Berlin rückt als Stadt der Fotografie immer stärker in den Fokus, muss den Vergleich mit anderen Metropolen wie Paris nicht mehr scheuen. Die Anzahl von Ausstellungen in Galerien und Museen ist gewachsen, genauso wie die Anerkennung als künstlerisches und eigenständiges Medium. Fotografie hat sich gerade in den letzen Jahren in Berlin zu einem Publikumsliebling gemausert. Das liegt wohl auch daran, dass sie jahrelang als Stiefkind der Künste unterbelichtet war, wenig Platz bekam. Jetzt zählt sie zu den modernsten Medien überhaupt – und darf sich ausbreiten.

Hier sind es vor allem Häuser wie der Martin-Gropius-Bau, C/O im Postfuhramt, die Berlinische Galerie und das Museum für Fotografie am Zoo, die den Takt angeben. Steigende Besucherzahlen bestätigen den Trend: C/O beispielsweise hatte mit 180.000 Gästen im vergangenen Jahr die höchste Besucherzahl seit der Eröffnung vor zehn Jahren. Wie heißt die aktuelle Schau im Hannoveraner Sprengelmuseum so schön? „Photogaphy Calling!“

Gereon Sievernich, Chef des Berliner Martin-Gropius-Baus: „Wir haben besonders in der Generation 20 plus einen starken Zuwachs. Das hängt mit den Neuen Medien zusammen, obgleich das Medium selbst ja alt ist.“ Seine Bilanzen können sich gerade mit historischen Größen wie Henri Cartier-Bresson und Robert Capa, 120.000 und 80.000 Besucher, sehen lassen. Die laufende Ausstellung mit den frühen New York-Fotos des regimekritischen Künstlers Ai Weiwei zeigt, wie authentisch das Medium Politik und Geschichte transportieren kann. „Fotografie ist mittlerweile ein vertrautes Terrain, jeder fühlt sich ihr nahe. Ein wenig wurde sie trivialisiert durch das Fotohandy“, so sieht es Thomas Köhler, Direktor der Berlinischen Galerie.

Privatsammler ziehen nach

Ganz im Sog dieses Aufschwunges befinden sich die beiden jungen französischen Privatsammler Arthur de Ganay und Marc Barbey. Beide haben für ihre Kollektionen eigene Räumlichkeiten, die allerdings nicht täglich, sondern zu ausgewählten Zeiten zugänglich sind, beide arbeiten mit unterschiedlichen Konzepten. Ganay, 38 Jahre, von Beruf Architekt, mit Domizil in der Köpenicker Straße 10A in Kreuzberg, feiert mit seiner Kollektion in diesem Herbst bereits fünften Geburtstag. In der neuen Präsentation zeigt er jüngste Neuerwerbungen. Sein Interesse liegt dabei auf großformatiger Fotografie; gesammelt hat er bedeutende Vertreter der deutschen Fotokunst von 1990 bis jetzt: Thomas Ruff, Thomas Struth, Candida Höfer. Seine These ist steil, mit seiner Sammlung möchte er belegen, dass „gute Fotografie der Malerei innerhalb der Künste durchaus gleichwertig ist“. Zudem beschäftigt er sich in seiner Sammlung damit, wie die digitale Revolution unsere Wahrnehmung verändert hat. Die Fotos vom 11. September 2001 markieren einen Wendepunkt, „es war doch so, als ob wir vor Ort gewesen wären“, so de Ganay.

Marc Barbey, Jahrgang 1971, der mitten in Mitte, in der Steinstraße, eine Wohnung als Galerie eingerichtet hat, legt seinen Schwerpunkt auf Berlin. Für ihn ist Fotografie eine Art Erinnerungsort. Nach der historischen „Hommage à Berlin“, der Eröffnungsausstellung im Mai, wirft die Collection Regard nun wieder einen Blick auf die Stadt, diesmal auf den eigenen Kiez, die Spandauer Vorstadt mit dem Scheunenviertel. An einem Tag im Mai 1979 flanierte der damalige Student Hans Martin Sewcz durch die Linienstraße, Tucholskystraße über die Große Hamburger Straße bis zum Hackeschen Markt. Der Fotograf selbst lebt heute gleich um die Ecke. Seine Panoramaaufnahmen zeigen Straßenzüge, die fast jeder kennt, allerdings ist der Wiedererkennungseffekt minimal. Alltag in der DDR. Menschenleer liegen die Beton-Fluchten vor uns, ein Trabi oder zwei, mehr nicht. Eine urbane Entschleunigung und visuelle Grauheit, nicht ohne poetischen Charme – heute kaum mehr vorstellbar. Eröffnung ist am 25. November. Für Barbey ist Berlin als Standort ideal. „Genial, wie gut die ,Foto-Familie' hier funktioniert. Egal, ob Sammler, Museumsleute oder Fotografen, alle haben hier den Willen zu kooperieren.“

Eine der nächsten Präsentationen wird wieder ein Berlin-Thema. Die Unterwelten dieser Hauptstadt: Tunnel, Bunker und S-Bahnen. Fotografiert von Robert Paris, Sohn der berühmten Fotografin Helga Paris. Er hat einmal gesagt, dass er in der DDR gerne in maroden Häusern fotografiert hat, weil man dort Zeitreisen unternehmen konnte. So ähnlich wird es sich wohl auch mit den Unterwelten verhalten. Wer sich mehr für die Gegenwart interessiert, sich fragt, mit welchen Themen sich junge Fotografen beschäftigen, sollte „Gute Aussichten“ nicht verpassen. Im Zentrum für Fotografie ist dieser Wochen die prämierte Creme de la Creme des Nachwuchses zu entdecken – sieben Absolventen hiesiger Hochschulen und Akademien.

Experiment mit dem eigenen Ich

Johannes Post ist ganz das digitale Kind seiner Zeit. Er hat sich von der Unterhose bis zum Kapuzenpulli ausgezogen, seine Klamotten scheibchenweise seziert und Stück für Stück auf dem Scanner drapiert. Herausgekommen ist eine serielle „Tomographie“ seiner Alltagskleidung. Skurril sieht das aus, klinisch in der Form der Abstraktion. Ähnlich wie die Schlachthof-Serie von Julia Unkel. Der tote Rinderkopf mit den mächtigen Hörnern glotzt uns alle an, so, als wolle er fragen: „Na, wie sehe ich aus?“ Gruselig ist das nicht, eher absurd. Unkel nimmt dem Ort den Schrecken der Tötung, indem sie die reine, „saubere“ Leere zeigt und deutlich macht, wie losgelöst wir mittlerweile sind von unserer Lebensmittelproduktion. Aufklärung ohne Anklage. Neu ist dieser Ansatz nicht. In Berlin jedenfalls gibt es viele Spielräume für Fotografen.

Museum für Fotografie, Jebensstr. 2. Di-So 10-18 Uhr, Do 10-22 Uhr. Katalog: 20 Euro. Bis 29. Januar 2012.

Collection Regard, Steinstraße 12. Freitags 14-18 Uhr u. n. Vereinbarung.

Fotografiesammlung Arthur de Ganay, Köpenicker Straße 10 A. Führungen: jeden ersten Samstag im Monat. Anmeldung: info@collectionarthurdeganay.com