„Musik erlaubt"

Berlins Musiker haben ein Proberaum-Problem

Musiker haben es schwer in der Stadt - wegen des Lärmschutzes. Am Ostkreuz finden viele eine Zuflucht. Doch auch dort gibt es Zukunftssorgen.

Foto: Jakob Hoff

Ob in einem Luftschutzbunker in Berlin-Rudow oder in einer abrissgefährdeten Baracke in der Yorckstraße – der studierte Schlagzeuger André Seidel hat schon an so manch ungewöhnlichem Ort geprobt. Der 30-Jährige spielt in der Funkband „Mo'Blow“.

Als Berufsmusiker ist er darauf angewiesen, täglich auf seinem Instrument zu üben. „Für einen Musiker ist der Probenraum wie ein zweites Zuhause – und in Berlin ist es unglaublich schwer, einen geeigneten Ort dafür zu finden“, sagt der Schlagzeuger. Vor fünf Jahren hat Seidel schließlich einen Probenraum gefunden: in Lichtenberg, im „Musik- und Medienzentrum am Ostkreuz“.

Zwischen Autowerkstätten und S-Bahngleisen, im Lichtenberger Gewerbegebiet, befindet sich dieses 3800 Quadratmeter große Grundstück, das sich ganz dem Prinzip „Musik erlaubt“ verschrieben hat. Nach dem Betreten des Gebäudes im Wiesenweg warten ein großer Hinterhof, lange, verwinkelte Gänge, unzählige Zimmer mit dicken Wänden und Poster von Konzerten und Künstlern, die im Café mit ihren Instrumenten improvisieren, auf den Besucher.

Rund 1000 professionelle Musiker proben hier regelmäßig und nutzen die verschiedenen Räumlichkeiten für Unterrichtsstunden, Proben, Konzerte oder Studioaufnahmen. Selbst eine Schule für Sounddesign ist hier integriert – eine Seltenheit in der Hauptstadt.

Bedeutender Wirtschaftsfaktor

Initiiert wurde das Projekt im Jahr 2007 von dem Berliner Musiker Christoph Klemke. Er übernahm das ehemalige Umspannwerk der Vattenfall AG als Pächter. Gemeinsam mit seiner Partnerin Feline Lang ist er für alle Arbeiten und Belange im und am Haus zuständig. Der studierte Cellist und die ebenfalls professionell ausgebildete Sängerin und Schauspielerin Feline Lang leben von und für die Musik. Sie investieren mehr als nur Zeit und Geld in ihr Musikhaus.

Beide setzten einst große musikalische Hoffnungen in Berlin. Mit rund 11.980 Erwerbstätigen im musikalischen Sektor und einem Umsatz von knapp 638,5 Millionen Euro pro Jahr stellt die Musikbranche in Berlin einen bedeutenden wirtschaftlichen Faktor dar.

Heute ist es für Musiker jedoch alles andere als einfach in der Hauptstadt: „Die Lage ist katastrophal“, sagen die Geschäftsführer. Grund dafür seien vor allem die verschärften EU-Schallschutzgesetze, die die Musiker aus dem Innenstadtbereich drängen. „Das bedeutet irgendwann: keine Fête de la Musique mehr, keine Open-Air-Festivals, kein Karneval der Kulturen“, sagt Feline Lang.

Auch die Berliner Kulturverwaltung weiß um den Konflikt: „Gerade das Proben im Innenstadtbereich ist für Musiker ein echtes Problem.“, sagt Torsten Wöhlert, Sprecher der Kulturverwaltung. Daher soll mit einem Sofortprogramm in der Musiklandschaft eingeschritten werden. Zusammen mit der Gesellschaft für Stadtentwicklung sollen zukünftig 25 Probenräume gefunden, ausgestattet und gefördert werden. Für das kommende Haushaltsjahr stehen dann 600.000 Euro an Zuschüssen für den Ausbau von Übungsräumen für die freie Musikszene zur Verfügung – sofern das Abgeordnetenhaus das Geld nicht aus dem Haushaltsplan streicht.

Wie es sich anfühlt, wenn es keinen Raum mehr für Musik gibt, hat Geschäftsführer Klemke zu spüren bekommen. Seine eigenhändig aufgebaute Musikschule „Meyerbär“ in Weißensee musste geschlossen werden, da eine Investition in Höhe von 91.000 Euro nötig gewesen wäre, um die Schallschutzrichtlinien der EU einzuhalten. Paradox daran: Ein 2500 Euro teures Lärmschutzgutachten kam zu dem Ergebnis, dass die Schule vier Dezibel unter dem erlaubten Grenzwert liegt. Da Umgebungsgeräusche, wie Verkehrs- oder Baustellenlärm, jedoch zu den gemessenen Werten addiert werden, kommt es zu einer Überschreitung der zulässigen Lautstärke. Das bedeutet: keine Chance für Musikunterricht, keine Möglichkeit für musikalische Früherziehung.

Ähnlich wie dem Schlagzeuger André Seidel ging es auch Arne Bergner (35) und Fabian Leistner (35) von der Band „Brokof“. Die Suche nach Probenräumen fand erst mit dem Einzug ins Lichtenberger Musikhaus ein Ende. 200.000 Euro haben die vier Bandmitglieder in ein professionelles Tonstudio in ihrem Probenraum investiert. Die Qualität der Ausstattung ist so gut, dass selbst Popgrößen wie Yvonne Catterfeld oder die Teenie-Band Killerpilze hier schon Aufnahmen gemacht haben. Auch die Firmen Telekom und Lufthansa ließen schon Werbespots in diesem Studio erstellen.

Es droht eine Pachterhöhung

Doch das Lichtenberger Musikerparadies von Christoph Klemke, Feline Lang, André Seidel, Arne Bergner und vielen anderen steht vor einer ungewissen Zukunft. Der Pachtvertrag mit Vattenfall jährt sich am 1. Januar 2013 zum fünften Mal – dann droht eine Pachterhöhung von etwa 50 Prozent. Eine finanzielle Forderung, die die Musiker kaum leisten könnten. Von Vattenfall-Sprecher Hannes Stefan Hönemann wird diese Zahl jedoch dementiert.

Christoph Klemke versucht nun, das 1,6 Millionen Euro teure Objekt zu erwerben, um diesen Musikstandort zu wahren. Bis jetzt hat er die Hälfte der benötigten Summe von insgesamt 260.000 Euro aus Eigenkapital und Spenden zusammen gesammelt. Die Musiker versuchen, ihrer Zukunft mit Hoffnung und Zuversicht entgegen zu blicken. „Wir sind optimistisch, dass der Kauf klappt“, sagt Klemke. Doch selbst wenn das funktioniert – der Kampf um „erlaubte Musik“ in Lichtenberg ist mindestens genauso groß wie die erforderliche Summe.