Kartenverkauf

Welche Berliner Bühnen besonders gefragt sind

Applaus für Berlins Theater: Die Sprechbühnen konnten im Jahr 2011 über 50.000 Tickets mehr verkaufen. Das HAU legte um rekordverdächtige 50 Prozent zu. An Attraktivität büßten dagegen Komische Oper, Staatsoper und Staatsballett ein.

Foto: dpa / dpa/DPA

Mit radikalen Kürzungsszenarien haben vier Buchautoren um den Soziologen und Kulturwissenschaftler Dieter Haselbach den Kulturbetrieb gegen sich aufgebracht. In ihrem Gemeinschaftswerk „Der Kulturinfarkt“, das in der kommenden Woche erscheint, schlagen sie vor, die Hälfte aller Theater, Museen, Bibliotheken und Orchester in Deutschland zu schließen. Schließlich sei das kulturelle Angebot gewachsen, die Zahl der Konsumenten dagegen nicht.

Politische Bühnen haben Zulauf

Zumindest auf Berlin bezogen lässt sich diese Behauptung nicht halten. Die Zahl der Konsumenten mag konstant sein, die Nachfrage nach Karten aber steigt – keineswegs nur bei der erfolgreichen Richter-Ausstellung in der Nationalgalerie, sondern auch im normalen Repertoirebetrieb. So konnten die Bühnen im vergangenen Jahr erneut ein Besucherplus verzeichnen – und die Zuschauerzahl lag bereits 2010 auf hohem Niveau. Insgesamt besuchten mehr als 2,7 Millionen Menschen die rund 8500 Vorstellungen in den staatlich geförderten Theatern, Opernhäusern und Konzertsälen.

In dem Morgenpost Online vorliegenden Jahresbericht über die „finanzielle Entwicklung der landeseigenen Theater- und Orchesterbetriebe“ resümiert der Regierende Bürgermeister und Kultursenator Klaus Wowereit (SPD): „Das Jahr 2011 konnte ungeachtet der gesamtwirtschaftlichen Rahmenbedingungen als ein erfolgreiches Bühnenjahr abschließen.“

Das gilt allerdings nicht für alle Häuser. Während die großen Sprechbühnen rund 50.000 Tickets mehr absetzen konnten, schwächeln zwei der drei Berliner Musiktheater: Lediglich die Deutsche Oper konnte zulegen und verbuchte ein Plus von fast 11.000 Besuchern (insgesamt: 252.000). Die Staatsoper hingegen verlor in ihrem offenbar beim Publikum nicht sehr beliebten Ausweichquartier Schiller-Theater rund 7000 Zuschauer (2010 spielten sie im ersten Halbjahr noch im alten Domizil Unter den Linden), auch die Auslastung sank im vergleichsweise kleinen Schiller-Theater von 85,3 auf 75,8 Prozent.

Bei der Berechnung berücksichtigt die Senatskulturverwaltung allerdings nur die verkauften Karten, die echte Auslastung liegt also generell etwas höher. An Attraktivität büßten auch die Komische Oper und das Staatsballett ein. Dort sind die Verluste am deutlichsten: Besuchten 2010 noch knapp 120.000 Menschen die Vorstellungen der Truppe von Vladimir Malakhov, waren es im vergangenen Jahr fast 11.000 weniger. Weil aber gleichzeitig die Zahl der Vorstellungen in Berlin reduziert wurde, stieg die ohnehin schon gute Auslastung von 76,3 auf 77,6 Prozent – trotz Auftritten im Schiller-Theater.

Ein Wert, von dem die Komische Oper nur träumen kann. Intendant Andreas Homoki (der im Sommer nach Zürich wechselt) blieb seinen miserablen Auslastungszahlen treu. Sein Haus hat mit 157.321 Besuchern rund 5500 Zuschauer weniger als 2010 gehabt, die Auslastung sank von 61,1 auf 58,9 Prozent. Für ein Opernhaus, bei der jede Karte durchschnittlich mit rund 200 Euro vom Land bezuschusst wird, eigentlich ein indiskutabler Wert. Kulturpolitiker regen sich aber kaum noch darüber auf, es regiert das Prinzip Hoffnung: Die ruht auf dem Nachfolger Barrie Kosky, der kürzlich seine Eröffnungsspielzeit vorgestellt hat. Zwölf Premieren sind geplant. „Ein tolles Programm“, schwärmte Peter F. Raddatz, der Generaldirektor der Opernstiftung, Anfang der Woche bei einer Anhörung vor dem Kulturausschuss. Er geht davon aus, dass bei diesen Plänen die Kartennachfrage deutlich steigen wird. Hoffentlich behält er recht.

Den stärksten Zuwachs, aber auch den größten Einbruch verzeichnete das Schauspiel. Die beiden Kudamm-Bühnen , die als Privattheater allerdings nicht in der Senatsstatistik auftauchen, setzten im vergangenen Jahr 27.500 Tickets weniger ab, sind aber mit über 200.000 Besuchern nach wie vor die meistbesuchten Sprechtheater Berlins. Direktor Martin Woelffer erklärt den Rückgang mit der Verunsicherung des Publikums angesichts der „ständigen Diskussionen über den Fortbestand der Bühnen“. Während es am Kudamm kriselt, boomt es in Kreuzburg: Das von Matthias Lilienthal geleitete Hebbel am Ufer (HAU) legte um rekordverdächtige 50 Prozent zu: Knapp 91.000 Menschen interessierten sich im vergangenen Jahr für die Angebote des HAU. Auch bei der Auslastung legte das Theater deutlich von 63,1 auf 73,5 Prozent zu. Der Mann des Erfolgs gab sich vor dem Kulturausschuss bescheiden. Lilienthal, der das HAU im Sommer nach neun Jahren auf eigenen Wunsch verlässt, verwies auf die Bespielung oft unkonventioneller, „neuer Orte im Stadtraum“ wie den Lunapark.

Deutlich attraktiver ist die Volksbühne geworden: Das von Frank Castorf geleitete Haus konnte rund 15.000 Tickets mehr absetzen. 135.000 besuchten im vergangenen Jahr Vorstellungen am Rosa-Luxemburg-Platz, die Auslastung stieg von 62,6 auf 64,3 Prozent. Auch das Maxim Gorki kann sich über ein dickes Zuschauerplus freuen: Die von Armin Petras geleitete Bühne verzeichnete 92.000 Besucher, 10.000 mehr als 2010. Die Auslastung des kleinsten Staatstheaters stieg von 74,7 auf 75,9 Prozent. Eine Erfolgsgeschichte.

Neben den Sprechtheatern sorgten insbesondere die Konzerthäuser für Zuwächse. Die Philharmonie steigerte die Zahl der Zuschauer um über 18.000 auf 283.000, die Auslastung ging auf sehr hohem Niveau von 90 auf 88,5 Prozent leicht zurück. Das Konzerthaus am Gendarmenmarkt verzeichnet ein Plus von 3000 Gästen, insgesamt kamen knapp 139.000 zu den Konzerten. Auch die ROC, die Holding für zwei Rundfunkorchester und -Chöre, freute sich über einen Zuwachs von 3000, kam auf 132.000 Besucher und eine Auslastung von 75,4 Prozent.

Traditionell den ersten Platz in der Statistik belegt der Friedrichstadtpalast. Dort ging zwar die Zahl der Zuschauer minimal auf 452.000 zurück, aber weil mit 282 Vorstellungen acht weniger gespielt wurden, stieg die Auslastung von 81,7 auf beachtliche 83,7 Prozent. Allerdings dämpft Intendant Berndt Schmidt allzu hohe Erwartungen für dieses Jahr. Weil die Show „Yma“ bereits „im zweiten Jahr läuft und am 18. Oktober die neue Produktion herauskommt“. Zur Vorbereitung legt der Palast eine zweimonatige Pause ein. Das wird die Bilanz 2012 eintrüben.