Kino Babylon

Ulrich Mühes letzter Film feiert späte Premiere

Der Film "Nemesis" hat vier Jahre nach dem Tod von Ulrich Mühe seine Berlin-Premiere. Der Schauspieler zeigt hier noch einmal, was wir an ihm verloren haben.

Foto: Limago

Bereits verstorbene Schauspieler postum noch einmal in einem "neuen" Film zu erleben, hat immer etwas Makabres. Bei Monica Bleibtreu erging uns das so: Sie hatte trotz, nein gerade wegen ihrer Krankheit am Ende so viel gearbeitet, dass nach ihrem Tod noch vier Produktionen herauskamen. Es war ein Abschied in Raten. Aber der Fall "Nemesis" ist wohl noch seltsamer: Ulrich Mühe ist im Juli 2007 gestorben, doch erst jetzt, über vier Jahre danach, ist sein letzter Film erstmals zu sehen. Ein Kammerspiel, das auf engstem Raum fast ausschließlich von zwei Personen handelt – und trotzdem nervenzerreibend ist. Ein Ehekrieg. Ein Mann und eine Frau zerfleischen sich, nähern sich wieder an, stoßen sich erneut ab. In ihrem Ferienhaus in Italien ist die Schwester der Frau erschlagen worden, hier reißen alte Wunden auf, denn der Mann hatte ein Verhältnis mit seiner Schwägerin.

Die Frau spielt Susanne Lothar, die auch im echten Leben die Partnerin von Mühe war. Die beiden Schauspieler haben gern und oft gemeinsam gearbeitet, unvergessen in Michael Hanekes "Funny Games" (1997), wo sie von zwei Jugendlichen sadistisch gequält und schließlich ermordet wurden. Oder in Zadeks Inszenierung von Sarah Kanes "Gesäubert" (1999), in der sie selbst Gewaltexzesse gegeneinander betrieben – bis das Publikum aus den Hamburger Kammerspielen floh. Sie galten als Schauspieler-Extremistenpaar. Und sie trieben dieses Spiel auf die Spitze, immer wieder, so auch in "Nemesis".

Verleiher zögern

Es ist ein kleiner Film, der mit Fast-Null-Budget gedreht wurde. Die Schauspieler haben daran nichts verdient, aber sie haben auch immer kleine Arbeiten junger, ambitionierter Regisseure wie hier Nicole Mosleh unterstützt. In nur 13 Tagen (und Nächten) wurde gedreht, im Frühjahr 2006. Da wusste Mühe noch nichts von seiner Krebserkrankung. Die Endbearbeitung zog sich, auch wegen des fehlenden Geldes, lange hin – und wurde schließlich von Mühes Tod überschattet.

So zynisch das klingen mag: Natürlich waren gleich mehrere Verleiher daran interessiert, "Nemesis" sofort herauszubringen. Aber Susanne Lothar wollte dies verhindern. Vielleicht fand sie, ein solcher Film werfe so kurz nach dem Tod ein falsches Licht auf das Paar. Unter diesen Umständen wollte die Regiedebütantin den Kinostart nicht erzwingen, um danach als hartherzig dazustehen.

Inzwischen haben sich Mosleh und Lothar geeinigt; aber nun zögern die Verleiher, den Film so spät noch herauszubringen. Bislang lief das Drama erst einmal, im November 2010, auf den Hofer Filmtagen. Eine weitere Kinoauswertung scheint fraglich. Heute wird er immerhin im Kino Babylon gezeigt und erlebt so seine späte Berlin-Premiere. Sollte der Film gut ankommen, gibt es vielleicht doch noch ein wenig Hoffnung, sagt die Regisseurin und Drehbuchautorin. Susanne Lothar steht inzwischen zu dieser Arbeit. Nun fände sie es sogar "schade, wenn der Film in der Schublade bliebe". Sie wird eigens von Dreharbeiten aus London eingeflogen, um neben ihrer Regisseurin "Nemesis" vorzustellen.

Babylon Mitte, Rosa-Luxemburg-Str. 30. Tel . : (030) 2425969. Donnerstag (6. Oktoberr 2011), 20.15 Uhr.

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