Besucherzahlen

Berliner fremdeln mit dem Schillertheater

In Berlin steigt entgegen dem Bundestrend die Zahl der Konzert- und Theaterbesucher. Doch die traditionsreiche Staatsoper muss nach ihrem Umzug ins Ausweichquartier Schillertheater Einbußen hinnehmen. Ebenso andere Bühnen.

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Berlin setzt auf die Kultur – und das zahlt sich aus: Rund fünf Prozent mehr Besucher konnten die staatlich unterstützten Häuser im 1. Halbjahr 2011 gegenüber dem Vorjahreszeitraum verbuchen.

„Nach dem guten Vorjahr wird auch 2011 wieder ein erfolgreiches Bühnenjahr werden“, schreibt der Regierende Bürgermeister und amtierende Kultursenator Klaus Wowereit (SPD) in seinem Halbjahresbericht „über die finanzielle Entwicklung der landeseigenen Theater- und Orchesterbetriebe“. Aufs Gesamtjahr hochgerechnet „erwarten die Bühnen mit rund 2,7 Millionen zahlenden Besuchern erneut einen leichten Besucherzuwachs“, heißt es in dem Schreiben an das Abgeordnetenhaus, das Morgenpost Online vorliegt.

Allerdings sind die Entwicklungen in den verschiedenen Bereichen sehr unterschiedlich: Klassische Konzerte boomen, die Sprechtheater legen zu, während die Opernhäuser einschließlich des Staatsballetts rückläufige Besucherzahlen im 1. Halbjahr 2011 hatten. Das könnte sich im Gesamtjahr noch etwas ändern, denn traditionell ist die Nachfrage im zweiten Halbjahr und besonders in der Vorweihnachtszeit größer.

Philharmonie mit 86 % Auslastung

Am auffälligsten ist das gestiegene Interesse an den Auftritten der Orchester – entgegen dem Bundestrend, wie Wowereit betont. Die Zahl der Besucher stieg von 269.000 auf 322.000 – besonders das Konzerthaus und die Philharmoniker können sich über eine höhere Nachfrage freuen. Die Programme des neuen Konzerthaus-Intendanten Sebastian Nordmann kommen offenbar gut an, das Haus bot mehr Veranstaltungen an und konnte die Zahl der Besucher im 1. Halbjahr 2011 gegenüber dem Vorjahreszeitraum von 48.000 auf 73.000 steigern. Die Auslastung blieb mit 67 Prozent konstant.

Die Berliner Philharmoniker traten häufiger auf und stießen wie gewohnt auf sehr großes Interesse: Insgesamt besuchten knapp 172.000 Menschen die Konzerte – rund 20.000 mehr als im Vergleichszeitraum. Die Auslastung blieb mit 86 Prozent auf sehr hohem Niveau konstant, zumal die tatsächliche Auslastung noch etwas höher liegt, denn die Senatskanzlei berücksichtigt in ihrer Statistik lediglich die bezahlten Karten.

Auch die ROC, der etwas ungeliebte Zusammenschluss von zwei Orchestern und zwei Chören unter einem Dach, stößt in Berlin auf größeres Interesse: Die Zahl der Konzertbesucher stieg um rund zehn Prozent von 70.000 auf fast 77.000 und auch bei der Auslastung konnte die ROC zulegen: Von 74 auf 75 Prozent.

Ein völlig anderes Bild bietet sich bei den Opernhäusern. Am markantesten, aber auch erklärbarsten ist der Rückgang bei der Staatsoper, die im ersten Halbjahr 2010 noch ihr altes Domizil Unter den Linden bespielte und wegen der Sanierung des maroden Stammhauses mittlerweile im wesentlich kleineren Schillertheater auftritt: Gut 99.000 Menschen besuchten die Vorstellungen in Charlottenburg, ein Jahr zuvor waren es in Mitte noch 31.000 mehr. Dass das Publikum mit dem Ausweichquartier fremdelt, zeigt ein Blick auf die Auslastung: Die sank von 89 auf 74 Prozent. Und das, obwohl es absolute Publikumslieblinge gab wie Andrea Breths „Wozzeck“-Inszenierung, von der laut Staatsoper alle Vorstellungen ausverkauft waren.

Unter dem Ausweichquartier litt „partiell“ (Wowereit) auch das Staatsballett: Die Zahl der Zuschauer ging um rund 7000 auf 58.000 zurück, die Auslastung sank leicht von 77 auf 75 Prozent. Angesichts der Zahlen überraschend optimistisch liest sich die Einschätzung des Regierenden Bürgermeisters zu den beiden anderen Häusern, bei denen Wowereit auf ein gutes zweites Halbjahr setzt. Das erste dürfte ihn weniger begeistern. Die Komische Oper konnte zwar die Zahl der Zuschauer mit 86.000 konstant halten und die Auslastung geringfügig von 56 auf 57 Prozent steigern, belegt aber damit unter den größeren Kultur-Einrichtungen klar den letzten Platz. Das ist kein neues Problem an der Komischen Oper, die Hoffnungen der Kulturpolitik liegen auf dem Intendantenwechsel im kommenden Sommer.

Auch an der Deutschen Oper lief das letzte Halbjahr unter der Leitung der im Sommer ausgeschiedenen Intendantin Kirsten Harms nicht ganz so gut: 140.000 Besucher sind knapp 9000 weniger als im Vorjahreszeitraum, zudem sank die Auslastung in Berlins größtem Opernhaus deutlich von 76 auf 69 Prozent. Will man einen Trend ausmachen, dann geht das Zuschauerinteresse in Berlin offenbar weg vom Musiktheater und hin zur reinen Musik, zu den Konzerten.

Peymann bleibt unschlagbar

Generell aber kann man dem Publikum keine szenische Ermüdung attestieren. Über eine halbe Million Menschen besuchten im ersten Halbjahr 2011 Vorstellungen der großen, staatlich unterstützen Bühnen, die Besucherzahl stieg von 477.000 auf 50.6000. Einen wesentlichen Anteil an diesem beachtlichen Anstieg hat das von Matthias Lilienthal geleitete Theaterkombinat Hebbel am Ufer (HAU). Lilienthal, der ebenfalls im Sommer aufhört, schaffte es, die Zahl der Besucher von 35.000 auf 61000 fast zu verdoppeln und die Auslastung von 62 auf 73 Prozent anzuheben. Was wie ein Wunder klingt, lässt sich durchaus erklären: Zum einen war das HAU fleißig und hat mehr Veranstaltungen angeboten (die zudem gut ankamen), zum anderen , zum anderen fand im Mai 2011 das Spreepark-Projekt statt, das an vier Tagen von 15.000 Besucher anlockte, wie das HAU auf Anfrage mitteilte.

Steigendes Interesse können auch das Renaissance-Theater (47.000 Zuschauer, die Auslastung stieg von 66 auf 73 Prozent), Volks- und die Schaubühne verzeichnen. Das Haus am Rosa-Luxemburg-Platz zählte mit gut 75.000 knapp 7000 Besucher mehr, die Auslastung sank allerdings in Richtung Komische Oper auf 59 Prozent. Anders bei der Schaubühne, die auf 63000 Besucher kommt (ein Plus von knapp 5000) und zudem die Auslastung von 74 auf ziemlich gute 80 Prozent steigerte. Da kommt das Deutsche Theater mit 74 Prozent nicht ran, insgesamt kamen 99.000 Zuschauer, ein Rückgang um 6000, der auch der frühen Spielzeitpause geschuldet ist. Platz 1 unter den staatlich geförderten Sprechtheatern belegt erneut das Berliner Ensemble: Knapp 107.000 Zuschauer kamen in das von Claus Peymann geleitete Haus, die Auslastung stieg von 77 auf 84 Prozent.

Ganz oben in der Zuschauergunst steht der Friedrichstadtpalast: Die Show „Yma“ sahen im 1. Halbjahr 2011 knapp 200.000 Menschen, ein Plus von 10.000 sorgte für einen Anstieg der Auslastung von 77 auf 79 Prozent.

Dass es in den vergangenen Jahren keine Schließungsdebatten in Berlin gab, also die Stimmung im Kulturbereich positiv ist, ist für Rolf Bolwin, den Chef des Deutschen Bühnenvereins, eine Erklärung für die steigenden Zuschauerzahlen in der Hauptstadt. Der bundesweite Trend sei ein anderer, da gibt es „eine leichte Tendenz nach unten.“ Berlin aber setzt offensiv auf die Kultur – und das kommt an.