Gruss aus dem Jenseits

Amy Winehouse' neues Album ist ein schwacher Trost

"Lioness: Hidden Treasures" heißt das "neue" Album von Soul-Sängerin Amy Winehouse. Es ist wie ein Phantomschmerz – und zeigt, wie sehr sie fehlt.

Das Schlagzeug rollt, die Posaune stößt kurze quäkende Töne aus, das Fender Rhodes Piano wabert behaglich. Und dann ist da diese Blues-Stimme. Eine Stimme wie hundert Jahre Barhockerei, harte Drinks und Einsamkeit. In den Anfangstagen der Erfindung der Schallplatte, noch bevor es Filme gab, war es den Leuten unheimlich, dass da die Stimmen von längst Verstorbenen aus dem Reich des Todes zu den Lebenden hinüberwehten.

Das mag einem heute, wo allenthalben menschliche Lebens- und auch Todeszeichen auf uns niederprasseln, reichlich niedlich erscheinen. Beim Hören dieses Albums ist genau dieses Gefühl aber auf einmal ganz präsent.

War Winehouse wirklich eine "Löwin"?

Wie auf dem Plattenlabel-Logo, das den Hund vor dem Grammofontrichter zeigt, hockt der Hörer vor seinem neumodischen Abspielgerät und lauscht einem Vermächtnis: „Lioness: Hidden Treasures“, der nachgelassenen Platte der für immer 27-jährigen Amy Winehouse.

„Lioness“, so hieß Winehouse’ eigenes Plattenlabel, auf dem sie nicht viel mehr als die Musik der von ihr geförderten jungen Sängerin Dionne Bromfield veröffentlichte. „Löwin“ also – ein schieferes Bild lässt sich kaum denken zu ihrer irrlichternden Erscheinung der letzten Jahre, die sehr wenig von einer selbstsicher schnurrenden Katze hatte, sondern vielmehr einem waidwunden, mit großen Augen und mahlendem Kiefer in die Paparazzi-Kameras schauenden Reh glich, auf dünnen Beinchen strauchelnd.

Sie dachte sich ihre Texte nicht aus

Im Juli dieses Jahres starb Amy Winehouse in ihrer Londoner Wohnung an einer Alkoholvergiftung. Hinterlassen hat sie zwei Alben: ihr jazziges Debüt „Frank“ von 2003 und das drei Jahre später erschienene, weltweit mehr als zehn Millionen Mal verkaufte „Back to Black“.

In ihrem Windschatten brandete die Retrosoul-Welle auf, die uns bis heute mit den Werken psychisch stabilerer, aber auch ein bisschen weniger ans Herz greifenden Künstlerinnen wie Duffy und Adele versorgt. Jahr um Jahr war ins Land gegangen, ohne dass es Amy wieder für längere Zeit ins Studio geschafft hätte. Die Frage blieb offen: Wie würde sich ihr drittes, heiß und bang erwartetes Album anhören?

Amy Winehouse war eine der talentiertesten Künstlerinnen der Gegenwart. Daneben jedoch beruhte ihr enormer Erfolg auf demselben Grund wie ihr Tod: Nichts von dem, wovon sie sang – dem Schmerz des Verlassenwerdens, dem Betäuben desselben und den vielen leeren Nächten dazwischen –, war ausgedacht, alles war von ihr selbst durchlebt worden.

Das Fiese war, dass die gleichen Leute, die sie für das bewunderten, was sie aus diesem Lebensschmerz machte, dabei zusahen, wie sie sich deswegen zugrunde richtete. Dass jedes ihrer wegen Volltrunkenheit abgebrochenen Konzerte den Popstar Amy Winehouse noch authentischer machte. Und niemand da war, der auf sie aufgepasst hätte.

Dieser nun gut vier Monate nach ihrem Tod folgende, wahrscheinlich nicht letzte Schritt ihrer Karriere (demnächst steht sicher die Verfilmung ihres kurzen Lebens an) gehorcht, bei Licht betrachtet, auch nur den ganz normalen Marktgesetzen: Noch im Sommer hieß es aus Plattenfirmenkreisen, man nehme zunächst die wieder bestens laufenden Verkäufe ihrer bereits veröffentlichten Alben mit, bevor man das dritte nachschiebe. Angekündigt war das dann für März kommenden Jahres, nun ist es schon jetzt so weit. Bald ist Weihnachten.

Hätte ein genuines, neues Amy-Winehouse-Album der Welt etwas zu erzählen gehabt, was man nicht schon aus den Klatschzeitschriften oder den Faltblättchen der Drogenberatungsstellen wusste – über das Leben, Lieben und Leiden einer multipel drogenabhängigen Künstlerin? Wir wissen es nicht.

Das Album enthält nur drei neue Songs

Die Antwort auf die Frage, wie es sich angehört hätte, das nächste Album, muss nun lauten: sicherlich nicht so wie "Lioness". Denn die enthält, neben Coverversionen alter Soul- und Jazz-Hits, alternative Einspielungen bereits bekannter Winehouse-Stücke: die vergnügte Liebeserklärung an das Mädchen „Valerie“ (auch das ursprünglich ein Cover der Liverpooler Indiegruppe The Zutons), „Wake Up Alone“ oder „Best Friends“.

Lediglich drei Songs, darunter eine Zusammenarbeit mit dem Rapper Nas , sind neue Kompositionen, die dazu gedacht waren, auf Album Nummer drei zu erscheinen. Beim ersten Hören dauert es eine Weile, bis man nicht mehr in jedem Moment erwartet, dass ihre Stimme ins Straucheln gerät, dass sie aus dem Takt gerät oder den Text vergisst.

Doch Amy Winehouse fällt mit Leichtigkeit von einer Oktave in die andere, lässt ihre Stimme sich überschlagen und kratzt die Töne an. So wie hier war sie zu Lebzeiten lange nicht mehr zu hören. Deshalb und weil über die Güte des Ausgangsmaterials kein Zweifel besteht, ist kein Stück auf „Lioness“ schlecht, lediglich manchmal ein klein wenig einfallslos, wie beim repetitiven Upbeat-Schunkler „Our Day Will Come“.

Manchmal klingt sie wie ein unbeschwertes Mädchen

Nur ist der Platte eben anzuhören, dass für sie übrig gebliebenes Material zusammengesucht wurde, Musik aus der künstlerischen Phase von irgendwo zwischen „Frank“ und „Back to Black“. „Lioness: Hidden Treasures“ verdeutlicht noch einmal, wie traurig es ist, dass wir die nächsten Jahrzehnte ohne Amy an der Bar stehen müssen. Es ist ein Album wie Phantomschmerz.

Die ältesten Stücke darauf stammen von 2002, da war sie gerade 18 Jahre alt. Anrührend ist, wie sommertaghell ihre Stimme etwa bei ihrer schön eiernden Version von „Girl From Ipanema“ klingt: wie das junge, unbeschwerte Mädchen, das sie einmal gewesen sein muss.

Die sehenswerte Dokumentation „I Told You I Was Trouble“ erzählt von diesen frühen Tagen ihrer Karriere, als sie mit ihrer Gitarre im Anschlag im Büro ihres späteren Labels saß, gleichzeitig schüchtern und sehr selbstsicher lächelte und singend erst ihre Zuhörer und dann einen Plattenvertrag einsackte.

Sie erzählt von der Zeit vor der Beziehung mit dem verkrachten Nichtsnutz Blake Fielder-Civil, vor den Drogen, vor den Silikonbrüsten und bevor sie anfing, einen riesigen Haarturm auf dem Kopf mit sich herumzutragen – weil sie, wie sie mal erklärte, ihre Frisur je höher auftoupierte, je unsicherer sie sich fühlte.

Als wäre ihre Stimme in den nicht einmal zehn Jahren ihrer Karriere im Schnelldurchlauf gealtert, intoniert sie die jüngste Aufnahme, ein wie aus der Zeit gefallen wirkendes Duett mit dem US-amerikanischen Jazzstar Tony Bennet. „Will You Still Love Me Tomorrow“ vermittelt in seiner streichorchestrierten Großspurigkeit eine Ahnung davon, wie der James-Bond-Song geklungen hätte, den zu schreiben und einzusingen sie nicht mehr geschafft hat.

Einer ihrer allerbesten Songs, „Tears Dry On Their Own“, diese tapfere Hymne der Verlassenen an sich selbst, ist in einer schwerfälligen, wie im Codein-Nebel wandelnden Version zu hören. In dem dazugehörigen Video von David LaChapelle von 2007 läuft die winzig kleine Amy in Los Angeles zwischen Transvestiten, Straßenpriestern und halb nackten Freaks umher.

Amy Winehouse fehlt

Sie wird angeblafft und weggerempelt, verzieht das Gesicht, schüttelt den Kopf und geht weiter. Und dann singt sie diese Amy-Winehouse-Zeile, deren Trotz und Lakonie herzzerreißend sind: „I’ll be some next man’s other woman soon“ – „Ich werde bald die nächste Frau irgendeines anderen Mannes sein“.

Dabei lächelt sie ganz kurz ein wenig schief, und da ist, so scheint es, ganz viel Hoffnung und nicht die Spur einer Ahnung, dass es auch ganz anders kommen könnte. Das gleiche Lächeln meint man auf „Lioness: Hidden Treasures“ manchmal zu hören.

„A Song For You“, eine Coverversion ihres Lieblingskünstlers Donny Hathaway, beschließt das Album. Darin heißt es: „And when my life is over / Remember when we were together / We were alone and I was singing this song for you“. „Und wenn mein Leben vorbei ist / denk daran, wie wir zusammen waren / wir waren allein und ich sang dieses Lied für dich.“ Amy Winehouse fehlt. Wenn dieses Album ein Trost ist, dann nur ein schwacher.