Neu auf CD

Nicholas Payton trompetet eine R&B-Oper

Der Trompeter Nicholas Payton bringt ein modernes Pop-Album auf den Markt und verabschiedet sich vom anständigen Jazz. Außerdem: Neues von Sigur Rós.

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Im Jazz gilt Nicholas Payton als beachtliches Talent, aus dem noch etwas werden könnte mit den Jahren. Er ist 38. Der Marsalis-Dynastie ist Payton als Trompeter freundschaftlich verbunden. New Orleans ist seine Heimat und die Jazzgeschichte sein Zuhause. Bei den Blue Note 7 hat er schon geblasen, einem Traditionsseptett, und im Film „Kansas City“, der während der 1930er Jahre spielt.

Jetzt sorgt die Nachwuchshoffnung der Konservativen für Entsetzen: „Bitches“ ist ein unverschämtes Popalbum. Bereits im Titel klingt Miles Davis’ ketzerische Platte „Bitches Brew“ von 1970 an. Auch Payton spielt mit Synthesizern und Elektrobässen, eigenhändig allerdings, er programmiert die Breakbeats für die Beatmaschine, und er singt sogar.

Payton spielt eine R&B-Oper

In seinen Liedern vertont er die älteste Lovestory aller Zeiten, von Adam und Eva, ihrer Liebe, ihren Sünden und Problemen. Paytons Stücke fügen sich zu einer zweiaktigen R&B-Oper im Niemandsland zwischen HipHop und Soul, zwischen den Siebzigern, den Achtzigern und heute. Ein Song heißt „iStole Your iPhone“.

Esperanza Spalding und Cassandra Wilson treten als beseelte Gäste auf. Payton erklärt: „Ich bin mit Earth, Wind & Fire, Michael Jackson, Stevie Wonder und Prince aufgewachsen. Später kamen A Tribe Called Quest, D’Angelo und Erykah Badu hinzu.“ Vielleicht ist Nicholas Payton einfach noch zu jung für anständigen Jazz.

4 von 5 Punkten.

Sigur Rós: Inni (Krank)

Konzertalben versammeln in der Regel ungeschickte Fassungen bekannter Lieder. Sigur Rós geben weder gewöhnliche Konzerte noch nehmen sie Lieder auf. Wo immer die vier Isländer auf einer Bühne stehen, hüllen sie ihr Publikum in tönende Nebel. Ihre Stücke haben keine starren Formen. Deshalb klingt ihr Album „Inni“, aufgenommen vor drei Jahren während ihrer letzten Gastspielreise im Londoner Alexandra Palace, wie ein jungfräuliches Werk.

Man kennt die Titel hinten drauf. Zum Beispiel „Popplagið“, was lustigerweise „Popsong“ heißt, vom älteren Album „()“. Oder „Gobbledigook“ vom letzten Album „Með suð í eyrum við spilum endalaust“ , auf deutsch: „Mit einem Summen in den Ohren spielen wir endlos weiter“.

Der Film zeigt die Gruppe als Geschäftreisende

Der Maxime folgen sie auf „Inni“ allerdings nach Kräften. Jönsi Birgisson streicht die Gitarre mit dem Cellobogen und stimmt traurige Choräle über glühende Sohlen, blutende Nasen und die Heimat an. Für ihre kunstvoll schwebenden und schwirrenden Entwürfe werden Sigur Rós mit heiligen Ernst in aller Welt verehrt.

Nun liegt dem Doppelalbum ein erklärender Film bei, gedreht vom Regisseur Vincent Morisset und bei den Filmfestspielen von Venedig schon gebührend bestaunt. Man sieht die Skandinavier in Schwarzweiß, im expressiven Schattenspiel, das immer wieder unterbrochen wird von farbigen Amateurvideos. Dann sind sie plötzlich keine Klangkünstler. Sondern Geschäftreisende, die sich unbefugt an die Hotelpianos setzen, Gras rauchen und eigentlich so albern sind wie alle fahrenden Musikanten.

3 von 5 Punkten.