Zu Beginn beschleicht einen das Gefühl, man befinde sich im falschen Stück. Ist das Hannibal Lector im Anstaltskäfig da oben auf der finster eingenebelten Bühne? Aber nein, hier geht es nicht um das Schweigen der Lämmer, sondern um das Schweigen eines blinden, taubstummen Jungen, der zum Flipperkönig und Heilsbringer aufsteigen wird.

„Tommy“, das Musical nach dem gleichnamigen Konzeptalbum der britischen Rockband The Who, erlebte am Sonnabend in einer überzeugenden englischsprachigen Neufassung seine Berlin-Premiere im Admiralspalast.

Aufrecht steht ein junger Mann in besagtem Käfiggestell. Es ist Tommy Walker, der „deaf, dumb and blind boy“. Eine Puppe ohne Gesicht, umringt von nervösen Ärzten, die sich den Zustand ihres Patienten nicht erklären können.

Sie fordern ihn hilflos auf, sich zu erinnern. Und in Rückblenden fächern sich Szenen aus Tommy Leben auf, getragen und getrieben von der Musik und den Songs von Who-Gitarrist Pete Townshend, von Hits wie „Pinball Wizard“, „Tommy Can You Her Me“, „See Me, Feel Me“ oder „I’m Free“.

Das im Jahr 1969 erschienene Doppelalbum „Tommy“ ist ein Meilenstein der Rockgeschichte und einer der Höhepunkte in der Karriere von The Who. Ken Russell hat den Stoff 1975 starbesetzt mit Tina Turner, Elton John und Eric Clapton verfilmt, doch Versuche, die Rockoper auf die Theaterbühne zu bringen, scheiterten immer wieder. Bis Pete Townshend, von dem nahezu alle Stücke stammen, die Sache selbst in die Hand nahm, sich mit dem amerikanischen Musical-Routinier Des McAnuff zusammentat, um „Tommy“ in New York an den Broadway zu bringen.

Am 22. April 1993 hatte „The Who’s Tommy” im St. James Theatre seine erfolgreiche Premiere, wurde mehrfach mit dem Bühnenpreis Tony ausgezeichnet und brachte es auf 899 Aufführungen. In der nachfolgenden Londoner Inszenierung spielte Kim Wilde 1996 die Rolle von Tommys Mutter. Auch im Offenbacher Capitol-Theater wurde „Tommy“ 1995 aufgeführt, mit dem Hauptdarsteller des Broadway-Originals, Michael Ceveris. Allerdings mit nur mäßigem Erfolg. Das Stück bleibt schwierig. Was weniger an der Musik liegt, als an der ein wenig verquasten Story.

Tommy muss als Kind mitansehen, wie sein gerade aus dem Zweiten Weltkrieg heimgekehrter Vater den Liebhaber der Mutter tötet. Captain Walker wird vom Gericht freigesprochen, doch sein Sohn verweigert fortan jegliche Regung, ist taub, blind und stumm. Die Eltern versuchen alles, um das Kind zu heilen. Gehen zu Ärzten, zu Geistlichen, zu Wunderheilern.

Sie lassen ihn allein mit dem pädophilen Onkel Ernie, der den Jungen hier schamlos im Weihnachtsmannkostüm auf dem Küchentisch missbraucht. Sie schleppen ihn zu Cousin Kevin, der Tommy hänselt und quält. Tommy aber zieht sich zurück in seine eigene Welt und wird plötzlich zum Meister am Flipperautomaten, zum „Pinball Wizard“, was zum einem Höhepunkt dieser Inszenierung vor der Pause wird.

Es ist eine Tourneeproduktion erster Güte. Das Ensemble besteht aus jungen Musicaldarstellern und Tänzern aus London, die mit hungrigem Herzen bei der Sache sind.

Regisseur Ryan McBride hat das Stück für das English Theatre Frankfurt am Main erheblich modifiziert, weicht immer wieder vom statischen Erzählstrang der Originalfassung ab – was dem Musical durchaus gut tut.

Imposant sind die Szenenbilder vor der Kulisse einer kriegszerstörten Londoner Ruinenstadt, die immer auch wieder durch Projektion angereichert werden. Abwechslungsreich die Choreographien von Drew McOnie und bewegend die kraftvollen Chorgesänge des Ensembles. Der stimmstarke Leo Miles spielt den erwachsenen Tommy, der als Erzähler fungiert, während zwei Kinderdarsteller auf der Bühne im Einsatz sind.

Im zweiten Teil findet Tommy einen Weg, um aus seiner Isolation auszubrechen. Er zerstört den Spiegel, durch den er einst die Bluttat beobachtet hat. Er kann wieder sehen, hören und sprechen. Und wird als Messias, genau genommen als Sektenführer, gefeiert. Doch als ihm die Hysterie um seine Person zu viel wird, lässt er den ganzen Rummel hinter sich, findet nach Hause zu den Eltern und in die Arme von Sally Simpson.

Regisseur McBride allerdings belässt es nicht bei diesem platten Happy End und geht einen düsteren Schritt weiter. In der letzten Szene sehen wir wieder den Tommy vom Anfang in der Nervenklinik, umringt von hilflosen Ärzten. Sie machen den Eltern keine Aussicht auf Heilung. Tommy wird weggesperrt. Alles war nur ein schöner, wirrer, hoffnungsloser Traum.

Dies ist eine durchaus imponierende Inszenierung, die von einer spielfreudigen Rockband aus dem Off in bestem Sound getragen wird. Schade, dass nur bis zum 21. Mai in Berlin gespielt wird. Dann zieht die Tourneekarawane schon wieder weiter - nach Dresden.