Heimathafen Neukölln

Billy Bragg gibt in Berlin den aufrechten Folksänger

Billy Bragg zeigt im Heimathafen Neukölln, wie man auch ohne die hysterischen Alles-Neu-Strategien des Popgeschäfts das Publikum begeistert.

Foto: pa/Photoshot

Es kam einer kleinen Offenbarung gleich, als Billy Bragg, ein zorniger junger Mittzwanziger mit dem festen Willen, die Welt zu verbessern, zum ersten Mal in Berlin gastierte. So Mitte der 80er-Jahre muss das gewesen sein, im Loft am Nollendorfplatz, wo Punk und Wave und Rock-Avantgarde eine Heimstatt hatten.

Da stand dieser Arbeiterjunge aus Nordlondon ganz allein auf der Bühne, eine schreiend laute E-Gitarre geschultert, und stieß wütende Attacken gegen gesellschaftliche Ungerechtigkeiten aus, sang aber auch einige wunderbare Liebeslieder. Berlin hatte den gern als „One-Man-Clash“ apostrophierten Rocksänger, der eigentlich ein Folksänger war, sofort ins Herz geschlossen.

Nun steht ein gereifter Billy Bragg am Donnerstagabend auf der Bühne des bis auf den letzten Platz ausverkauften Heimathafen Neukölln, und noch immer schafft er es, nur mit der E-Gitarre sein Publikum zu erreichen. Er hat diese Wut im Bauch gegen Korruption und Unterdrückung, gegen wirtschaftliche Überheblichkeit und politischen Zynismus. Und die muss raus.

Er ist ein Kämpfer für mehr Menschlichkeit im Leben, ein Folksänger im besten Sinne, so wie es Woody Guthrie für Amerika war, dessen nachgelassene Texte er vor einem Jahrzehnt mit der US-Band Wilco vertont hatte.

Billy Bragg eröffnet den Abend mit dem einen von zwei Liedern, die nicht von ihm stammen, der so kämpferischen wie poetischen Ballade „The World Turned Upside Down“ des britischen Folksängers und Kinderbuchautors Leon Rosselson über das Recht des Arbeiters auf gerechte Behandlung und menschenwürdiges Leben.

Darum geht es auch in vielen Bragg-Songs. Es sind keineswegs dumpfe politische Kampflieder, sie sind ein Appell an den gesunden Menschenverstand. Bragg beschreibt in seinen Songs, was um ihn herum vorgeht, was ihn stört in der Welt. Einst waren es Thatcher, Reagan und Apartheid. Heute sind es das marode Bildungssystem, Bankenkrise oder Neonazis.

Im rotkarierten Arbeiterhemd schlägt der 54-Jährige breitbeinig in die Saiten. „To Have and To Have Not“ ist gleich ein Stück vom 1983er Debüt-Album „Life’s A Riot Spy vs. Spy“, das damals als Vinyl-LP mit ungewöhnlichen 45 Umdrehungen pro Minute erschienen war, mit nur sieben Songs und gerade mal 16 Minuten Spieldauer. Aber die Songs hatten es in sich. Auch sein größter Hit „New England“, der später auch zum Erfolg für Sängerin Kirsty MacColl wurde, war bereits darauf.

Nun darf man sich einen Abend mit Billy Bragg freilich nicht als sozialistische Manifestation vorstellen. Er kommt immer wieder ins Plaudern, bringt dabei fast Comedian-Qualitäten zum Vorschein, wenn er davon erzählt, wie er sich einen deutschen Feiertag wie „Himmelfahrt“ erklären ließ. Das sei ein Tag, an dem alle Männer aus dem Haus gehen und sich ordentlich betrinken, bekam er da zu hören. „So einen Tag haben wir in England auch“, sagt er. „Der heißt bei uns Sonnabend.“

Er schlägt brachial in die Saiten, schert sich auch bis heute nicht um einen betont sauberen Klang, nutzt das Instrument als kraftvolle Rhythmusmaschine für seine Ein-Mann-Band. Obwohl er zwischendurch auch Konzerte mit seiner Band The Blokes gegeben hat; auch in Berlin. Nur einmal holt er sich eine akustische Gitarre, für seinen 61-er-Hit „Sexuality“. Seinem Groll gegen die Rechten macht er mit einem Woody-Guthrie-Klassiker Luft: „All You Fascist Bound To Lose“.

Aber auch neuere Songs sind im Repertoire, wie „Last Flight To Abu Dhabi“, in dem er das Gebaren von Bankern aufs Korn nimmt. Den hat er kürzlich auch auf offener Straße bei einer Occupy-Aktion in London gesungen. Und dann kommt er wieder ins Erzählen. Von seinem Sohn Jack, der sehr zum Leidwesen seiner Frau zu Hause lautstark E-Gitarre übt. „Jack ist Ramones-Fan“, sagt er. „Und egal, was für schöne Lieder ich ihm auch beibringe, ob ,Father and Son‘ von Cat Stevens oder ,Sounds of Silence‘ von Simon Garfunkel – bei ihm klingt alles wie die Ramones.“

Das Publikum hat ihn über die 30 Jahre seiner Karriere begleitet, ist mit ihm älter geworden, singt nun ganze Strophen immer wieder mit. Und beim Finale singt der ganze Saal „I don’t want to change the world, I’m not looking for a New England, I’m just looking for another girl”. Es ist immer noch sein größter Hit. Der Applaus ist noch nicht verebbt, da steht Billy Bragg schon im Foyer, signiert seine CDs und sucht das Gespräch mit den Fans. Billy Bragg ist ein sympathischer Entertainer, der seinen Weg auch ohne die hysterischen Alles-Neu-Strategien des Popgeschäfts zu gehen weiß. Konsequent, aufrecht und gut.