Unbändiger Auftritt

The Kills feiern den Ursprung aller Lust

Alison Mosshart und Jamie Hince von The Kills legen in Berlin einen dreckigen, lasziven Auftritt hin. Das Duo scheint gar den Verstand zu verlieren.

Gespenster mit Lampen auf den Köpfen huschen hin und her. Die Techniker sind fast unsichtbar bei ihrer Arbeit. Links und rechts justieren sie auf hohen Podesten Trommeln in der Berliner C-Halle. Um kurz nach neun geht das Licht aus, das Kreischen schwillt an und das britisch-amerikanische Duo The Kills tritt ins Licht. Sofort fallen einem die roten Haare Alison Mossharts auf.

Die verdecken das Gesicht wie ein glühender Schleier. Sonst trägt sie nur Schwarz. Wie eine Wildkatze im Käfig läuft sie im Kreis, gefährlich und beeindruckend zugleich. Jamie Hince hängt sich die Gitarre um, drückt ein paar Knöpfe auf dem Drumcomputer, auch er trägt Schwarz.

Hince und Mosshart duellieren sich

Der verzerrte Sound seines Instruments ist härter als alles je Dagewesene. Wenn er die Finger vom Griffbrett nimmt, fiept und kreischt es, als hätte man einen Drachen losgelassen. Um das Monstrum zu zähmen, schlägt er mit der Faust auf den Holzkörper. Ein Jaulen. Dann beginnt der erste Song.

Typisch Kills , das heißt, minimalistischer Beat, eine brachial gespielte Blues-Gitarre und Mossharts Gesang, der einem den Rücken blutig kratzt – und trotzdem will man immer mehr. Die Sängerin geht auf Hince zu, er weicht zurück, geht ebenfalls nach vorn, Mosshart geht nach hinten: ein orgiastischer Revierkampf.

Pause. Stopp. Das Band hört auf. Vier mit roten Tüchern vor den Mündern tauchen auf, ansonsten schwarze Lederjacken, schwarze Hosen. Sie stehen auf einmal auf den Podesten hinter den Trommeln. Symmetrisch synchron fangen sie an zu spielen. Die beiden Inneren überkreuzen die Stöcke vor sich weggestreckt, während die beiden außen Stehenden nach unten dreschen.

Beim Hochziehen der Stöcke geschieht das genau andersrum. Das tiefe Wummern dringt durch den ganzen Körper. Die menschliche Drum-Maschine ist unerbittlich, wer ihr in den Weg kommt, den zermahlt sie. „Future Starts Slow“, der erste Song des letzten Kills-Albums „Blood Pressures“ , klingt unendlich groß.

Als sich beide Anfang der Nuller-Jahre kennenlernten, wohnte Hince in England, Mosshart in Florida. Sie schickten sich erste Song-Entwürfe per E-Mail über den Atlantik. Drei Minuten der immerselbe Stampf-Beat, dazu Hince’ außergewöhnliches Gitarrenspiel. Mit dem Daumen spielt er in Achteln auf der tiefsten Seite eine Art Bass-Begleitung, mit den restlichen Fingern macht er Störgeräusche, zaubert stark verzerrte Blues-Melodien hervor.

Mosshart singt dazu mit rasierklingenscharfer Stimme. Es erinnert an die frühen Velvet Underground, nur noch dreckiger, noch lasziver. Zwischen den beiden Musikern knistert es gewaltig. Wenn Hince’ kehlig kratzende Stimme mit Mossharts zusammentrifft, meint man den Ursprung aller Lust zu hören.

Hince hält sein Instrument wie ein Gewehr

Mosshart scheint dabei zu sein, ihren Verstand zu verlieren. Das schiefste Solo der Welt lässt den ganzen Song einstürzen, die Sängerin rauft sich die Haare, taumelt von links nach rechts. Hince stimmt beim Spielen die Gitarre nach, selbst das wirkt virtuos, genauso wie das eigentlich verhunzte Solo. Zwischendurch hält er das Instrument wie ein Gewehr. Macht X-Beine wie Buddy Holly.

Am Ende muss sich die Furie setzen, einen Schluck Wasser trinken. Sie ist völlig außer Atem.An diesem Abend spielen die beiden hauptsächlich die deutlich melancholischeren Stücke von „Blood Pressures“: Todessehnsüchtige, romantisch ausgemergelte Stücke. Entsetzlich und schön, wie die tiefen Augenringe einer kokainabhängigen Balletttänzerin.

Das Publikum verlangt nach einer Zugabe

„Quit being a nail in my coffing/ And I don’t need another one“, singt Mosshart wie in Zeitlupe. Vom mittleren Podest schwingen die dunklen „Ohs“ zweier Damen wie Indianer-Gesang vom Marterpfahl. Ganz am Ende, „Black Balloon“, ihr Riesen-Hit ist auch schon durch, heißt es nur noch „These are the things you’ll never forget“.

Mosshart wiederholt das bis in den Fade-Out. Mehr als ein leises „Dankeschön“ hat man von ihnen den ganzen Abend nicht gehört. Nach eineinhalb Stunden treten sie ab. Wie schön wäre es, einmal keine Zugabe zu hören. Das Konzert als solches in einer heiligen Ganzheit stehen zu lassen. Das Schreien und Pfeifen wird unerträglich. Zwei, drei Minuten vergehen. Das Publikum ist gierig.

Mit einer Zigarette in der linken Hand spielt Hince, nun am Klavier, „Last Goodbye“, das traurigste aller Kills-Stücke. Das ginge ja noch, danach aufhören mit einem schönen Gefühl. Sie spielen noch eine halbe Stunde. Das vorletzte Stück heißt „Fuck The People“ und ist furchtbar laut.