Neu auf CD

The Roots besingen ein totes Straßenkind

"Undun" heißt das neue Album der Hip-Hop-Band The Roots. Darauf geht es um Drogenhandel. Außerdem: Neues von Mark Reeder und Birdy Nam Nam.

Die Roots stellen die alte Frage: Wer ist am Verbrechen schuld – der Mensch, der zum Verbrecher wird, oder die Umstände, die ihn zum schlechten Menschen machen? Auch die Roots sind sich da nicht so sicher. "Undun", ein Konzeptalbum, handelt vom Schicksal eines Straßenkinds, das Redford Stephens heißt und 1999 starb, mit 25 Jahren.

"Er kam nicht als Krimineller auf die Welt“, sagt Questlove Thompson, der als Schlagzeuger das Kollektiv aus Philadelphia leitet: "Er ist weder Held noch Opfer, ein normaler Junge, der sein Leben so führt wie es ihm das Leben abverlangt. Ein guter Junge eigentlich, der auch aufs College hätte gehen und Ingenieur werden können, wenn er keine verhängnisvolle Entscheidung getroffen und dafür bezahlt hätte.“

Sie führen HipHop auf die Sechziger zurück

Es geht um Drogenhandel und –konsum und um den frühen Tod. Die Roots sind keine Ideologen. Sie beklagen die Verhältnisse der Schwarzen und der Armen, ohne sie moralisch zu entlasten. Sie sind immer noch vor allem eine Band, die HipHop auf die späten Sechziger und frühen Siebziger zurückführt, als die schwarze Popmusik noch nicht so eng war wie im Rap mit seinem Reimzwang und den Plattenspielern.

"Undun“ ist entlehnt von The Guess Who, einer kanadischen Rockband. Und den Namen Redford für den Helden ihres Albums haben sie von Sufjan Stevens, dem bizarren Folkloristen, der seinen Song "Redford“ selber singt als weißer Gast der Roots. Die Rassenfrage hätten sie damit geklärt.

3 Punkte.

Mark Reeder: Five Point One

Es geht auf "Five Point One“ um Remixes, die von Mark Reeder während der vergangenen 30 Jahre angefertigt worden sind, für Depeche Mode oder die Pet Shop Boys. Die Toten Hosen gibt es hier im Kurze- oder Lange-Hosen-Mix. Vor allem aber dreht sich dieses Album um Mark Reeder selbst.

Vor 53 Jahren kam er auf die Welt, in Manchester, er prägte dort den Punk als Musiker und Plattenhändler. 1978 schickte ihn die Firma Factory nach West-Berlin. Er litt an einem Deutschlandfimmel, den er auf das Kriegtrauma der Eltern und den Krautrock rheinischer Elektromusiker zurückführte.

Und auf Berlin als einzigartiges Idyll, das er durchaus auf beiden Seiten sah: Mark Reeder produzierte Bands im Westen - und er war im Osten als "Der Engländer“ bekannt, er lief in NVA- und Sowjetuniformen durch die Straßen und verschaffte seinen Westbands Auftritte in Kirchen.

Auf den Fall der Mauer reagierte er gelassen. Im vereinten Deutschland fand er seinen Platz in der Konkursmasse beim VEB Deutsche Schallplatten. Er gründete das Label "Masterminded Für Success“, kurz MFS, für Kuscheltechno und für Aufsteiger wie Paul van Dyk. Jetzt würdigt Reeder sich verdientermaßen selbst im 5.1-Surround-Sound für den weiten Blick und für ein grenzenloses Gehör.

4 Punkte.

Birdy Nam Nam: Defiant Order

Man sagt, der Lieblingsfilm von Elvis Presley sei "Der Partyschreck“ gewesen. Eine Globalisierungskomödie von 1968: Peter Sellars spielt den indischen Komparsen Hrundi V. Bakshi, der in Hollywood für Chaos sorgt mit seiner Unbeholfenheit, seinem Akzent und dem Papagei "Birdy num num“. Da ahnte Hollywood noch nichts von Bollywood.

Birdy Nam Nam sind vier Franzosen, die den Amerikanern nun auch zeigen, dass es Musiker an Plattenspielern nicht nur in New York und Detroit gibt. Dass auch Pariser mehr können als kulinarische, dekorative aber langweilige Clubmusik. Birdy Nam Nam halten sich nicht mit Soli an den Plattentellern auf, nicht mit Duetten für zwei Turntables.

Vier DJs legen auf. Zugleich. Die Quadratur der Scheibe. Es kracht, es pfeift, es scheppert, es gibt unsinnige Zwischenrufe, und es ist die helle Freude. "Defiant Order“, ihre dritte längere Platte, stellt die elektronische Musik wieder vom Kopf auf die Füße mit abenteuerlichen Titeln wie "The Golden Era Of El Cobra Discotheca“ und "Melancholy At The Sports Bar“.

Zuletzt wurden sie daheim mit dem "Victoire de la Musique“ geehrt, dem Grammy der Franzosen. Während David Guetta leer ausging, der Mann, den alle Welt für Frankreichs größten DJ hält.

4 Punkte.