Kinder-Stunt

Der gefährlichste Moment, seit es "Supertalent" gibt

RTL hat wenig gelernt aus der "Wetten, dass..?"-Tragödie um Samuel Koch. Beim "Supertalent" wagten zwei Kinder so viel, dass Bohlen die Show stoppen wollte.

Irgendwann hört die Show auf. Genau genommen nach der Hälfte der Sendezeit. Ungewöhnlich ernst wird es da beim „Supertalent“. Zuvor die altbekannte Inszenierung: Ein kurzer Trailer, in dem sich Maik und Giulia vorstellen und dann der Auftritt, unterbrochen durch Zeitlupen, unterlegt mit einem orchestralen Klangteppich, der Spannung erzeugen soll, Kameraschwenk auf entsetzte Gesichter im Publikum, gefolgt von Standing Ovations.

Sylvie weint vor Angst um zwei Kinder am Trapez

Doch etwas ist anders bei diesem Auftritt. Maik, sechs Jahre, und seine achtjährige Schwester Giulia zeigen eine Nummer, bei der sie abwechselnd am rund 6 Meter hohen Trapez Kunststücke zeigen, bei denen meist ein Kind kopfüber schwingend und an dessen Händen wiederum der jeweils andere hängt.

Ohne Matte, ohne Netz, ohne Sicherung. Jurorin Motsi Mabuse findet das großartig, ihre Kollegin Sylvie van der Vaart heult vor Angst, läuft dann aber auf die Bühne, umarmt den kleinen Jungen und fragt in einer beinahe kindlichen Naivität: „Geht’s dir gut? Ist das echt nicht gefährlich? Bist Du Dir sicher?“ Bohlen schweigt erst einmal.

Empörte Medienberichte, ein Bußgeld seitens der Medienaufsicht oder, wie zuletzt bei der ebenfalls quotenwirksamen RTL-Serie „Super Nanny“, ein offener Brief des Kinderschutzbundes, mit der Forderung, die Sendung einzustellen – all das könnte womöglich auf den Sender zukommen.

Bohlen lenkt selbst ein, auffallend ungewohnt für den Juror mit dem Krawallimage: „Ich will so etwas nicht noch einmal sehen“, sagt er.

Anders als der zeitgleich im ZDF um einiges unaufgeregter dahinschippernde Unterhaltungsdampfer „Wetten, dass..?“ ist das „Supertalent“ keine Live-Show. Stattdessen schnippeln Redakteure kunterbunt aus unterschiedlichen Aufzeichnungen Best-of-Materialien zusammen und lassen sich allerhand film- und tricktechnische Dinge einfallen, um zwischen echten Talenten, ein möglichst schrilles, möglichst skurriles Gruselkabinett zu errichten. Dass dabei die Kandidaten so inszeniert werden, dass der Zuschauer zwischen Mitleid, Scham, Schadenfreude und Ekel hin- und hergerissen ist. Ein alter Hut.

Vater meint, die Kinder bei einem Sturz auffangen zu können

Doch der Sender wird sich dem Vorwurf stellen müssen: Hätte er die Kinder nicht schützen müssen? „Auf der Bühne kann immer etwas passieren“, begründet Bohlen sein Nein zu dem Geschwisterpaar, das übrigens dank der Stimmen der beiden Jurorinnen dennoch in die nächste Runde gekommen ist. Bei „Wetten, dass..?“ ist schon einmal ein tragischer Unfall passiert.

Beinahe ein Jahr ist das her. Ein Kandidat sitzt seitdem nach einer waghalsigen Wette im Rollstuhl und Gottschalk wird Ende des Jahres seinen Hut nehmen – zumindest beim ZDF.

RTL hingegen versucht sich scheinbar aus der Verantwortung zu ziehen, indem wiederholt der Vater von Maik und Giulia mit Sätzen wie „Im Grunde ist das ganz ungefährlich. Sonst würden wir das als Eltern auch nicht machen“ oder „Ich kann die beiden bei der Höhe ja noch auffangen“, zitiert wird.

Beim Abpudern folgt dann doch eine überraschend ungeschminkte Aussage Bohlens: „Ich wollte wirklich aufstehen und sagen, komm lass uns das abbrechen“. Warum er das nicht getan hat, sagt er nicht.

Doch nach zehn Minuten ist dann abrupt Schluss mit ernst, ein wenig Grusel, ein kleiner Schockmoment muss wieder her. Nach den ersten Sekunden wird klar, in Alicia schlummert ein gewaltiges Anti-Talent. Comichafte Einblendungen, verzerrte Stimme, sarkastische Statements des Off-Kommentators – da sind wir wieder im Gruselkabinett.

Bis rund 22 Uhr ist die Dramaturgie denkbar einfach: Nach jeder Nullnummer, nach jedem Nichtskönner zeigt jemand etwas Außergewöhnliches und wird mit 3 Ja-Stimmen der Jury belohnt. Gegen Ende der Sendung zählt statt Schadenfreude dann nur doch Begeisterung.

Da „Das Supertalent“ bis kurz vor 23 Uhr dauert, gilt es, den Zuschauer am Ball zu halten. Mauerblümchen mit Kontrabass, Mädchen, das ihren Vater verloren hat, hufeisenverbiegender Zahnakrobat (der mit seinen Zähnen Dieter Bohlen in die Luft hob, der auf einer an Seilen befestigten Holzplatte saß), gescheiterter Popstar mit Krawallvergangenheit und Todesfall in der Familie – der Zuschauer soll Empathie und Bewunderung empfinden für die Kandidaten.

Zum Schluss dann noch einmal echte Talente aus den USA

Nur einmal geht es nur um den Auftritt. Weder emotionaler Trailer noch rührende Geschichten – „Fighting Gravity“ heißt die 13-köpfige Truppe aus den USA, die mit ihrer Schwarzlichtshow bei „America‘s Got Talent“ bereits den dritten Platz belegt hat. Drei Minuten wirbeln bunte Bälle, Beine und geometrische Figuren durch die Dunkelheit.

Tempo und Timing stimmen, Zuschauer und Jury sind begeistert und das, ohne irgendetwas über die Künstler zu wissen. Doch „Fighting Gravity“ spielen in einer völlig anderen Liga als die übrigen Kandidaten. Neben zahlreichen Showauftritten in den Vereinigten Staaten haben sie auch einen eigenen Internetshop, in dem sie Kapuzenpullis und T-Shirts verkaufen. Was die Jury sagt, verstehen sie nicht. Ganz gut so and diesem Abend.