Seefestspiele

Erotisch und magisch - Die Opernstars im Diven-Check

Julia Rutigliano und Erica Brookhyser singen bei den Berliner Seefestspielen Bizets „Carmen” - und könnten unterschiedlicher kaum sein.

Foto: Elena Mantau

Am Wannsee hat am Donnerstag Bizets „Carmen“ in der Regie von Volker Schlöndorff bei den Seefestspielen Premiere. Insgesamt sind zwölf Opernaufführungen bis zum 2. September geplant.

Zu viele Auftritte für eine Sängerin allein, also hat der Filmregisseur gleich zwei Carmen auf der Bühne im Strandbad eingearbeitet. In der Premiere am Donnerstag singt Julia Rutigliano, am Freitag dann erstmals Erica Brookhyser.

Es sind zwei Sängerinnen, die vom Temperament her unterschiedlicher kaum sein können. Auf die Frage nach bisherigen Carmen-Erfahrungen fragt Julia Rutigliano gleich zurück, ob „als Mensch oder als Rolle?“ Die 34-jährige Deutsche mit italienischem Vater mag es leidenschaftlich. „Ich bin ungeduldig, fahre gerne schnell Auto, finde natürlich den Parkplatz direkt vor der Tür, koche gerne.“ Natürlich italienisch. Als erstes zeigt sie beim Gespräch ihre neuen roten Schuhe. Für eine richtige Carmen gehört sich das wohl auch so.

Erica Brookhyser wirkt nachdenklicher. Die 31-jährige Amerikanerin, deren Vorfahren mit dem Namen Bruchhäuser aus Hessen auswanderten, fühlt sich „nicht als typische Amerikanerin“, eher als Weltbürgerin. Seit zwei Jahren lebt sie in Deutschland.

„Ich bin fleißig wie viele Deutsche, mir gefällt die Musik und Kultur. Das sind wohl meine deutschen Wurzeln.“ Das unterschiedliche Temperament wird sich wohl auch auf der Opernbühne wieder finden. „Meine Carmen ist eine mutige Frau, die macht, was sie will. Die sich nimmt, was sie will. Eine hübsche, emanzipierte Frau. Es ist eine erotische, sinnliche, magische Frau“, verspricht Julia Rutigliano.

Konkurrentin Erica Brookhyser hat mehr das Soziale im Blick. „Man weiß, dass sie eine Roma ist. In dieser Produktion ist sie wirklich eine arme Frau, sie gehört nicht zu den Spaniern, sie steht außerhalb dieser Gesellschaft. Volker Schlöndorff hat sie sehr menschlich angelegt.“

Erst Rock, dann Modern Dance, jetzt Oper

Beide Mezzosopranistinnen sind als Opernsängerinnen eigentlich Quereinsteigerinnen. Julia Rutigliano ist mit Rockmusik aufgewachsen, weil ihr Vater E-Gitarrist ist. „Er hat in verschiedenen Bands gespielt und lebt momentan auf Mallorca“, sagt sie: „Und eigentlich kam ich als Kind witzigerweise eher mit Neuer Musik zusammen.“ Die Oper sieht sie heute als Berufung, aber zuerst hat sie getanzt. „Ich war begabt für Modern Dance.“

Erica Brookhyser hat bereits mit vier Jahren begonnen, Geige zu lernen. Bis 20 hat sie professionell Musical gemacht, erst dann ist sie in die Oper gewechselt. Wenn sie zuhause Musik hört, dann ist das oft Klassik. „In Berlin habe ich mehrere Jazz-Konzerte im A-trane gehört. Das ist cool“, erzählt sie: „Was ich nicht mag ist die im Tonstudio durchproduzierte Popmusik, in der keiner richtig singen und ein Instrument spielen kann. Ich mag selbst gemachte Musik.“

Rockerkind Rutigliano hat mit der Klassik weniger am Hut. „Ich höre gerne ACDC, gerne Michael Jackson, überhaupt die ganze schwarze Musik. Und natürlich die Musik meines Freundes.“ Die Würzburgerin lebt mit dem Schlagzeuger der Rockband „The Bianca Story“ zusammen. Ihre amerikanische Kollegin Brookhyser ist mit einem Komponisten verheiratet, man lebt in einer künstlerischen Fernbeziehung.

„Es war ein bisschen wie Olympia“

Julia Rutigliano ist übrigens über ein normales Vorsingen zu ihrem Engagement gekommen, Erica Brookhyser hingegen hat beim ersten TV-Operncasting in Berlin teilgenommen. „Ist doch eigentlich das Gleiche“, meint Frau Rutigliano: „Beim Casting hatte ich von der Werbung her den Eindruck, dass jeder mitmachen könne. Aber eigentlich war doch allen Beteiligten von vornherein klar, dass so eine Rolle nur ein Opernsänger stemmen kann. Im Pop ist Casting eine gute Sache, weil es sehr schwer ist, an die richtigen Leute ranzukommen.“

Castinggewinnerin Brookhyser ist sich nicht sicher, ob der ganze Aufwand wirklich nötig ist. „Man kann auch bei einem Zehnminuten-Vorsingen herausfinden, ob jemand singen kann, Temperament hat, sich bewegen kann und nett ist. Jeder Sänger muss irgendwie seine Arie verkaufen. Aber das Casting war schon spannend. Es war ein bisschen wie Olympia.“

Was beide Sängerinnen verbindet: Sie haben Lampenfieber. Beide finden das typisch deutsche Regietheater gut. „Es ist komisch, wenn sich Sänger auf der Opernbühne nach jeder Arie verbeugen. Das ist für mich keine Oper. Musiktheater muss Geschichten erzählen“, sagt Julia Rutigliano. Zuletzt war sie in Braunschweig engagiert, jetzt ist sie freischaffend. Nach Carmen folgt Wagners „Walküre“ mit Zubin Mehta in Florenz. „Dort werde ich die Fricka covern und die Siegrune singen.“ Erica Brookhyser sieht das ganze Regietheater amerikanisch-pragmatisch. „Ich mache mit, so lange der Regisseur mir sein Konzept glaubhaft erklären kann. Mein Job ist es, sein Konzept auf der Bühne zu verkaufen.“ Als nächstes macht sie Berlioz' „Les Troyens“ daheim in Darmstadt. „Es ist cool“, meint sie, „auch mal eine Königin zu spielen.“

Seefestspiele Wannsee: Zwölf Aufführungen „Carmen“ von Donnerstag (Premiere) bis 2. September. Do.-Sa. um 19.30 Uhr, So. um 18,30 Uhr. Tel: 01805–969000555