Schiller-Theater

Philipp Stölzl - ein humorvoller "Allesfresser"

Freitagabend feiert Stölzls Inszenierung der Offenbach-Operette "Orpheus in der Unterwelt" am Schiller-Theater Premiere. Im Interview spricht der Opernregisseur über seinen Humorbegriff, Spießigkeit und wann einem Regisseur das Lachen vergeht.

Foto: M. Lengemann

Morgenpost Online: Wie viel Humor muss ein Regisseur haben, um Offenbach auf die Bühne bringen zu können?

Philipp Stölzl: Der „Orpheus“ ist ein albern verdrehtes Libretto. Wenn man da keine Freude daran hat, sollte man besser die Finger davon lassen. Ich hab da Freude dran. Trotzdem muss man sich den Humor dann hart erarbeiten, wissen wir ja von Buster Keaton oder Loriot.

Morgenpost Online: Was ist Ihre Lieblingsstelle?

Stölzl: Vielleicht wie sich die beiden Eheleute Orpheus und Eurydike gegenseitig beim Betrügen erwischen und in einen aberwitzigen Ehestreit verfallen. Das ist fast wie bei „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“. Oft sind es aber auch die kleinen Details, die mir Spaß machen, ein Stolperer, ein verzögerter Satz. Die Schauspieler haben uns auf den Proben viel zum Lachen gebracht.

Morgenpost Online: Und nach wie vielen Probenwochen vergeht einem Regisseur das Lachen?

Stölzl: Das Lachen endet so nach drei, vier Wochen. Das Anlegen ist amüsant, es wird ein paar Mal wiederholt und ist immer noch lustig. Dann fängt es an, einem auf die Nerven zu gehen. Man möchte dies und das lieber weglassen. Das ist der Moment, in dem sich der Regisseur daran erinnern muss, dass er es mal lustig fand. Es gilt durchzuhalten bis zur ersten öffentlichen Probe, wenn andere wieder darüber lachen. Oder auch nicht. Dieses Abwarten ist die größte Bürde bei einer Komödie.

Morgenpost Online: Es überrascht, dass gerade Sie sich auf eine Operette einlassen?

Stölzl: Warum eigentlich? Wegen meiner Beschäftigung mit Rammstein und Wagner wahrscheinlich. Aber als Regisseur hat man doch immer Lust auf ganz verschiedene Tonlagen. Tatsächlich ist der „Orpheus“ meine zweite Operette. Ich habe schon eine „Fledermaus“ in Stuttgart gemacht und kann mich einen erfahrenen Operettenregisseur nennen. (lacht)

Morgenpost Online: Was bevorzugen Sie so ganz privat in Sachen Komödie?

Stölzl: Es mag ein Klischee sein, aber es steckt in der größten Tragödie immer auch eine Komödie und umgekehrt. Wenn man Wagners düster-romantische Oper „Der fliegenden Holländer“ inszeniert, lacht man auf den Proben auch eine Menge. Es gibt komische Figuren wie der Daland, dem man nur auf die Schliche kommt, wenn man ihn als Buffogestalt annimmt. Und um auf meine letzte Filmarbeit zu verweisen: „Goethe!“ war eine romantische Komödie und hat neben den seelischen Verwerfungen ganz viel Situationskomik, Leichtigkeit mit drin. Und ich schaue gerne Sachen, die mich zum Weinen und zum Lachen bringen. Reine Moll-Töne mag ich ehrlich gesagt gar nicht so.

Morgenpost Online: Wie ist er: eher von deutscher Derbheit oder britischer Schwärze?

Stölzl: Mein Humorbegriff? Ach, ich bin rundum unterwegs und so eine Art Allesfresser. Ich setze mich ebenso gerne tragischen Stoffen aus wie zuletzt Andreas Dresens Krebsdrama „Auf halber Strecke“, kann mich aber auch über einen schrägen Slapstick wie „Die spanische Fliege“ an der Volksbühne totlachen. Das ist das grelle Gegenlicht. Was ich nicht lustig finde, sind so plumpe brachiale Sachen, wie sie im Fernsehen im Spätprogramm laufen.

Morgenpost Online: Die Operette war ursprünglich als Satire gedacht auf des Kaisers unmoralisches Treiben in Paris. Verlegen Sie die Handlung in die Berliner Gegenwart?

Stölzl: Wir haben es in ein vages Heute verlegt, aber nicht ins Berlin der Gegenwart. Das Zweite Kaiserreich, Offenbachs Kritik am ausschweifenden Lebenswandel der Mächtigen lässt sich nicht auf Berlin übertragen, die Stadt ist so freigeistig und freizügig im positiven Sinne, ich glaube, das würde muffig werden. Außerdem sind Aktualisierungen mit der Brechstange sowieso nicht meine Sache. Ich hab immer ein Problem damit, wenn man das Stück zu sehr verbiegen muss, um einen neuen Gedanken zu formulieren. Der „Orpheus“ ist für mich in erster Linie eine Geschichte über Ehe und den Wert von Treue. Damit sind schon mal 90 Prozent vom Publikum direkt betroffen. (lacht)

Morgenpost Online: Und was empfiehlt uns Ihre Inszenierung zum Thema Treue?

Stölzl: Es ist einer der schönsten Einfälle von Offenbach, dass er die „Öffentliche Meinung“ geschaffen hat, die auf der Bühne quasi alle im Publikum repräsentiert. Da haben wir viel Neues geschrieben, um das Publikum in die Verantwortung zu holen.

Morgenpost Online: Ist das nicht gefährlich spießig?

Stölzl: Eben nicht. Die „Öffentliche Meinung“ wird meistens als moralisierender Spießer, wie ein Religionslehrer, vorgeführt und lächerlich gemacht. Das genau finde ich langweilig. Er hat ein Anliegen. Auch wenn wir vielleicht nicht seiner Meinung sind, müssen wir uns mit ihm auseinandersetzen. Und ich glaube, so ein Anliegen braucht es auch als Element zwischen all der Albernheit, allem Dadaistischen, aus der Hüfte Geschossenem, da waren sich unser Autor Thomas Pigor und ich von Anfang an einig. Thomas ist da eine Fassung gelungen, die zwischen kluger Verdrehung und Albernheit wunderbar funktioniert. Und das Ganze ist jetzt dramaturgisch zügiger. Ich leide bei meinen Operninszenierungen immer etwas darunter, dass die Noten immer wie die zehn Gebote angesehen werden, in Stein gemeißelt vom Himmel gefallen und unveränderbar. Das ist das Schöne an der Operette, dass man das Material und den Rhythmus selbst kneten kann. Das kommt vielleicht von meiner Filmarbeit, da gehört es ja dazu, dass man bis zum Schluss daran schneidet, umstellt etc. um irgendwann rhythmisch auf den Punkt zu kommen.

Morgenpost Online: Sie haben Schauspieler wie Ben Becker, aber nur eine richtige Sängerin im Team. Mit wem arbeiten Sie eigentlich lieber zusammen, mit Sängern oder Schauspielern?

Stölzl: Ach, das sind so unterschiedliche Ausdrucksformen. Wir haben eine klassische Mischbesetzung, und gerade im scheinbaren Nichtzusammenpassen liegt der Reiz. Evelyn Novak, ein toller junger Sopran aus dem Staatsopernensemble, ist unsere Eurydike. Um sie herum gibt es die wunderbaren Theaterschauspieler. Das Stück könnte auch „Eurydike und ihre Männer“ heißen. Was die Schauspieler betrifft, es ist großartig, mit so einem Ensemble arbeiten zu dürfen. Das ist ganz anders als auf einem Filmset. Auf der Bühne kann man Dinge gelassener, spielerischer, auch anarchistischer entstehen lassen, im Film muss jeder Drehtag punktgenau nach der Uhr funktionieren. Dann muss eine Szene zwischen neun und elf Uhr entstehen, ansonsten hat die Produktion ein logistisches oder gar finanzielles Problem.