Peter Schwenkow

Seefestspiele finden zum letzten Mal in Berlin statt

Bei „Carmen” am Wannsee fehlen diesmal tausende Plätze. Konzertveranstalter Schwenkow über Hinterhältigkeit, Einnahmeverluste und Respekt.

Foto: Getty Images

Die Verärgerung ist groß: Auch in diesem Jahr gab es kurz vor dem Bühnenaufbau für die Seefestspiele am Wannsee Streit zwischen dem Veranstalter Peter Schwenkow, Vorstandschef der Deutschen Entertainment AG (Deag), und der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung.

Die Verwaltung hatte ihr Veto gegen die Bühne eingelegt, die knapp sechs Meter über die Trinkwasserzone am Wannsee hinausragen sollte. Die Bühne musste deshalb neu konzipiert werden, wodurch Tausende Plätze wegfallen. Am Donnerstag findet die Premiere für die diesjährigen Seefestspiele mit der Inszenierung von Georg Bizets „Carmen“ statt.

Peter Schwenkow über die Oper, den Senat und die Konsequenzen.

Morgenpost Online: Die Premiere steht kurz bevor. Sind Sie zufrieden mit dem Kartenverkauf für „Carmen“?

Peter Schwenkow: Sehr sogar. Wir haben schon rund 28.000 Karten für die Seefestspiele verkauft. Für die ersten zwei Tage gibt es schon jetzt kaum noch Karten.

Morgenpost Online: Im vergangenen Jahr, als in Wannsee Mozarts „Zauberflöte“ von Katharina Thalbach inszeniert wurde, kamen rund 40.000 Besucher. Ist das auch 2012 Ihr Ziel?

Peter Schwenkow: Wir haben ja gar nicht mehr so viel Platz für so viele Besucher. Mit ganz viel Glück können wir in den kommenden Tagen 37.000 bis 38.000 Besucher unterbringen. Wegen des Vetos der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung fehlen uns nun rund 9600 Plätze.

Morgenpost Online: Weniger Plätze heißt auch weniger Einnahmen…

Peter Schwenkow: 9600 Plätze weniger bedeuten rund 400.000 Euro weniger Einnahmen. Wir als Gesellschafter – ich bin das nicht alleine – gehen nämlich davon aus, dass wir von diesen Plätzen mindestens 5000 hätten verkaufen können.

Morgenpost Online: Schon im vergangenen Jahr gab es Streit über die Bühne, über die Trinkwasserzone. Was ist in diesem Jahr schiefgegangen?

Peter Schwenkow: Es war nicht die Wasserbehörde, die das Veto gegen den von uns geplanten Bühnenaufbau eingelegt hat. Es war der Staatssekretär für Stadtentwicklung, Christian Gaebler. Er hat eine ganz willkürliche Grenze gezogen und diese Entscheidung ganz kurzfristig gefällt. Wir haben uns an all das gehalten, was wir mit seinem Vorgänger, dem Staatssekretär Benjamin Hoff, im Jahr 2011 besprochen hatten. Hoff sagte damals, an drei bis vier Metern sollen die Seefestspiele nicht scheitern. Und dann das: Am Freitagmittag, dem 6. Juli, untersagte Gaebler den geplanten Bühnenaufbau, der am Montagvormittag, dem 9. Juli, beginnen sollte. Bei einer so aufwendigen Bühne mit einer eigens gebauten Konstruktion können sie nicht einfach sagen, dann verhandeln wir erst mal. Da ist jeder Tag durchgeplant. Angenommen, wir hätten eine Woche mit der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung verhandelt und dann auch ein Ergebnis gehabt, dann hätten wir auch die Premiere absagen und um eine Woche verschieben müssen. Für den Premierentag waren zu diesem Zeitpunkt aber schon die Karten verkauft. Das Verhalten des Staatssekretärs grenzte wahrlich schon an Hinterhältigkeit.

Morgenpost Online: Entsprechend ist die Stimmung bei Ihnen und Ihren Mitgesellschaftern Michael Mronz, Christoph Dammann und Burghard Zahlmann …

Peter Schwenkow: Die Stimmung ist ausgesprochen mies.

Morgenpost Online: Werden Sie nun Konsequenzen als Veranstalter ziehen?

Peter Schwenkow: Es ist schon schwer zu verkraften, wenn man fünf vor zwölf so eine Klatsche bekommt. Wir investieren in die Seefestspiele unser Geld, wir riskieren ja etwas. In der Gesellschaft gibt es keine Mehrheit, dass wir unser Geld auch in Zukunft in die Seefestspiele am Wannsee investieren.

Morgenpost Online: Es wird also keine Seefestspiele mehr in Berlin geben?

Peter Schwenkow: Das ist definitiv: Es wird keine Seefestspiele mehr in Berlin geben.

Morgenpost Online: Trotz des großen Erfolgs im vergangenen Jahr? Trotz des großen Interesses an „Carmen“?

Peter Schwenkow: Wir sehen das nicht.

Morgenpost Online: Was wollen Sie tun? Die Seefestspiele aufgeben? In ein anderes Bundesland gehen?

Peter Schwenkow: Ganz klar: Wir wollen mit den Seefestspielen in ein anderes Bundesland gehen. Sehen Sie: Die Seefestspiele sind überaus attraktiv und erfolgreich. Wir zeigen eine populäre Oper, auf ganz eigene Art inszeniert. Im vergangenen Jahr war es Katharina Thalbach, in diesem Jahr macht es Volker Schlöndorff. Wir führen schon Gespräche, wer die Inszenierung im kommenden Jahr übernehmen könnte. Auch der Ort am Wasser zieht das Publikum an. Das Projekt ist für all die Städte attraktiv, die einen See haben oder am Wasser liegen. Wir hatten in den vergangenen Monaten schon Anfragen aus anderen Städten, die an einer Aufführung interessiert sind. Sie wollen uns Gelände umsonst zur Verfügung stellen, die Werbung übernehmen. Ich habe das bislang immer abgelehnt, denn ich bin als Berliner Unternehmer in Berlin verwurzelt. Und ich habe hier schon viele verrückte Sachen gemacht. Aber jetzt gibt es in der Gesellschaft keine Mehrheit mehr für Berlin.

Morgenpost Online: Was muss passieren, damit Sie doch mit den Seefestspielen am Wannsee bleiben?

Peter Schwenkow: Ich glaube nicht, dass man das noch gedreht bekommt. Wir müssen mal sehen, was es jetzt für ein Spektakel gibt – zur Premiere am Donnerstag werden ja Gäste aus dem In- und Ausland erwartet.

Morgenpost Online: Wer kommt denn?

Peter Schwenkow: Der Schauspieler John Malkovich, Alice Schwarzer, die Schauspielerinnen Ursula Karven, Martina Gedeck, der Sänger Klaus Hoffmann, Martin Hoffmann, der Intendant der Berliner Philharmoniker, die Fernsehmoderatoren Sandra Maischberger und Ulrich Meyer, der FDP-Fraktionsvorsitzende im Bundestag, Rainer Brüderle und, und, und. Es wird sicherlich eine spektakuläre Premierenveranstaltung – und dann werden wir sehen, wie Berlin und die Berliner das Thema aufnehmen. Von uns Gesellschaftern gibt es die definitive Ansage: „Freut euch auf die Seefestspiele, sie werden das letzte Mal in Berlin sein. Im nächsten Jahr müsst ihr woanders hinfahren.“

Morgenpost Online: Der Staatssekretär Christian Gaebler gehört der SPD an, der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit auch. Wowereit ist außerdem für Kultur zuständig, Sie haben ein gutes Verhältnis zu ihm. Kann Klaus Wowereit Ihnen nicht helfen?

Peter Schwenkow: Klaus Wowereit hätte helfen können. Aber dafür war gar keine Zeit, das Timing von Christian Gaebler war doch so geschickt, dass niemand mehr eingreifen konnte. Wie aus dem Nichts kam die Ansage, dass wir unsere Bühne nicht so aufbauen dürfen wie geplant. Das war nicht innerhalb von wenigen Stunden reparierbar. Und das ärgert mich auch immer noch: Der Staatssekretär hätte nur den Hörer in die Hand nehmen und mich oder einen der anderen Gesellschafter anrufen müssen. Oder den Bezirk, der sich ja auch für unser Projekt einsetzt.

Morgenpost Online: Sie sind verärgert, aber sind Sie auch traurig, dass die Seefestspiele nicht mehr in Berlin stattfinden werden?

Peter Schwenkow: Die Seefestspiele sind für uns ein Projekt, das wir sehr lieb gewonnen haben. Wir gehen dahin, wo man uns mit Respekt begegnet und behandelt.