Lieder 2011

Adele ist ohne das kriselnde System nicht denkbar

Das Musikjahr 2011 stand ganz im Zeichen der Krise: Passende Lieder kamen nicht nur von Adele, sondern auch von Amy Winehouse, Jay-Z und Kanye West.

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Das Jahr 2011 begann, wie es zu Ende geht, mit Liedern von Adele . Im Januar sang sie in „Rolling in the Deep“ über die Herzenswärme, die Gitarren klangen wie vom Sperrmüll und die tiefe Trommel wie ein kompostierbarer Karton. Ein Krisensong. Am 22. September, auf den Tag genau drei Jahre nach dem Notverkauf von Lehman Brothers, saß sie auf der Bühne in der Londoner Royal Albert Hall.

Der Mitschnitt des Konzerts erscheint zum Jahresausklang. „Hometown Glory“ heißt der erste Song, ihr Pianist spielt Schicksalsklänge, und dann singt Adele über die Bettler Londons, aber auch: „I like it in the city when two worlds collide. You get the people and the government. Everybody taking different sides.“

Amy Winehouse wurde zur wandelnden Krise

Das Lied stammt von 2008. Es war das Jahr, in dem Adele auftauchte, eine Wuchtbrumme, die Tochter eines flüchtigen Werftarbeiters und einer bei der Geburt noch minderjährigen Mutter aus dem rauen Norden Londons. Es war auch das Jahr, in dem die Bankenkrise ausbrach. „Hometown Glory“ hat sich gut gehalten, ein moderner Klassiker wie Oscar Wildes Kalenderweisheit: „Was wir für harte Prüfungen halten, kann sich als wahrer Segen entpuppen.“

Die Kultur war immer schon besessen von der Krise. Für Max Frisch war sie ein produktiver Zustand. Für Adele ist sie der Generalbass ihres Schaffens. Ihr Erfolg wird gern als Fehler im System erörtert, aber sie und ihre Lieder sind ohne das kriselnde System nicht denkbar: eine glaubwürdige Sängerin von unten, deren Manufaktum-Stücke sich im fast vergangenen Jahr so oft verkauft haben wie keine anderen Songs.

Sie hat die Planstelle besetzt von Amy Winehouse, die 2008, statt neue Lieder zu veröffentlichen, selbst zur wandelnden Krise wurde und 2011 im Sommer starb . Während der Trauerfrist begannen ihre jungen Landsleute zu zündeln und zu plündern. Und die letzten Aufnahmen der heiligen Trinkerin wurden verkauft wie Tafelsilber.

In Krisen wird Popmusik zur Tonspur

Das Schöne an so einer Krise, die den Menschen tiefer in die Taschen und ins Leben greift, ist, dass die Popmusik dabei zur Tonspur wird. Die Lieder passen immer irgendwie. Die fröhlichen und unpolitischen zum Tanzen muntern auf. Protestsongs stiften innere Wärme in der Kälte.

Mary J. Blige hatte vor 17 Jahren auf „My Life“ den neuen R&B erfunden, eine Hochleistungsmusik aus Soul und HipHop. Zum Advent 2011 brachte die Diva „My Life II“ heraus. Dem Sender CNN erklärte sie: „Zur Rezession möchte ich wieder allen meine Lieder schenken, um sie zu umarmen.“ Auch Mary J. Blige hatten die Absatzkrisen nicht verschont.

Ein blühendes Geschäftsjahr war es aber auch für eindeutige Krisenlieder. In „New Day“ blickten die beiden einflussreichsten lebenden Rapper auf ihre noch ungeborenen Söhne und ihr Königreich: J ay-Z und Kanye West nannten ihren G-2-Gipfel „The Trone“, aber von ihrer Warte aus sahen sie nichts am Horizont.

Der Rap war heiß gelaufen mit der Weltwirtschaft und ihren Werten. Sie waren die Letzten ihrer Art. Im Mai starb auch noch Gil Scott-Heron in New York, vor 30 Jahren hatte er den Rap erfunden als politische Erzählung. Jamie XX, ein 22-jähriger Engländer, hatte „New York Is Killing Me“ von Gil Scott-Heron zuvor neu gemischt, ein Remix, der zum Requiem des Jahres wurde.

Eigentlich verhalten sich die Musiker nicht anders als die Wirtschaftsweisen. Letztere sprechen von Stimmungsbarometern, steigendem Konjunkturoptimismus oder sinkendem Konjunkturpessimismus, und verbreiten, was die Leute hören wollen. Wie Jon King und Andy Gill, zwei Unternehmensberater, die mit ihrer rüstigen Punkband Gang Of Four wieder zum Vorschein kamen und mit einem Album namens „Content“, um das virtuelle Kapital zu geißeln.

Oder wie Tom Waits, der sich aus seinem Landhaus meldete mit „Everybody’s Talking“, einem rustikalen Trauermarsch über Investmentbanker, die vom Blut der Straße leben. 2011 klang manchmal wie ein Sinnspruch aus der Depression der Dreißigerjahre, von Antonio Gramsci, einem Pionier des Eurokommunismus: „Eine Krise besteht darin, dass das Alte stirbt und das Neue nicht geboren werden kann.“