Schiller-Theater

Kovalik hat Freude an einer stumpfsinnigen Oper

Der Regisseur Balázs Kovalik wird im Berliner Schiller-Theater das Stück "Die verkaufte Braut" inszenieren. Ein Treffen mit dem gebürtigen Ungarn, der eine Vorliebe für das Naive hat.

Foto: M. Lengemann

Eine Kuh steht auf seiner Bühne, allerdings in einer Glasvitrine. Es ist ein Stück unberührter Natur, bezaubernd hindrapiert. Eine Art Museumsdorf will Regisseur Balazs Kovalik aus dem Schiller-Theater machen. Dort inszeniert der Ungar gerade Smetanas „Die verkaufte Braut“, am Sonnabend (19. November 2011) hat es Premiere. Die Szene ist in seiner biederen Ernsthaftigkeit sehr komisch (und recht passend zur kaufsüchtigen Vorweihnachtszeit), auch wenn Kovalik darin eher die „feine Ironie“ sieht. Seine Inszenierung habe etwas mit Nostalgie, Souvenirs und Volkstümlichkeit zu tun. „Wenn wir nach Bad Tölz fahren, sind die Geschäfte voll mit kleinen Holzfiguren, ähnlich ist es in russischen oder ungarischen Touristendörfern.“ Warum wir diesen ganzen Schnickschnack wollen, ist für Kovalik klar. „Weil wir die Vergangenheit eigentlich schon verloren haben und irgendwie noch einen Zugang suchen. Wir stellen auch gern Omas alten Schrank in unsere Designerwohnung zwischen Glasmöbeln und Halogenlampen.“ Seine Darsteller, versichert Kovalik, versuchen ihren Weg zwischen alledem zu finden.

Friedrich Smetanas ebenso Polka-fröhliche wie stumpfsinnige Dorfoper „Die verkaufte Braut“, 1866 in Prag uraufgeführt, ist heute längst ein Stück Opernmuseum, sie lebt von Konflikten, die es so in unserer Gesellschaft kaum noch gibt. Aber auch dafür hat er eine Erklärung. „Was verkauft man denn heute? Alles! Wir untersuchen, wie man sich selbst verkauft. Fast jeder in dieser Oper verfolgt seinen eigenen Businessplan. Jenik, der unbedingt seine Position in der Familie zurückhaben will, setzt dafür seine Geliebte aufs Spiel. Für mich ist das vergleichbar mit jemandem, der täglich drei Stunden länger im Büro bleibt, um dem Chef zu gefallen und Karriere zu machen, natürlich alles für die Familie. Aber womöglich opfert er sein Familienglück, weil er sie gar nicht mehr zu Gesicht bekommt.“

"Ich bin das Kuckucksei der Familie"

Irgendwie bringen Regisseure immer auch etwas von sich selbst mit auf die Bühne. Hinter Kovaliks hemdsärmligen Humor verbirgt sich Nachdenklichkeit und ein Hauch Melancholie. „Ist es ein Wegrennen vor etwas oder die Suche nach sich selbst?“ Das sei seine große Lebensfrage, sagt er. Ersteres führt wohl in die Melancholie, letzteres in die feine Ironie.

Balazs Kovalik stammt aus einer alten Budapester Familie. Darauf ist er stolz. Den Begriff der sozialistischen Intelligenz weist er brüsk von sich und besteht auf dem Begriff bürgerlich. Eine Juristenfamilie, der Vater Lebensmittelingenieur, die Mutter Lehrerin, drei Söhne. „Ich bin das Kuckucksei in der Familie“, sagt Kovalik und lacht. Ihn interessiert schon früh das Theater, er beginnt mit der Schauspielerei, merkt aber bald, dass ihn das nicht glücklich macht. Er wechselt in die Regie und wird Schüler des ersten Jahrgangs in August Everdings Bayerischer Theaterakademie am Münchner Prinzregententheater. „Ich schätze Deutschland als Operngroßmacht“, sagt er: „Man sagt immer, es sei ein italienisches Phänomen. Aber subventionierte Opernhäuser gibt es in Deutschland am meisten, das Repertoire ist groß. Das macht die Oper liberal und lebendig. Das ist es, was Kunst ausmacht.“ Und er vergleicht Budapest, wo es nur ein Haus gibt und an dem wenig hinterfragt wird, mit Berlin, wo jedes der drei Opern ein eigenes Gesicht habe. „Städte mit nur einer Oper werden schnell zum Salatteller, auf dem immer etwas für die Intellektuellen, fürs breite Publikum oder für die Omas liegen muss.“

"Die neue Politik hat mich gekündigt“

In Budapest war Kovalik bis zum letzten Jahr künstlerischer Leiter der Ungarischen Staatsoper und hat sich mit einem ambitionierten, weltoffenen Regietheater einen Namen gemacht. „Die neue Politik hat mich gekündigt“, sagt er und schweigt. Zumindest was seine eigene Person betrifft. Aber gerade sorgt eine Rechtsaußen-Personalie des Budapester Oberbürgermeisters für Ärger. Der erzkonservative Schauspieler György Dörner und der Schriftsteller Istvan Csurka, der bereits mit rechtsradikalen und antisemitischen Parolen auffiel, wurden zu den Leitern des Neuen Theaters berufen – eines Hauses unweit des früheren jüdischen Viertels. Seither gibt es Proteste. Auch der ungarisch-stämmige Hamburger Dirigent Christoph von Dohnanyi hat wegen der Personalie kürzlich demonstrativ einen Gastauftritt an der Staatsoper abgesagt. „Herr Dohnanyi hat das Richtige getan“, sagt Kovalik. Antisemitismus gäbe es auch in Deutschland, sagt er, „aber es ist nicht salonfähig. Wie leider in Ungarn. Und die Politik achtet nicht darauf.“

Aber es bedeute nicht, betont Kovalik, dass „alle Ungarn plötzlich rechtsradikal sind.“ Bei den Ungarn gehöre es zur Mentalität, Dinge manchmal sehr grob auszusprechen. „Ich hasse das auch, aber es ist so. Das Gefährliche daran ist die Fläche, die man nur anzünden muss. Dann brennt es, was sowohl auf der linken oder der rechten Seite passieren kann.“ Größere Sorgen macht sich Kovalik derzeit darüber, „dass die Leute immer von die europäischen Identität frustriert sind. Viele wollen sich zurückziehen in eine nationale Idylle, in eine wenig denkende Gesellschaft. Ich spüre viel Angst vor der Freiheit. Die Leute wünschen sich jemanden, der ihnen sagt, wie es weiter geht.“

Angst vor der Moderne

Das hat auch Auswirkungen auf den Kunstbetrieb. „Wenn in Ungarn in der Vorstellung ein Gedanke auftaucht, sagen die Leute schon, das sei modern. Bevorzugt wird das Naive, das Volkstümliche, bloß keine Provokation. Das mag witzig klingen, aber diese Angst vor der Moderne ist gefährlich.“ Das Neue Theater, in dem bislang Moliere, Steinbeck, Dostojewski gespielt wurden, soll ein nationaler Musentempel werden. „Es gibt keinen Grund, Stücke abzulehnen, weil sie nicht nationalbewusst genug sind. Letztlich wird dadurch ein Kultursystem zerstört.“ Sagt Kovalik und wirkt plötzlich wieder ein wenig verschlossen.

Ob er an das Gute im Menschen glaube? Bei der Frage springt Kovalik zurück in die Glasvitrine namens Oper. „Ja, aber in den meisten Werken werden nicht die Guten, sondern die Problemfälle beschrieben. Die Liebe interessiert uns eigentlich gar nicht, sondern nur, warum sie nicht funktioniert. Darüber gibt es die größten Opern.“ Ein Happyend ist bei seiner verkauften Braut wohl nicht zu erwarten.