Music Week

Wie Berlin zum Musikzentrum Europas wurde

Berlin hat Iggy Pop und David Bowie inspiriert, viel Punk und Techno hervorgebracht. Nun treffen sich Bands, DJs und Manager zur Music Week.

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Anfang Juli 2002 steht Klaus Wowereit auf dem Dach des neuen Firmensitzes von Universal an der Stralauer Allee. Die Plattenfirma ist gerade von Hamburg nach Berlin gezogen. Tim Renner, der damalige Geschäftsführer, hat sich für den Umzug stark gemacht. Und wie Klaus Wowereit das so macht, wenn er auf eine Einzugsparty in Berlin geht, hält er natürlich eine Rede und sagt, gerade erst ein Jahr im Amt: „Unser Ziel ist es Berlin zu Europas Musikhauptstadt zu machen“. Ein richtig guter Wowi-Satz also, einer mit Berlin und irgendeinem Superlativ. Labelchef Renner denkt sich damals, „der nimmt den Mund aber ganz schön voll“. Aber dieses Mal wurde Wowereits Vision Wirklichkeit.

Westberlin als Experimentierfeld

Ende der Siebziger entdecken zum ersten Mal internationale Musiker wie Iggy Pop und David Bowie Westberlin als Spielplatz und Experimentierfeld. Bowies „Heroes“, das zweite Werk seiner Berlin-Trilogie, wird in den Hansa-Studios in der Köthener Straße aufgenommen. Die Songs heißen „Neuköln“, mit einem „L“ zu wenig, oder „V-2 Schneider“. Sie klingen wie schwirrende Leuchtreklamen verschwommener Nächte. So war Westberlin eben. Die einstürzenden Neubauten entdecken danach die Lust am Lärm. Punk kommt nach Berlin, dann lange nichts. Und dann kommt Techno, der Sound, der die Stadt am meisten verändern wird. Mit der neuen Musik und dem Mauerfall entwickelt sich Berlin langsam zu dem, was es erst jetzt geworden ist: Zu einer Metropole, die Menschen aus aller Welt anzieht, weil sie ein Teil dieses Gefühls werden wollen.

Die verschiedensten Leute ziehen nach Berlin. Die Nürnbergerin Marusha, eine der wenigen, weiblichen Erfolgreichen des Techno, bekommt 1990 ihre erste eigene Sendung auf einem noch existierenden DDR-Radiosender. Später landet sie mit einer Elektro-Coverversion von „Somewhere Over The Rainbow“ einen Hit, an den sich jeder erinnern kann. Heute spricht sie als eine der vier Hauptrednerinnen bei der Eröffnung der Berlin Music Week über die Gentrifizierung der Subkultur. Sie spricht vom Wandel, nennt die Berliner Musikgesellschaft „moderne, digitale Zigeuner“, Menschen, denen es nicht mehr wichtig ist, einen Pakt mit jemandem einzugehen, der sehr viel Geld hat.

Das sieht auch Ex-Universal-Chef Tim Renner so. Der 47-jährige sitzt in einem Hinterhof-Gebäude in der Brunnenstraße und obwohl er zu den erfolgreichsten und innovativsten Kräften der Musikwirtschaft zählt, sieht er immer noch aus wie ein Fan. An den Wänden seines Büros hängen Platin- und Goldauszeichnungen für Künstler, die er groß gemacht. Polarkreis 18, Rammstein. Ja, auch die hat er entdeckt und an sie geglaubt. Inzwischen leitet er Motor Entertainment ein Label und eine Musikplattform. Renner ist ganz nah bei Marusha wenn er sagt: „Wir leben in einer Zeit, die für den typischen kleinteiligen, wuseligen Berlineffekt sehr positiv ist. Digitalisierung führt dazu, dass jeder alle Mittel in der Hand hat, und somit mitspielen kann. Früher hätten Du und Ich keine Schallplattenfirma gründen können, außer wir hätten sehr reiche Eltern gehabt. Heute kann das aber jeder.“ Die Gentrifizierung kann also auch ein positiver Wandel sein.

Neben den Musikmachern und Fädenziehern kommen auch andere nach Berlin. Der heutige Staatssekretär der Berliner Senatsverwaltung für Wirtschaft, Technologie und Forschung Christoph von Knobelsdorff verlässt Franken, um nach dem Abitur und dem Wehrdienst in Berlin zu studieren. Als Musikliebhaber, er spielte auch in einigen Bands als Schlagzeuger, macht ihm das Projekt Musik Week besonders großen Spaß.

Die Techno-DJane, der Beamte und der Labelchef haben alle ihren Teil dazu beigetragen, dass diese Woche zum dritten Mal diese Berlin Music Week stattfindet und den Status Berlins als Musikzentrum Europas untermauert.

Mehr als volle Clubs und leere Gläser

Für die Hauptstadt bedeutet die Musikwirtschaft tatsächlich mehr als volle Clubs und leere Gläser. Die Zahlen dazu liefert der Bericht „Musikwirtschaft – Musik in Berlin“ vom Projekt „Zukunft der Stadt Berlin“. Daraus geht hervor, dass 2008 8,7 Prozent (insgesamt 1820) aller deutschen Musikunternehmen ihren Sitz in Berlin hatten. Inzwischen sind es 2100 Firmen. Sie erwirtschafteten 2008 ein Umsatzvolumen von einer knappen Milliarde Euro. Insgesamt bestreiten 16.000 Berliner Erwerbstätige ihren Unterhalt in der Musikindustrie. Es gibt über 70 Tonstudios, 3200 Studenten im Bereich der Musik, 150 Musikschulen, 6060 Konzerthallen, 500 Labels, 300 Clubs.

Die Fakten zeigen, Musik ist neben dem coolen, schwer greifbaren Gefühl irgendwie hip zu sein, vor allen Dingen ein harter Wirtschaftsfaktor. Nach der seichten Klavier-Melodie in der Warteschleife stellt Staatssekretär von Knobelsdorff dann fest: „Die Kreativwirtschaft mit ihrem Teil Musikwirtschaft ist das bedeutendste Standbein, was die wirtschaftlichen Perspektiven angeht.“ Die Förderung sei dementsprechend intensiv.

Die Berlin Music Week wird organisiert und koordiniert von den Kulturprojekten Berlin, die auch die Lange Nacht der Museen, die Lange Nacht der Opern, 775 Jahre Berlin und so ziemlich alles Große mit Kultur erfolgreich stemmen. Sie vereint Veranstaltungen für Konsumenten, Produzenten und Unternehmer. Bis zum letztens Jahr war auch die Fachmesse Popkomm ein Teil von ihr. Inzwischen ist sie überholt, die Music Week hat die Popkomm als Schnittstelle für Business-People überflüssig gemacht.

Die Werkstatt „all2togethernow“ bringt angehende Musiker mit Profis zusammen. Von Größen, wie dem Chefredakteur der Spex, dem Manager von Seeed oder eben auch dem ehemaligen Universal-Chef und heutigem Geschäftsführer von Motor Entertainment Tim Renner, lassen sich die jungen Talente vor Publikum coachen und bekommen Ratschläge, wie man die erste Tour organisiert.

Musik als Wirtschaftsfaktor

Für Musikfans bieten die Berlin Clubnacht, das Auf-Den-Dächern-Festival, das Berlin Festival, die ICAS-Suite, ein großes Programm von Mainstream wie Paul Kalkbrenner und The Killers bis zu Liebhaber-Elektronik des Berliner DJs Pantha Du Prince.

In sehr kurzer Zeit hat es die Berlin Music Week geschafft ein internationales (Fach-)Publikum anzuziehen. Ähnlich wie bei der Fashion Week gehen Spaß und Business einher. 500.00 Euro an Fördergelder hat der Doppelhaushalt 2012/2013 jeweils für die Veranstaltung vorgesehen. Dass sich diese Investitionen lohnen, ist für den Staatssekretär von Knobelsdorff sicher. „Solche Veranstaltungen haben gewaltige Effekte. Speziell wurden diese für die Fashion Week untersucht. Pro Saison kommen rund 120 Millionen Euro in die Stadt.“ Zur Musikwoche gibt es noch keine genauen Zahlen, aber es ist zu erwarten, dass ähnlich viele Besucher in Hotels übernachten, Taxi fahren, essen und einkaufen gehen und letztlich auch Geschäfte hier machen und so das Geld in die Stadt tragen.

Dass überhaupt Geld hierherkommt, liegt aber weniger an den bereits etablierten, ökonomischen Strukturen. Es liegt tatsächlich an den idealen Bedingungen für Musiker und Clubgänger. Billige Mieten, niedrige Lebenskosten, Freiräume. Nach der Maueröffnung kamen die ersten großen Anstürme aus ganz Deutschland, um das Wochenende in Berlin durchzufeiern, Tim Renner war mit dabei und schleppte sich montags wieder zurück in das Hamburger Büro der Plattenfirma Polydor.

Franz Ferdinand und Sigur Ró beim Berlin Festival

Ein paar Jahre später kam auch Conny Opper. Inzwischen ist Opper (39) Veranstalter des Berlin Festivals, Clubbetreiber, Szenegröße in Berlin. Opper sieht aus wie der Berliner Bär. Groß, gemütlich und kräftig, nicht so wie ein richtiger Geschäftsmann. Er wollte Architektur studieren an der UDK, das war 1994. Er ist dann aber „direkt in die Praxis gegangen“, sagt er und lacht so ein richtiges Spitzbubenlachen. Er hat „Architektur in Form von Veranstaltungen umgesetzt“, gründete Clubs wie das Scala oder das Rio, betreibt heute noch die Kingsize Bar in der Friedrichstraße.

Opper ist einer, der zeigt, worauf es in Berlin ankommt, der zeigt wie hier Erfolg definiert wird. Nämlich nicht ausschließlich über Geld. In Berlin reicht es halt eine coole Sau zu sein. Klar verdient Opper ganz gut mit seinen Projekten, aber es ging ihm immer darum Ideen umzusetzen. „Leute zusammenbringen, etwas Eigenes auf die Beine stellen“. Zum Berlin Festival kam er zufällig. Hilary Kavanagh, die andere Mitbegründerin, fragte ihn, ob er nicht Lust hätte, die Aftershow zu diesem Festival außerhalb Berlins zu organisieren. Vor sieben Jahren tanzten die ersten Gäste noch draußen in Paaren im Glien. Heute sind es 20.000 in Tempelhof, die bei Stars wie Franz Ferdinand und Sigur Rós den Alltag auf dem alten Flugfeld vergessen.

Als die Fluggesellschaft Easy Jet ab 2004 Schönefeld mit dem Rest Europas zu Billigpreisen erreichbar macht, entwickelt sich Berlin vollends zu einer Stadt, in der die ganze Welt am Wochenende zecht und tanzt und nicht nur aus Hamburg und München kommt. Berghain, Watergate, Weekend werden die neuen Wahrzeichen Berlins. Ausgehen von Montag bis Sonntag – kein Problem. Die Berichte in internationalen Publikationen wie der New York Times überschlagen sich. Berlin sei das ganz neue Ding. Immer mehr Menschen aus aller Welt wollen schließlich auch hier leben und teilhaben an der Kultur.

Zehn Jahre nach Wowereits Festrede sind seine Worte tatsächlich wahr geworden. Aber das ist nicht der Verdienst des Bürgermeisters. Es ist überhaupt schwer zu sagen, wer das jetzt eigentlich war, der Berlin so groß und begehrenswert gemacht hat. Wahrscheinlich jeder so ein bisschen. Ist ja auch egal. Wir alle sind jetzt Musikhauptstadt.

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