ProSieben

"The Voice" und die Luxusprobleme des Xavier Naidoo

Ausgebildete Sänger versus Greenhorns: Selbst in der dritten Battleshow kann "The Voice" das hohe Niveau halten – und ist trotzdem nichts für Musikprofessoren.

Foto: obs / obs/DPA

2011 hat ProSieben-Sat.1 vieles richtig gemacht. Zumindest, was die Entscheidung angeht, auf den beiden Schwestersendern an zwei aufeinanderfolgenden Abenden eine Castingshow zu positionieren. „The Voice of Germany“ ist in aller Munde . Die Quoten sind hervorragend, was die Kassen dank höherer Werbeeinnahmen klingeln lässt. Oft ist es bereits geschrieben worden: Das Gesangstalent der Kandidatinnen und Kandidaten ist sehr hoch, die Jury oft hellauf begeistert, oder zumindest wohlwollend und stets freundlich und fair.

Anscheinend wurde dank „ The Voice“-Erfinder John de Mol eine Wende in der mehrjährigen Gesangs-Casting-Tradition im deutschen Fernsehen eingeläutet. Zuletzt waren Schadenfreude und Bloßstellung von Anti-Talenten die Erfolgsgaranten des in diesem Feld bei den Privatsendern bisher erfolgreichsten Konkurrenten RTL.

Doch die Zuschauer scheinen sich sattgesehen zu haben an den Hau-drauf-Sprüchen eines Dieter Bohlen und tränenreichen Abgängen Gescheiterter, die ihre Begabung weiter suchen müssen.

Auch in der dritten Battleshow, bei dem jeweils zwei, manchmal auch drei Kandidaten eines Jurorenteams gegeneinander antreten mussten, machte „The Voice“ als meistgelobtes Unterhaltungsformat dieses Jahres seinem Namen alle Ehre.

Kandidaten, die längst bei DSDS rausgeflogen wären

„Wir müssen hier Leute nach Hause schicken, mit denen hätte man in anderen Casting-Formaten ganze Staffeln gefüllt“, so das Urteil von Juror Xavier Naidoo nachdem er sich aus drei talentierten Kandidaten nur für einen entscheiden durfte. So mussten die Musicalsängerin Patricia Meeden und die gebürtige Irakerin Dilan Koshnaw trotz guter Leistungen glücklos die Bühne verlassen.

Der einzige Mann im Trio, Mic Donet, durfte jubeln. Der Sänger mit der sanften Soulstimme hat es eine Runde weiter geschafft. Ein Luxusproblem, das Naidoo da bei seiner Entscheidung hatte, denn der Mannheimer hatte im Vergleich zu seinen Co-Coaches Nena, The BossHoss und Rea Garvey schlicht die meisten Kandidaten im Team. Die hatten sich in der ersten Runde bewusst für Naidoo als musikalischen Berater entschieden.

Acht Teams traten an diesem Abend gegeneinander an. Alt gegen jung, Mann gegen Frau, ausgebildete Sänger gegen eingeschüchterte Greenhorns – bunt gemischt waren die Auftritte, stets authentisch und mit Eifer dabei die Teilnehmer.

Etwa Yasmia Hunzinger, die aufgrund ihrer Körperfülle in anderen Formaten bereits in der Vorrunde herausgeflogen wäre. Sie setzte sich mit ihrer Interpretation von „Bring me to life“ von der Band Evanescence gegen die Jungrocker und Lela Gruber und ihren Bandkollegen an der Gitarre, Erni Köhler durch. Die Entscheidungen der Jury waren – und auch das ist dem Format hoch anzurechnen – stets nachvollziehbar.

Vor ihrem Gesangsduell übten die Kandidaten ihre Lieder mit ihren Coaches und deren Berater. Wie die Hilfestellung von Nena, Rea oder dem Duo The BossHoss genau aussah, erfuhr der Zuschauer aber nicht. Die Einspieler aus dem Probenraum dauerten jeweils nur circa eine Minute. Zu wenig, um die Schwierigkeit, die Mühsal und das akribische Arbeiten während einer Gesangsprobe nachvollziehen zu können.

Etwas unbefriedigend und ohne klare Struktur sind auch die auf die Proben folgenden Gespräche zwischen den musikalischen Zieheltern und den einzelnen Kandidaten. Wie schon bei den vorherigen Folgen fielen nur kurze Stichworte, nur wenige Sätze von Naidoo, Nena oder Rea Garvey. Nicht selten entpuppten sich die Ratschläge deshalb als bloße Worthülsen oder Wiederholungen von bereits Gesagtem.

Das Niveau ist gleichbleibend hoch

Dann wieder schien es, als wüssten erfolgreiche Musiker wie Nena oder The BossHoss nicht, was sie ihren Schützlingen für Tipps geben sollten – was nicht gerade für ihren musikalischen Sachverstand sprechen würde. „Diese Performance kann euch keiner mehr nehmen“ oder „Alles Liebe für dich. Wir freuen uns total auf Deinen Auftritt“ gibt Nena ihren aufgeregten Schützlingen da auf den Weg.

„Mir sind der Ausdruck und die Persönlichkeit wichtiger als richtige Töne“, erklärt Nena ihr Vorgehen später. Im Übrigen sei sie kein „Musikprofessor“.

Trotz dieser kleinen Schwächen, trotz gelegentlichem Abdriften in Banalitäten hält die Castingshow ihr Niveau. Hohe Gesangsqualität, eine Beurteilung auf Augenhöhe – eine solide Basis für einen Wandel des Casting-Genres, den die Zuschauer dankend annehmen.

Auf die „Battles“ folgen im neuen Jahr dann die Live-Shows, was soviel bedeutet wie weitere unterhaltsame Stunden auf der Couch.