Konjunktur

Berliner Bühnen verkaufen in Krise mehr Karten

Für den Fall, dass die Berliner sich von der Wirtschaftskrise betroffen fühlen - auf Kultur wollen sie offenbar nicht verzichten. Diesen Schluss legt jedenfalls der Jahresbericht der Senatskulturverwaltung nahe, der Morgenpost Online exklusiv vorliegt.

Die Berliner Bühnen sind gut durch die Krise gekommen: Anders als befürchtet, rutschten die Zuschauerzahlen im vergangenen Jahr keineswegs in den Keller, sondern stiegen an. Denn während einige Häuser wie die Deutsche Oper im Vergleich zu 2008 weniger Tickets verkauften, legten andere wie die Berliner Philharmoniker, das Staatsballett und der Friedrichstadtpalast in der Zuschauergunst deutlich zu.

Dies geht aus dem von der Senatskulturverwaltung erarbeiteten Jahresbericht über die "finanzielle Entwicklung der landeseigenen Theater- und Orchesterbetriebe" hervor. Das Papier liegt der Morgenpost Online exklusiv vor.

Kurzarbeit war also kein Thema bei den Kulturinstituten. Aber einige fuhren die Produktivität etwas herunter, möglicherweise wollte man mit der Angebotsverknappung auf die prognostizierte Krise vorbereitet sein. So bot beispielsweise die Stiftung Oper in Berlin im vergangenen Jahr mit 888 Veranstaltungen auf den Hauptbühnen 20 weniger an als 2008.

Erfolgreiches Staatsballett

Interessanter sind natürlich die Zahlen der einzelnen Einrichtungen. Traditionell hat die Staatsoper die Nase vorn. Sie setzte mit fast 234.000 Karten (in die Berliner Statistik fließen nur die verkauften Tickets ein, die wirklichen Besucherzahlen liegen also noch etwas höher) zwar knapp 2000 Karten weniger ab. Die Auslastung stieg trotzdem auf 83,4 Prozent, weil das Angebot etwas reduziert wurde. Auch beim durchschnittlichen Erlös pro Karte (44 Euro) können die Kollegen nur neidisch herüberschauen. So kommt die Komische Oper nur auf 21,50 Euro. Immerhin verzeichnete das Haus an der Behrenstraße mit knapp 173.000 zahlenden Besuchern ein kleines Plus, 2008 waren es 600 weniger. Allerdings sank gleichzeitig die Auslastung der Komischen Oper um zwei Prozentpunkte auf 60,2 Prozent.

Mit 224.000 Tickets verkaufte die Deutsche Oper rund 22.000 weniger als 2008. Weil aber gleichzeitig deutlich weniger gespielt wurde, stieg die Auslastung von 64,5 auf 67,4 Prozent. Der Sieger innerhalb der Opernstiftung heißt eindeutig Staatsballett. Die Truppe von Vladimir Malakhov trat ebenfalls seltener auf, konnte aber trotzdem mit 112.000 rund 17.000 Karten mehr absetzen als 2008. Die Auslastung stieg deutlich von 62,1 auf 77,4 Prozent. Und der durchschnittliche Kartenerlös liegt mit 34,60 Euro sogar knapp über dem der Deutschen Oper.

Bei den Orchestern sind die Berliner Philharmoniker klar die Nummer 1: Fast 240.000 verkaufte Karten im vergangenen Jahr, 6000 mehr als 2008. Die Auslastung liegt bei 88,4 Prozent. Zum Vergleich: Die Rundfunk-Orchester und -Chöre GmbH (ROC) kommt auf 125 000 zahlende Besucher (Auslastung: 70,5 Prozent), das Konzerthaus Berlin auf 122.000 und eine Auslastung von 68,8 Prozent. Und auch bei den Kartenerlösen ergibt sich diese Reihenfolge: Die Philharmoniker kommen auf 40 Euro, die ROC auf 21 Euro, das Konzerthaus auf 20,60 Euro.

Sorgenkind Renaissance-Theater

Bei den Staatstheatern konnte Claus Peymanns Berliner Ensemble (BE) seine führende Position verteidigen: 174.000 abgesetzte Tickets sorgen für eine Auslastung von 80 Prozent, der durchschnittliche Kartenerlös beträgt 15,50 Euro. Auf diesen Wert legt Peymann bei seinen Pressekonferenzen viel wert, deshalb dürfte er es als Ansporn nehmen, dass das Deutsche Theater in puncto Kartenerlös mit 17,50 Euro am BE vorbeigezogen ist. Dafür liegt das Deutsche Theater mit 162.000 verkauften Karten (Auslastung: 79,1 Prozent) knapp hinter dem BE, allerdings konnte das DT die große Bühne wegen der sich verzögernden Asbestsanierung wochenlang nicht bespielen.

Der Abstand zwischen den Platzhirschen und den restlichen drei Staatstheatern ist enorm: Die Schaubühne kommt in Berlin auf 81.000 Besucher (Auslastung: 73,7 Prozent), der Kartenerlös liegt bei 15 Euro. Die Volksbühne, die wegen Sanierungsarbeiten ein halbes Jahr lang geschlossen war und unter anderem in den kleinen Prater auswich, verzeichnete 86.000 zahlende Zuschauer (Auslastung: 68,3 Prozent, Kartenerlös: 9,80 Euro). Das Maxim Gorki Theater spielte weniger, kam auf 77.000 Zuschauer (4000 weniger), steigerte aber die Auslastung geringfügig auf 74,9 Prozent. Pro Karte nahm das Haus im Schnitt 11,70 Euro ein.

Ein Sorgenkind bleibt das Renaissance-Theater: Die Senatskulturverwaltung mahnt einen "attraktiveren Spielplan" an, denn die Bühne verliert massiv Zuschauer, verkaufte im vergangenen Jahr mit 59.000 Tickets rund 11.000 weniger. Die Auslastung sank auf 54,6 Prozent. Zum Vergleich: Die durch die Neubaupläne fürs Kudamm-Karree gefährdeten, privat betriebenen Theater und Komödie am Kurfürstendamm, programmatisch ähnlich aufgestellt, hatten 2009 rund 230.000 Besucher.

Größter Gewinner aber war der Friedrichstadtpalast. Das Revuetheater konnte 431.000 Karten verkaufen, rund 70.000 mehr als 2008. Die Auslastung stieg von 64,6 auf 75,2 Prozent, der Kartenerlös von 34 auf über 40 Euro. Die Krise ist anderswo.