Seefestspiele

Volker Schlöndorff ist kein Dieter Bohlen der Oper

Regisseur Volker Schlöndorff spricht über seine „Carmen“-Inszenierung am Wannsee, Ärger mit den Behörden und was passiert, wenn es regnet.

Foto: Amin Akhtar

Noch wird nicht am Wannsee geprobt, wo die „Carmen“ am 16. August Premiere hat, sondern in einer Schulsporthalle in der Onkel-Tom-Straße. Die Sänger haben noch Mittagspause und tröpfeln und radeln erst nach und nach ein. Volker Schlöndorff aber ist schon hier und steckt sich eine seiner Zigarillos an. Auf den Sportrasen dürfen wir nicht, also nehmen wir zwei Stühle mit auf den Parkplatz und setzen uns dort in die halbe Stunde Sonnenschein, die uns das Wetter beschieden hat. Eine ideale Stimmung, um über seine Open-Air-Inszenierung zu reden. Mit Volker Schlöndorff sprach Peter Zander.

Morgenpost Online: Wie musikalisch sind Sie eigentlich, Herr Schlöndorff?

Volker Schlöndorff: Also, ich spiele kein Instrument. Und kann auch nicht singen. Aber ich bin schon musikalisch. Ich habe schon bei meinem ersten Film vor 50 Jahren mit einem Opernkomponisten zusammengearbeitet, Hans Werner Henze.

Morgenpost Online: Wurde Ihnen denn im Elternhaus die Liebe zur Oper nahegebracht?

Schlöndorff: Als Junge habe ich gleichzeitig zum Tanzkurs ein Opern-Abo bekommen, darüber wurde gar nicht debattiert. Das gehörte zum Gymnasialprogramm dazu. Ich kann mich aber nur an wenige Ereignisse eher schmerzhafter Art erinnern.

Morgenpost Online: Sie waren 1974 einer der ersten deutschen Filmemacher, dem eine Operninszenierung angetragen wurde. Inzwischen scheint das ein echter Trend zu sein.

Schlöndorff: Ich glaube, der Höhepunkt ist schon überschritten. Der war so in den siebziger, achtziger Jahren. Da gab es einen echten Mangel an Opernregisseuren, das haben ehemalige Tenöre oder Bühnenbildner gemacht, aber als Beruf war das nicht so festgelegt. Und so sind wir Filmregisseure eingesprungen. Das hat ja viel miteinander gemein, die großen Gefühle, die Emotionen. Aber heute gibt es so viele ausgebildete Opernregisseure, etwa hier aus der „Hanns Eisler“-Hochschule, dass die Opern uns nicht mehr brauchen.

Morgenpost Online: Nach Ihrer Inszenierung von Janaceks „Totenhaus“ 2005 hier in Berlin an der Deutschen Oper sagten Sie, Sie wollten nie wieder eine Oper inszenieren.

Schlöndorff: Das waren damals äußerst unglückliche Umstände. Trotzdem fand ich das Ergebnis gut, ganz im Gegensatz zur Kritik. Die war damals so massiv, dass ich mir gesagt habe, ich muss das nicht mehr machen. Es ist immer auch eine Zeitfrage. Wenn jetzt, Gott behüte, noch mal die Deutsche Oper oder Jürgen Flimm käme und mich fragen würde, dann ginge es wohl um eine Produktion ab 2016. Und da wüsste ich wirklich nicht, ob das nicht mit Filmprojekten kollidiert. Das ist so oft passiert.

Morgenpost Online: Aber für die „Carmen“ waren Sie frei…

Schlöndorff: Das war ganz kurzfristig. Und das ist eine Sommerproduktion. Da haben alle keine andere Verpflichtung. Sonst ist ja die Krux bei Opernproben immer, der eine hat hier einen Termin, der andere da, und alle verflüchtigen sich sofort nach der Probe. Hier sitzen wir zusammen wie ein künstlerisches Ferienlager. Eigentlich müsste dabei etwas Gutes entstehen.

Morgenpost Online: Das klingt so, als seien Sie gar nicht davon überzeugt gewesen?

Schlöndorff: Gekommen bin ich in der Erwartung von Karl-May-Festspielen, und auf einmal merke ich, das wird eine richtig gute Carmen. Das sage ich mal ganz ohne Eitelkeit. Ich habe viele Zirkuselemente eingebaut. Wir liefern etwas, was, glaube ich, sehr Open-air-geeignet ist, ein witziges Showprogramm.

Morgenpost Online: Ihr Cast wurde öffentlich gesucht. Sind Sie jetzt der Dieter Bohlen der Oper?

Schlöndorff: Das ist ein absolutes Missverständnis. Bei der Suche ging es ja nur um die Zweitbesetzung. Und aufgerufen wurden nicht etwa Laien, das sind alles Sänger, die fest an Opernhäusern beschäftigt sind. Ich war anfangs äußerst skeptisch und habe mich an dieser Suche auch gar nicht beteiligt, aber da wurden echte Entdeckungen gemacht. Nach der Hälfte der Proben kann ich sagen, Erst- und Zweitbesetzung sind absolut gleichwertig – wiewohl vollkommen verschieden.

Morgenpost Online: Die Sänger haben alle noch keinen großen Bekanntheitsgrad. Lastet alle Verantwortung damit allein auf Ihren Schultern?

Schlöndorff: Wenn, dann bin ich mir dessen nicht bewusst. Nein, ich glaube, dass Open-air, die Wannsee-Location und die „Carmen“ selbst die Attraktionen sind.

Morgenpost Online: Sind Sie denn selbst ein überzeugter Open-Air-Gänger?

Schlöndorff: Ja, ich mag das, wie die Natur mitspielt und wie das Licht sich verändert. Das liebe ich auch als Zuschauer. Beim Philharmoniker-Konzert waren wir dieses Jahr zwar nicht dabei, aber ich bin ein Waldbühnengänger, gehe sogar zur Pyronale. Ich bin ein gutes Publikum für so was, das Kind in mir verlangt danach.

Morgenpost Online: Katharina Thalbach hat vor einem Jahr die „Zauberflöte“ hier inszeniert. Haben Sie schon mal Erfahrungen ausgetauscht?

Schlöndorff: Na, ihre Erfahrungen musste ich Gott sei Dank nicht machen. Als ich damals die Schlagzeilen las, die Verschiebung von Potsdam an den Wannsee und von den Pontons auf dem See auf das Gelände oberhalb, dachte ich nur: Die Ärmste! Ich hatte keine Ahnung, dass das mal auf mich zukommen könnte. Aber ich habe Glück gehabt, sie hat den Boden vorbereitet.

Morgenpost Online: Auch bei Ihnen gibt es Hiobsbotschaften: Ihre Bühne muss, wie diese Woche bekannt wurde, um sechs Meter verschoben werden.

Schlöndorff: Ja, das ist unfassbar. Das ist der Amtsschimmel. Ich war selbst vor Ort: Da ist nur ein Stützpfeiler, eine Eisenstrebe, die in den Sand gesteckt wird, und von da bis zum Grundwasserspiegel sind es, schätze ich mal, 30 Meter. Das kann gar keinen Einfluss aufs Trinkwasser haben, das ist einfach sture Gesetzesauslegung. Und falsch verstandene Basisdemokratie, wo jeder meint, er kann alles verhindern. Und niemand denkt ans Gemeinwohl. Ich könnte mich darüber so was von erregen.

Morgenpost Online: Hat das denn auch Konsequenzen für Ihre Inszenierung?

Schlöndorff: Nein, überhaupt nicht. Es fallen halt nur zehn Stuhlreihen. Das sind 800 Plätze weniger pro Vorstellung. Das ist schade und dumm, weil diese Art Spätsommerbespielung eine große Zukunft hat für Berlin.

Morgenpost Online: Letzte Frage, muss sein: Was tun Sie, falls es zur Premiere wieder in Strömen regnet?

Schlöndorff: Ach, jeder Regen, der jetzt fällt, zahlt sich Mitte August in Sonnenschein aus. Das ist einfache Wahrscheinlichkeitsrechnung.