Besucherrückgang

Die kleinen Museen sterben leise

Zunehmend wenig Menschen gehen in Berlin ins Museum. Auch deutschlandweit haben Ausstellungshäuser mit sinkenden Besucherzahlen und finanziellen Engpässen zu kämpfen. In der Hauptstadt leidet besonders die wissenschaftliche Arbeit an den Museen.

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Im Jahr 2008 sind in Berlin 13.395.634 Menschen ins Museum gegangen – eine stolze Zahl, aber bereits ein deutlicher Rückgang um 4,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahr (13.981.333). Bundesweit gingen die Besucherzahlen um 2,3 Prozent auf rund 105 Millionen zurück. Immerhin entfielen damit 2008 noch rund 13 Prozent aller Museumsbesuche bundesweit alleine auf die Hauptstadt, wie die Museumsstatistik des Institut für Museumsforschung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz zeigt.

Nein, so richtig hat die Krise die Museen noch nicht erreicht, denn bisher wurde noch kein Haus geschlossen. Bisher kann der Deutsche Museumsbund guten Gewissens sagen: In Deutschland gibt es 6500 Museen. Allein in Thüringen sind es 200, darunter 22 Kunstmuseen, neun Literatur-, Theater- und Musikmuseen, 29 technische und etwa 80 Kulturgeschichtliche Museen. Doch das ist steigerungsfähig: In Westfalen sind es 210 Museen und 450 Heimatstuben. Wer nun sagt, es gebe zu viele Museen, macht sich nicht nur der Ketzerei schuldig. Er rührt am deutschen Stolz. Denn wenn sich Stadt und Land so viele Museen leisten können, müssen sie reich sein. Und reich sieht sich Deutschland gern.

Doch die Realität sieht anders aus: In Dessau überlegt man, das Museum für Naturkunde ebenso wie das Theater zu schließen. Das Werkzeugmuseum in Remscheid steht auf einer Streichliste. Für das Kunstmuseum Mülheim muss in den nächsten Jahren ein neuer Träger gesucht werden. Die Stadt will das Geld für das Museum sparen.

Stiftungen helfen Museen

Mülheims Kulturdezernent Peter Vermeulen hofft deshalb auf einen „Prinzen“ oder eine Stiftung. Er meint das mit dem reichen Privatmann, der das städtische Museum finanzieren will, ernst. „Es gibt viele reiche Menschen.“ Bisher existiert ein solches Modell allerdings nicht. Schon dass die Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung den kompletten Erweiterungsbau des Essener Museum Folkwang bezahlt hat, war außergewöhnlich.

Auf eine Stiftung zu hoffen ist nicht ganz unrealistisch, schließlich wurden im vergangenen Jahr 914 neue Stiftungen gegründet – einige haben auch die Kulturförderung zum Ziel. Doch geht es dabei immer um eine anteilige Finanzierung. Mülheim will eine Komplettübernahme. Allerdings ist weder in Mülheim noch in Dessau und Remscheid etwas entschieden. Die Museen stehen bisher „nur“ auf Verwaltungsstreichlisten. Jetzt müssen die Politiker entscheiden, ob sie sich die Kultur noch leisten wollen.

Dass es in Hamburg Überlegungen gab, Werke aus dem Depot der renommierten Hamburger Kunsthalle zu verkaufen, schlug hohe Wellen, dass die Kunsthalle Erfurt aus Geldmangel eine Ausstellung zum 100. Geburtstag von Lux Feininger absagen muss und für dieses Jahr noch immer keine Planungssicherheit für ihre Ausstellungen hat, bleibt dagegen meist nur ein lokales Thema. „Die Kleinen sterben leise“, sagt Martin Roth, Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden.

Aber auch die großen Museen spüren die Krise. Das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg hatte 2008 drei Prozent weniger Besucher als im Vorjahr, 2009 waren es noch einmal zehn Prozent weniger. Auch die Staatlichen Museen zu Berlin verkauften im vergangenen Jahr 600.000 Karten weniger. Insgesamt kamen vier Millionen. Zum Vergleich: Der Louvre in Paris hatte 2009 rund 8,5 Millionen Besucher. Allerdings befindet sich der Berliner Museumsverbund in komfortabler Situation. Der Bund und das Land Berlin haben beschlossen, dass der Etat um fünf Millionen ?Euro erhöht wird.

Etat für Berliner Museen stagniert

Davon träumt Franziska Nentwig, Direktorin der Stiftung Stadtmuseum Berlin, nur. Zwar konnte sie am vergangenen Wochenende die sanierte Nikolaikirche samt großer Ausstellung wiedereröffnen. Doch während bei der Museumsarbeit immer mehr die Wechselausstellungen in den Vordergrund rücken, ist eben dieser Etat seit Jahren nicht gestiegen. Das ist schlecht für ein Museum, das neben den großen Kunstmuseen der Hauptstadt bestehen will. Ähnlich ist es auch in der Berlinischen Galerie: Ausstellungen und Ankäufe sind nur mit so genannten Drittmitteln möglich. Aber auch hier sind es noch immer Wissenschaftler, die die Museums- und Forschungsarbeit machen.

In den Museen der Berliner Stadtbezirke könnte sich das bald ändern. Nachdem die Zahl der Stadtteilmuseen nach den Bezirksfusionen gesunken ist, soll sich nun auch die wissenschaftliche Arbeit verschlechtern. Nach Angaben des Landesmuseumsverbandes sollen die Leiter weniger Geld bekommen. Das würde bedeuten, dass demnächst schon ein Bachelor-Abschluss reicht, um Museumsdirektor zu werden.

Die aktuellen Probleme reihen sich für viele Museumsmitarbeiter allerdings nur in eine lange Reihe von Kürzungen und Personalabbau der vergangenen Jahre. Meist sieht der Besucher davon noch nichts, denn nicht überall treten die Probleme so deutlich hervor wie im sächsischen Schloss Moritzburg, wo manchmal die Mitarbeiter der Sicherheitsfirma auch gleich noch die Führungen durchs Schloss übernehmen.

Eintrittsgelder zählen relativ wenig

Politiker messen die Bedeutung eines Museums gern an den Besucherzahlen. Und in der Tat geben sie ein gutes Bild von der Relevanz und Attraktivität eines Museums und seiner Ausstellungen. So hatte das Städel Museum in Frankfurt/Main in seiner großen, gerade zu Ende gegangenen Botticelli-Schau so viele Besucher wie noch nie in seiner 200-jährigen Geschichte. Botticelli zog 367.000 Besucher in dreieinhalb Monaten an. Trotzdem macht das Eintrittsgeld im Gesamtbudget des Museums nur neun Prozent aus.

Die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten hatte dagegen im vergangenen Jahr deutlich weniger Besucher. Das wird sich 2010 sicher ändern, denn gleich drei Ausstellungen beschäftigen sich mit der populären Königin Luise. Trotzdem ist die Beurteilung von Museen nach Besucherzahlen nicht unproblematisch. „Wenn für Museumserfolg allein die Besucherzahlen wichtig sind, wird man eher einen Museumspädagogen einstellen als einen Wissenschaftler“, sagt Ernst Görgner vom Museumsbund Sachsen-Anhalt.

Während die einen um ihre Museen fürchten, feiern die anderen munter weiter Neueröffnungen. So freute sich Neuss, dass es Anfang Februar ein neues Grafikmuseum eröffnen konnte. Das Land Niedersachsen kündigte dieser Tage an, es werde im wiedererrichteten Schloss Herrenhausen in Hannover ein neues Museum einrichten.