Astra Kulturhaus

Nina Hagen auf christlichen Pfaden in Berlin

| Lesedauer: 5 Minuten
Peter E. Müller

Foto: Klaus Maybel Ascheneller

In Berlin zeigt die Popmissionarin, was unter all ihren Schrullen zuweilen in Vergessenheit gerät – dass sie eine großartige Sängerin ist.

„Nina, wir lieben Dich“, ruft eine Stimme euphorisiert Richtung Bühne. Und er hat ja Recht, der Mann. Man muss sie einfach mögen, diese so sprunghafte, widerspenstige, unberechenbare und überkandidelte Nina Hagen, die mit unschuldiger Vehemenz und kräftiger, grollender, bluesgeschwängerter Stimme für das Gute in der Welt einsteht und allem Bösen aus vollem Herzen den Kampf ansagt. Sie hat nach Jahrzehnte langer Suche zu Gott gefunden. Man kann es ihr glauben. Sie erläutert ihre Hinwendung zu Jesus Christus bei diesem gut zweistündigen Konzert durch jede Menge Liedgut, das stilistisch von frühem Gospel über Folk, Rockabilly, Ska und Soul bis zu beinhartem Rock reicht.

Mit Bahnwärterkelle in der Hand und einer Trillerpfeife an den Lippen empfängt die aufmüpfige Christin ihr Publikum am Dienstagabend im gut gefüllten Astra Kulturhaus, nimmt es mit auf einen Trip mit dem Gospel Train, der an vielen Stationen Halt machen wird. Ganz in Schwarz, mit einem pinkfarbenen Etwas auf dem Schopf, eröffnet sie den Abend mit „This Train“, einem frühen Gospel von Sister Rosetta Tharpe, der Woody Guthrie zu „This Train is Bound For Glory“ inspiriert hatte. Sie macht sich ihren eigenen, deutschen Reim darauf: „Dieser Zug fährt Richtung Freiheit, dieser Zug ist für das ganze Volk“, singt sie. Und: „Dieser Zug nimmt bestimmt keine Volksverräter mit.“

Sie redete sich um Kopf und Kragen

Sie konnte einem im Laufe der vergangenen 40 Jahre freilich auch gewaltig auf die Nerven gehen. Nach einem grandiosen Start 1978 mit der Nina Hagen Band und dem baldigen Ende im Streit zog es das Mädchen aus Ost-Berlin, das nach der Zwangsausbürgerung ihres Stiefvaters, des Sängers und Lyrikers Wolf Biermann in den Westen übersiedelte, hinaus in die weite Welt. Es waren vor allem ihre Eskapaden und Skandälchen, mit denen sie von sich reden machte. Sie vertrat irrwitzige Ufo-Theorien, wurde durch zahlreiche Ehen und schrille Auftritte in Talkshows auffällig, erforschte mitteilsam Spiritualität und Religionen. Sie redete sich mitunter um Kopf und Kragen. Fast konnte man darüber vergessen, was für eine großartige Sängerin sie doch ist. Noch immer.

Gerade hat die 57-Jährige ein neues Album veröffentlicht, das sie nun auf einer Tournee vorstellt. „Volksbeat“ heißt es, ist wieder verstärkt rockbetont und so abwechslungsreich wie ein Kessel Buntwäsche. Vieles davon taucht im mit nahezu drei Dutzend Liedern vollgepackten Live-Programm auf. Sie hat aus Bertolt Brechts Gedicht „Die Bitten der Kinder“ eine furiose Rocknummer gemacht. Sie singt Wolf Biermanns „Ermutigung“, macht aus Bob Dylans „One More Cup Of Coffee“ die deutsche Version „Noch ein Tässchen Kaffee auf den Weg“.

Vier Musiker, angeführt von Gitarrist Warner Poland, stärken ihr routiniert den Rücken. Sie haben es nicht immer einfach. Aber sie scheinen die Marotten ihrer Chefin zu kennen. Und folgen ihr auf bewundernswerte Weise. Denn Nina Hagen ändert immer mal wieder den Ablauf, spielt manche Stücke nur an, verplaudert sich mit dem Publikum, verteidigt Günter Grass, sagt Dinge wie „Fürchtet Euch nicht, wir leben in einer gefallenen Welt“ und brandmarkt die „Netzwerke des Bösen“, die Spekulanten und Unterdrücker, Rassisten und Kriegsverbrecher, Faschisten und Volksverhetzer. Eine Protestsängerin auf christlichen Pfaden, die immer noch das Talent hat, sich um Kopf und Kragen zu reden.

Allen Schrullen zum Trotz

Musikalisch sitzt man am Lagerfeuer im Friedenscamp. „Gott ist cool, die Nachricht wird nur von denen nicht verstanden, die verloren sind“ lehrt uns die Popmissionarin. Und: „Alle wollen in den Himmel, aber Bock auf Tod hat keiner“. Sie singt aber glücklicherweise mehr, als dass sie mit der Bibel in der Hand missioniert. Und widmet sich Liedern wie Norman Greenbaums „Spirit in the Sky“, Goethes „Das Veilchen“, Biermanns „Soldat, Soldat“, dem Klassiker „Amazing Grace“ oder „Personal Jesus“ von Depeche Mode. Aus den ganz frühen Jahren gibt es lediglich „Pank“ vom Nina Hagen Band-Album und die rotzig treibende, Sex-Pistols-inspirierte deutsche Fassung von Frank Sinatras „My Way“. Und als wär’s tatsächlich ein Gospelkonzert, steht am Ende die New-Orleans-Jazz-Hymne „When The Saints Go Marching In“.

Nina Hagen war noch nie jemand, der sich den Mund verbieten ließe. Und macht das, wovon sie sich sicher ist, dass sie es einfach tun muss. Auch wenn es der Juryposten in einer Fernseh-Castingshow ist oder ein Job als TV-Werbefigur („alles so schön bunt hier“). Aber es ist die Konzertbühne, auf der sie zu Hochform aufläuft und allen Unsinn links und rechts des Weges vergessen macht. Langeweile jedenfalls kommt bei einer so anarchischen, wuseligen, musikverliebten Entertainerin nicht auf. Ja, man muss sie einfach gern haben. Allen Schrullen zum Trotz. Man kann den Applaus, der ihr in Berlin entgegen brandet, durchaus als frenetisch bezeichnen.