Ende der Spielzeit

Berliner Opernsaison kann sich sehen lassen

Eine Bilanz: In Berlins Opern gab es mehr gefeierte Premieren als Flops, neue Chefs sind angekündigt, die Deutsche Oper hat Zuschauerrekorde zu verbuchen und die Staatsoper bleibt länger im Schiller-Theater.

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Mit dem Projekt „Matsukaze“ von Sasha Waltz im Schiller-Theater geht dieser Tage die Berliner Opernsaison zu Ende. Oder besser gesagt mündet in Sommerbespielungen, die sich sehen lassen können. Das Fazit: Es war ein guter Jahrgang – harmonisch im Abgang, konstrastreich auf der Zunge, ohne bitteren Nachgeschmack. Und das Wichtigste: Das Publikum nimmt erfreulicherweise nicht ab, sondern zu. Vor allem die Deutsche Oper konnte sich über Auslastungsrekorde freuen – und dies inmitten der Abschiedstränen für Intendantin Kirsten Harms. Sieben Jahre war sie im Amt. Man wird auf jeden Fall ihre schönen weißen Kleider vermissen, die sie selbst an Elendstagen der Oper mit Anstand zu tragen verstand.

Notunterkunft im Schiller-Theater

Bei drei großen Opernhäusern gibt es natürlich regelmäßig neue Personalien. Die Deutsche Oper wird jetzt von einem Team um Generalmusikdirektor Donald Runnicles geführt, bevor der Baseler Operndirektor Dietmar Schwarz im Jahr darauf ins Berliner Intendantenzimmer einzieht. Offiziell, denn längst zieht er geschickt die Fäden im Haus.

In Donald Runnicles hat sich die Deutsche Oper zuvor bereits einen hochambitionierten Chefdirigenten gewonnen, den selbst die Herausforderungen von Berlioz' Mammutwerk „Die Trojaner“ nicht abschreckten. Auch Wagners „Tristan“ nicht, obwohl Peter Seifert unbedingt seine Frau Petra Maria Schnitzer als Isolde in die Arme schließen wollte. Den Schluss-Streich der Saison lieferte, ganz und gar überraschend, „Samson und Dalila“ in einer Inszenierung von Patrick Kinmouth, der den Stoff weit ernster nahm als der Komponist Saint-Saens.

Daniel Barenboims stolze Staatsoper hat während der Sanierung des Stammhauses Unter den Linden im Schiller-Theater eine Notunterkunft gefunden. Es hat schon seine Not mit der Akustik in dem früheren Sprechtheater. Mal klingen die Aufführungen in ihrer fast kammermusikalischen Durchsichtigkeit zufriedenstellend, an anderen Tagen verweigern sie sich dem vorgeschriebenen Wohlklang. Es ist beinahe schon Glücksache, wo man sitzt. Zu den bittersten Mitteilungen dieser Saison gehörte, dass sich die Sanierung hinauszieht und die Staatsoper frühestens 2014 wieder eröffnet werden kann. Bis dahin setzt Intendant Jürgen Flimm auf den künstlerischen Aktionismus: Für die nächste Saison sind 370 Vorstellungen angekündigt, darunter acht große Premieren, sechs kleinere auf der Werkstattbühne, ein „Don Giovanni“-Gastspiel, weil darin Anna Netrebko singt, und so weiter und so fort. Bislang ist es nicht gelungen, das Publikum vollzählig von Mitte nach Charlottenburg mitzunehmen.

Im Schiller-Theater versucht sich die Staatsoper an einem neuen „Ring des Nibelungen“, natürlich unter Daniel Barenboim. Es handelt sich um eine Produktion der Mailänder Scala, die gemeinschaftlich erarbeitet wurde. Kostensparende Kooperationen oder auch Übernahmen gehören allmählich zum Opernalltag. Ein zwiespältiges Verfahren, und manchmal merkwürdig. Als Finale an der Deutschen Oper hat Robert Carsen seine wunderbar auserzählte „Macbeth“-Diktatorengeschichte wieder belebt. In Köln war die Regie bereits vor dreizehn Jahren zu sehen.

Doch zurück zur Staatsoper, die sich mit der Mailänder Scala verbündet hat, einem Haus, das sich bislang nicht mit viel Wagner-Lorbeer hat schmücken können. Immerhin brachte die Staatsoper „Das Rheingold“ zu einer interessant irrlichternden Aufführung. Die „Walküre“ bot dazu schon nicht so viele Möglichkeiten. Zum Trumpf der Saison hätte zweifellos Bergs „Wozzeck“ unter Andrea Breths konzentrierter Regie werden können. Nur leider stand der Produktion die Akustik im Wege. Man hörte die Partitur immer nur partiell, bald keine Geigen, bald keine Flöten. Ingo Metzmacher hatte in Strawinskys „The Rake's Progress“ das Orchester auf gleiche Höhe mit dem Parkett gesetzt. Das zahlte sich nicht aus. Besser klang es im Haus, wenn das Orchester, wie in den Wagner-Aufführungen, sich zur Hälfte unter der Bühne verkroch.

Wechsel an der Komischen Oper

Es gab auch Aufführungen, die sich ganz und gar hätten verkriechen sollen. Bernsteins „Candide“ gehörte dazu, was einem musikalischen Kabarett gleichkam. An der Komischen Oper ging Thilo Reinhardts „Salome“, eine alberne Peepshow, völlig daneben.

Aber die furchtlose Komische Oper steckt mittendrin in Übergängen. Regieintendant Andreas Homoki wird 2012 von Regieintendant Barrie Kosky abgelöst. Und nachdem Jungregisseur Benedikt von Peter mit seinem „Fidelio“ im Müllcontainer den Chefdirigenten Carl St. Clair vertrieb, war Patrick Lange, der zweite Mann am Pult, nachgerückt. Doch damit ist es – leider – auch schon bald wieder vorbei. Sein Nachfolger, der Ungar Henrik Nanasi, wurde bereits von Kosky für 2012 vorgestellt. Immerhin hat Patrick Lange mit Barrie Kosky als Regisseur eine anrührende „Rusalka“ herausgebracht. Und der sonst so ungezügelt phantasiereiche Calixto Bieito hat die „Gespräche der Karmelitinnen“ von Francis Poulenc mit außerordentlicher Strenge gemeistert. Im „Weißen Rössl“ durfte sogar fröhlich gelacht werden. Es gibt sie, die Publikumsrenner.