Gegen Ende des Programms überrascht der Sänger mit der Ansage: „Es ist heute das erste Mal, dass wir diesen Song live im Konzert spielen.“ Peter Gabriel spricht Deutsch an diesem Abend, wenn auch vom Blatt. Er lächelt nach hinten zu seinen Musikern und mit charmanter Sentimentalität schmelzt der 62-jährige Brite am Mittwochabend raustimmig die Ballade „That’ll Do“ in die mit rund 7000 Besuchern gefüllte O2 World. Einen Song von Randy Newman. Ein Lied, das Peter Gabriel 1998 für den Soundtrack zum Film „Schweinchen Babe in der großen Stadt“ gesungen hat. Eine knisternde, kleine, große Ballade. Aber an diesem Punkt im Konzert haben Peter Gabriel und das famose New Blood Orchestra das Publikum ohnehin längst auf ihrer Seite.
Es ist gerade einmal zwei Jahre her, dass Peter Gabriel auf eben dieser Bühne mit seinem ambitionierten New-Blood-Projekt Staunen machte. Anders als all die anderen Rockgrößen, die ihre in die Jahre gekommene Musik – meist wenig erfolgreich – gern mal durch den Einsatz eines Sinfonieorchesters aufzuwerten versuchten, nutzt Gabriel den gewaltigen Klangkörper, um Neues zu schaffen, um seine Songs völlig gegen den Strich zu bürsten. Es gibt keine E-Gitarristen, keine Rock-Schlagzeuger, die mit Blech und Streichern harmonieren müssen. Das ist klangmächtige Pop-Symphonik.
Diesmal eigene Songs im Orchesterklang
Schon während seiner acht Jahre mit Genesis, der Prog-Rockband, die er 1975 verließ, haben ihn opernhafte Inszenierungen und großorchestral ausgetüftelte Arrangements umgetrieben. Nun steht der experimentierfreudige Musiker lässig vor seinem von Ben Foster geleiteten, 46 Musiker starken Orchester und scheint sich selbst darüber zu freuen, was sein fantastischer Arrangeur und Produzent John Metcalve mit dem Orchester erarbeitet hat. Der versiert zwischen Pop und Klassik pendelnde Violinist Metcalve hat den Stücken einen populären und zugleich avantgardistischen Anstrich verpasst. Was mitunter klingt, als hätten Philip Glass, Michael Nyman und Van Dyke Parks gemeinsam ein Musical ausgeheckt. Ein Glücksfall, dass Gabriel und Metcalfe, der in der Streichergruppe sitzt (später aber auch mal an Perkussion und ans Dirigentenpult wechselt) zueinander gefunden haben.
Während bei der „Scratch My Back“-Tournee vor zwei Jahren noch Coverversionen von den Talking Heads und Arcade Fire bis zu Neil Young und Radiohead im Mittelpunkt standen, konzentriert sich Gabriel nun meist auf eigene Stücke, um sie durch den Orchesterklang zu veredeln. Dennoch eröffnet er den Abend wieder mit der sich bedrohlich anschleichenden David-Bowie-Hymne „Heroes“, die Teilzeit-Berliner Bowie auch in einer deutschen Fassung aufgenommen hatte. So wie Gabriel einst sein viertes Solo-Album von 1982 sowohl Englisch als auch Deutsch besungen hat.
Songs zu Miniopern inszeniert
Melancholisch, düster, mitunter bedrohlich ist die Stimmung der Songs, die aber immer wieder durch Momente der Hoffnung aufgebrochen wird. In den Projektionen, die die einzelnen Stücke begleiten, tauchen blutrote Farbflächen auf, überdimensioniertes Gewürm krabbelt über die Bildwände. Doch je weiter der Abend fortschreitet, desto versöhnlicher wird die Atmosphäre. Im Chor an seiner Seite hat Gabriel die wunderbare, emotional klarstimmige Rosie Doonan und Tochter Melanie Gabriel. Mit Rosie Doonan, die das Konzert mit zwei eigenen Songs eröffnet hatte, wird er später im Zugabenteil gemeinsam die hemmungslos positive Ballade „Don’t Give Up“ zelebrieren, jenes Lied das er auf Platte einst zusammen mit Kate Bush aufgenommen hatte.
Ja, es sind jede Menge alte Bekannte zu hören. Doch gewinnen die Songs durch die großorchestrale Instrumentierung überraschend zeitgemäßes Format, werden zu Miniopern über Leid und Unterdrückung, über Courage und Mut zur Veränderung. Wie „San Jacinto“, das von der Verdrängung der amerikanischen Ureinwohner durch die weiße Zivilisation handelt. Oder das trommelmächtige, afrikanisch inspirierte Stück „The Rhythm of the Heat“. Oder das der amerikanischen Schmerzenspoetin Ann Sexton gewidmete „Mercy Street“. „Digging In The Dirt“ ist im Repertoire, „Red Rain“ und auch „Solsbury Hill“, Gabriels erster Soloerfolg, in dem er die Trennung von Genesis aufgearbeitet hat und der nun in einer Version von geradezu fahrlässiger Leichtigkeit das Publikum von den Stühlen reißt.
Freiheits-Hymne „Biko“ für die Generation Facebook
Nur „Sledgehammer“, sein größter Erfolg, fehlt immer noch. Offenbar widersetzt sich diese funkstampfende Tanznummer einfach einer adäquaten orchestralen Umsetzung. Das letzte Stück vor den Zugaben widmet Peter Gabriel all den mutigen arabischen Jugendlichen, die durch die Kraft von Facebook und Internet für einen Wandel in ihren Heimatländern eintreten. Und er singt mit erhobener Faust und dem nötigen Pathos seine kämpferische Freiheits-Hymne „Biko“, die dem südafrikanischen Bürgerrechtler Steve Biko, der zum Symbol der Widerstandsbewegung gegen das Apartheid-Regime wurde, ein Denkmal setzte.
Peter Gabriels New Blood Orchestra, das sich jeweils zur Hälfte aus Musikern aus London und Frankfurt am Main zusammensetzt, ist trotz seiner partiellen Sperrigkeit, die dem Popfan einiges an Konzentration abverlangt, eine der wenigen gelungenen Verbindungen von Rocksongs und klassischem Orchesterklang. Am Ende gibt es zu Recht stehende Ovationen.





