hat“, hat sich eine Architekturzeitschrift für das Haus interessiert, erzählt der Regisseur. Er posierte im Wohnzimmer, nahm ein Buch aus dem Regal. Ein bisschen klischeehaft. Auch darüber kann Bosse herzlich lachen.





