Staatsoper-Premiere

"Metanoia" ist voller Löcher und Ungereimtheiten

Für die neue Oper "Metanoia" hatte die Staatsoper Unter den Linden Christoph Schlingensief engagiert. Der Tod des Regisseurs stürzte das Opernhaus in Ratlosigkeit, die Premiere lief trotzdem.

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Ein höflicher Applaus war am Ende zu vernehmen. Zweifellos gibt es glanzvollere, fröhlichere Möglichkeiten, ein Theater wiederzueröffnen. Dabei war die Idee, den Einzug des Staatsopern-Ensembles ins Schiller-Theater mit der Uraufführung von Jens Joneleits Oper „Metanoia“ zu feiern, zukunfts- und somit beifallheischend gedacht. Um auf Nummer Sicher zu gehen, wurden singende, deklamierende, dirigierende Stars verpflichtet.

Obendrein war das ganze Opernprojekt von Anbeginn auf den genialisch-umtriebigen Berliner Regisseur Christoph Schlingensief zugeschnitten worden. Der aber verstarb am 21. August 2010, zwei Tage vor Probenbeginn, an seiner Krebserkrankung – und hinterließ viel Ratlosigkeit. Die Uraufführung von Schlingensiefs Unvollendeter offenbarte eine Ansammlung ratloser Künstler.

Blogeintrag in weißer Toga

70 lange Minuten hatten sie zu überstehen, bis schließlich Starmime Martin Wuttke, gekleidet in weißer Toga des Philosophen, das Publikum mit den Schlussworten zurück ließ: „Die Bilder verschwinden automatisch und übermalen sich so oder so! – Erinnern heißt Vergessen. Da können wir ruhig unbedingt auch mal schlafen.“ Das war Schlingensiefs letzter Blogeintrag vom 7. August.

Nein, die Uraufführung zur Theatereröffnung sollte keinesfalls ein Requiem für Schlingensief werden, wurde jedenfalls im Vorfeld versichert. Nun ist es doch eine Totenmesse geworden, was deutlich wird, gerade weil Schlingensief fehlt. Die Aufführung ist voller Löcher, Längen und Unzulänglichkeiten, es fehlt sein ritualisiertes Chaos, die selbstverliebte Verzweiflung. Dabei finden sich auf Schritt und Tritt Hinweise auf Schlingensiefs umherspukenden Geist. Joneleits Musik versucht, irgendwie Pathos zu entwickeln. Es gibt versteckte Stilzitate bis hin zu Wagners „Ring“-Zyklus. In Bayreuth hatte Schlingensief sich als Regisseur am „Parsifal“ gerieben. Librettist René Pollesch bastelte ihm ein Textgerüst frei über Nietzsches „Geburt der Tragödie aus dem Geist der Musik“. Es geht um die Kunst, die sich das Individuum erkämpfen muss, um den Widerspruch von Rausch und Ordnung und natürlich um Krankheit und Tod. Auf der Bühne stehen und liegen, fast versteckt hinter einem durchsichtigen Vorhang, halbfertige Gerüste und Pappmaschee-Gedärme herum. Kostümbildnerin Aino Laberenz, Schlingensiefs Witwe, hat den „Bakterien-Chor“ in gelbe Ganzkörperanzüge gesteckt. Im Hintergrund werden zwei Schlingensief-Filme eingespielt. Es gibt reichlich Fingerzeige, alles kann etwas bedeuten oder auch gar nichts. Zumal es in „Metanoia“ mit dem Untertitel „über das denken hinaus“ keine Handlung und keine Rollen gibt.

Das Tragischste an diesem Sonntagabend ist, dass er in seiner Uninspiriertheit vor Augen führt, dass Schlingensief wirklich von uns gegangen ist. Er war ein Künstler, der die Kunstgattungen sprengte, sich vielerorts produzierte, gern provozierte, sich inszenierte, aber genau genommen nie ein eigenes Medium fand, um Bleibendes zu hinterlassen. Während andere Egomanen ihre atemberaubenden Bilder, Filme, Gedichte, Opern der Nachwelt übergeben, bleiben von Schlingensief nur Reflexionen und Gefühlssplitter zurück, die immer den Schamanen selbst brauchen, um die Gedanken und die Beteiligten in Bewegung zu halten. „Metanoia“ im Schiller-Theater macht deutlich, dass er nicht – wie ein Mozart oder Wagner – die Schwelle zur Unsterblichkeit überschritten hat, sondern den Weg ins Vergessen gehen wird.

Das Trauerspiel von „Metanoia“ ist ein irgendwie auch berührendes Lehrstück dafür. Es ist auch ein Lehrstück über das arbeitsteilige Unvermögen in der Gattung Oper. Dabei machen alle Beteiligten auf wunderbare Weise das, was sie am besten können. Der Chor betritt ansehnlich die Bühne, singt und tritt wieder ab. Man lernt, dass sich Sänger niemals freiwillig auf den Bühnenboden werfen, so lange sie kein Regisseur dazu zwingt. Solisten bevorzugen das pathetische Schreiten und das vollmundige Singen an der Rampe. Annette Dasch, Daniel Schmutzhard, Graham Clark, Alfred Reiter und Anna Prohaska überwinden virtuos den Graben zwischen Sprechen und Gesang. Joneleit folgt – ähnlich wie einst der Tscheche Janacek – weitgehend der Sprachmelodie des deutschsprachigen Textes. Das macht die Gesänge nicht sinnlicher oder gar sinnfälliger, es später aber den Übersetzern in andere Sprachen schwieriger.

Philosophie und Stammtisch

Es ist eine rundum deutsche Oper geworden, die philosophietrunken Nietzsche und auch Stammtisch-Parolen verquirlt. Pollesch müht sich um die neue deutsche Seele. Sie ist in 70 Minuten nicht aufzufinden. Im Stück geht es um etwas Aufbegehrendes, etwas Zerstörerisches, um die Sehnsucht nach Spiritualität. Joneleits gleichsam konservative wie aggressive Musik arbeitet mit klingenden Zuständen, lässt Daniel Barenboim am Pult der Staatskapelle sogleich akkurat konstruierte Klangwände errichten. Die Idee der fünf Zustände läuft schnell in die gähnende Leere. Da helfen auch keine merkwürdigen elektroakustischen Spielereien. Bemerkenswert ist eine andere Ohrfälligkeit: Die akustischen Gegebenheiten spielen den Sängern (wie einst den Schauspielern) auf der Bühne zu, das Orchester muss sich um seine Vormacht im Zuschauerraum mächtig bemühen. Möglicherweise ist es doch nicht so leicht, ein Sprechtheater in ein Opernhaus umzubauen.