Pop

Künstlerin Dillon singt Lieder wie Polaroids

Die Stille muss weg, die Seele will erzählt sein: Die Berlinerin Dillon hat eines der erstaunlichsten Popdebüts des Jahres veröffentlicht.

Eine Zahnbürste, mehr braucht es gar nicht für einen guten Popsong. Sie lag da am Waschbecken im Bad, die Zahnbürste, unbemerkt, Tage, vielleicht Wochen oder Monate. Eines Morgens fällt sie der Erzählerin in diesem Lied wieder auf, während sie sich selbst gerade die Zähne putzt, mit ihrer eigenen Bürste. Und die Erinnerung beginnt.

Viel muss gar nicht gesagt werden, gesungen, die Details kann man sich sparen, der Zuhörer kann sie sich selbst ausmalen, die Szene hat jeder erlebt; jeder hat mal etwas wiedergefunden, was ein anderer zurückgelassen hat, als der fort ging. Die Geschichte ist immer die gleiche: Es war einmal, da war jemand da, jetzt ist er weg oder sie, und alles, was von diesem Menschen blieb, ist ein banaler Gegenstand.

Gute Titel lassen Platz für Fantasie

Und eine Erinnerung, an ein Gefühl von Liebe womöglich oder bloß an einen Körper und eine Nacht, aber diese Erinnerung wird bald schwächer werden. Gebrauchte Zahnbürsten sind so leicht weggeschmissen.Das alles erzählt dieser Liedtext natürlich gar nicht so genau: „Gumache“, Gaumenschmerzen, der von einer Zahnbürste handelt und vom Verschwinden eines geliebten Menschen.

Der Rest ist bloß dazugedacht. Gute Songs lassen nicht nur Platz für Fantasie, sie setzen sie überhaupt erst in Gang im Kopf des Zuhörers, und auf „This Silence Kills“, dem gerade erschienenen Debütalbum der Berlinerin Dillon, sind gleich zwölf gute Songs.

Polaroids, sagt Dillon: Ihre Lieder sollen wie Polaroids sein. Schnappschüsse der Seele also. Oder Erinnerungsstücke. Denn erstens macht eigentlich niemand mehr Polaroids, und zweitens verloren sie im Gegensatz zu heutigen Digitalfotos über die Zeit langsam ihre Farben und Konturen. Sofortbilder waren einem unaufhaltsamen chemischen Zersetzungsprozess ausgeliefert, sie alterten, und je länger das ging, desto erträglicher wurde der Anblick. Das Ausbleichen des Polaroids war wie der gütige Schleier der Verklärung, den die menschliche Erinnerung über alles Gewesene legt.

Ihre Lieder erzählen von Einsamkeit

Demnach aber wäre jeder Popsong ein Polaroid, denn die sind kleine Erinnerungsträger, sind wie bunte Haftstreifen, auf deren frischer Klebefläche wir unsere Gefühle einmal pappen, und da kleben sie dann halt, für immer: Weißt du noch, als wir uns das erste Mal küssten, da lief dieses Lied. Und dann beginnt eben die Erinnerung, die je mehr trügt, je länger sie schon Erinnerung ist. Bereits im Moment seiner Formulierung also beschreibt ein Popsong etwas, was in Auflösung begriffen ist.

Dillons Lieder aber erzählen auch das Verschwinden selbst, das buchstäbliche, das macht diese Lieder besonders: die Einsamkeit der Erzählerin, ihre selbst gewählte oder doch erzwungene Isolation, die nur manchmal unterbrochen wird von umso heftigeren Sehnsüchten und Ängsten: „Your Flesh Against Mine“ heißt ein Lied, doch die Fleischeslust klingt zart in Dillons heller Stimme; genauso zart klingt es auch, wenn Dillon davon singt, schreien zu müssen, ewig schreien zu müssen, in dem leisen Stück „The Undying Need To Scream“.

Dillon will nicht als Sängerin bezeichnet werden

Das ist schon eine reife Leistung für eine Künstlerin, die gerade mal 23 Jahre alt ist und nicht Musikerin genannt werden will, nicht Songwriterin oder Sängerin, und Pianistin schon gar nicht. Weil sie zu viel Respekt hat vor diesen Bezeichnungen, als dass sie die für sich gelten ließe. Sie hat das alles nicht gelernt.

Und doch einfach gemacht: Lieder geschrieben, gesungen, sich dazu am Klavier begleitet, in einfachen Akkordfolgen; und zwei Mitmusiker und Mitproduzenten, Thies Mynther und Tamer Fahri Özgönenc, haben ihr dann geholfen, diesen Liedern im Studio eine sehr heutige Gestalt zu verleihen. In der ist vieles, wenn nicht alles möglich, neben dieser Stimme und dem Klavier: weiche elektronische Geräuschflächen und harte Techno-Beats etwa und Wundersames wie die blökenden Tuba-Sounds bei der ersten Single „TipTapping“ .

Wenn Popmusik die Kunstform mit dem einen großen Privileg ist, dass man sie nicht erst lernen, sondern einfach machen muss, weil sie keine Zugangsbeschränkungen kennt, sondern unmittelbar das Bedürfnis stillen kann, sich zu äußern in spontaner Geste, wenn man alles verstanden hat und kaum noch etwas zu erzählen, was nicht überformt wäre von Können und Wissen – dann ist Dillon ein Glücksfall für die Popmusik.

Sie stammt aus Brasilien

Eine heilige Amateurin. Und entstanden ist alles einmal aus der Stille, die es zu vertreiben galt, denn diese Stille tötet, Dillons erstes Album heißt nicht umsonst so. Dominique Dillon de Byington, wie sie mit vollem Namen heißt, sitzt an einem nicht weiter erwähnenswerten Wintermorgen in Berlin-Mitte in einem Café, das nicht weiter erwähnenswert ist, weil sie es genau danach ausgesucht hat: Man solle da nichts reinlesen, es solle bloß praktisch sein, in der Nähe ihrer Wohnung, die fast leer sei, sagt sie, kaum Möbel, weil Dillon die Leere mag, den Raum, das gilt für ihre Lieder genauso.

Dillons Geschichte geht so: Geboren in Brasilien, mit knapp fünf Jahren nach Deutschland gekommen; Brasilien, das sind in Dillons Erinnerung die Museumsbesuche mit der Mutter in São Paulo und die langen Autofahrten aufs Land, wo der Familie ein Bauernhof gehörte; Brasilien ist für Dillon keine Musik, Samba hasst sie und den Bossa nova mag sie nicht mehr als jeder andere auch.

Zu Hause, das ist für Dillon viel eher Köln, wo bei den Eltern ein Flügel steht, der Vater ist Pianist. Mit 18 hat sich Dillon ans Klavier gesetzt, erst nur dann, wenn niemand sonst im Haus war, es war ihr peinlich, wo sie doch nicht spielen konnte und keine Noten lesen.

Dillon verdeckte ihr Gesicht

Das Mädchen wollte die Stille vertreiben, die Einsamkeit, Dillon war keine besonders gesellige Heranwachsende, und eine besonders gesellige junge Frau ist aus ihr scheinbar auch nicht geworden. „Mich ans Klavier zu setzen und zu singen“, sagt sie, „erschien mir als der einfachste Weg, nicht allein mit mir zu sein – ohne aber einen anderen Menschen dabeihaben zu müssen.“

Die Musik wurde ihr Begleiter, bald stellte sie eine Kamera auf den Flügel, um ihr eigenes Klavierspiel zu filmen und so die Notenfolgen festzuhalten, aufschreiben konnte sie die ja nicht. Und bald lud sie dann das erste so entstandene Video ins Internet hoch, auf YouTube. Warum sie das getan hat, weiß sie nicht mehr, vielleicht wollte sie doch nicht ganz allein bleiben mit ihrer Musik. So jedenfalls wird man heute entdeckt, so bekommt man sein erstes Publikum, im Internet.

In ihrem ersten richtigen Musikvideo, dem zu „TipTapping“, das Dillon auch selbst gedreht hat, verdeckt sie nun ihr Gesicht und verschleiert ihren Körper in formlosem Schwarz. So als täte es nichts zur Sache, dass sie nebenbei eine schöne junge Frau ist. Herrje, denkt man kurz: Das wäre jetzt nicht nötig gewesen, als Verweigerungs- und Verrätselungsgeste.

Musik ist ein Ausdrucksmittel

Und doch: Warum soll es eigentlich selbstverständlich sein, dass in der Popkultur Körper, insbesondere weibliche, ständig enthüllt werden müssen? Wenn Dillon in den letzten Sekunden des Videos ganz kurz ihr Gesicht zeigt, den Betrachter etwas gehetzt anschaut, scheint sie zu sagen: Mehr als eine Seele kann so eine Icherzählung in der Musik doch gar nicht enthüllen, das reicht.

Es müsse auch gar nicht so weitergehen, sagt Dillon noch an diesem Wintertag in Berlin, wo sie eigentlich und vor allem Fotografie studiert: weitergehen mit der Musik. Die ist nur ein Mittel für Dillon, sich auszudrücken, es gibt noch andere, womöglich einander irgendwann ausschließende, Fotografie, Film, wer weiß. Das ist keine Drohung, bald mit der Musik aufzuhören, nur eine Feststellung, eine irgendwie schon generationentypische für eine heutige 23-Jährige: sich nicht festlegen zu können, aber eben auch nicht zu müssen.

Es hat niemand auf diese Jungen gewartet, und niemand erwartet von ihnen noch etwas Neues, gerade in der Popkultur nicht. Sie haben die freie Wahl, sich unter unendlichen Möglichkeiten zu entscheiden. Oder es zu lassen. Dillon weiß um ihre Freiheit, die der freien Wahl ihrer künstlerischen Mittel vor allem. Aller Zwang geht allein noch von einer Seele aus, die erzählt werden will.

Tourdaten: 13.12. Frankfurt/M., 14.12. ?Stuttgart, 15.12. München, 16.12. Leipzig, 17.12. und 18. Berlin