Junge frische Solisten mag jeder, dass hat Sebastian Nordmann, noch bevor er Intendant des Konzerthauses wurde, als Chef der umtriebigen Festspiele Mecklenburg-Vorpommern gelernt. In Berlin versucht er seit 2009, junge Virtuosen in immer neue Konzertformate einzubinden. Morgenpost Online sprach mit ihm über neue Interpreten und altes Publikum.

Morgenpost Online: Das Konzerthaus ist jünger, blonder und kommunikationsfreudiger geworden. Den Eindruck gewinnt man mit Blick auf manche Interpretinnen?

Sebastian Nordmann: Cellistin Sol Gabetta, unser Artist in Residence, ja. Das ist unsere Sonne. Es ist doch schön, wenn sich Qualität und Ausstrahlung auf der Bühne vereinen. Aber das Charisma hat bei Interpreten schon immer eine Rolle gespielt. Und wir sollten auch das Marketing in der Klassik nicht überschätzen, ohne Qualität hält kein Künstler länger als drei Jahre durch.

Morgenpost Online: Trotzdem wird immer wieder versucht, mehr oder weniger begabte Künstler durchs Marketing zu hypen.

Sebastian Nordmann: Heutzutage wird aber auch eine extreme hohe Qualität erwartet. Die Jungen haben es immer schwerer, anerkannt zu werden. Ich erinnere nur an anfängliche Diskussionen bei den Pianisten Yevgeni Kissin oder auch Lang Lang. Den Mittzwanzigern wurde eine ungeheure technische Perfektion bescheinigt und zugleich ein begrenztes Repertoire vorgeworfen. Karrieren brauchen Zeit. Aber ich glaube, es kommt dem Künstler zugute, wenn er bereit ist, zu seinem Publikum Kontakt aufzunehmen, ob durch Interviews, Autogrammstunden, Buchveröffentlichungen oder verschiedenste Versuche, seine Musik zu erklären. Das ist typisch für die junge Generation.

Morgenpost Online: Aber die größten Virtuosen sind meist auch verhaltensauffällig, scheu oder direkter gesagt: Therapiefälle.

Sebastian Nordmann: Die gibt es sicherlich. Aber es geht um etwas anderes. Mit einem großen Pianisten wie Pierre-Laurent Aimard ist es am besten, über Musik zu reden. Er will öffentlich nicht danach gefragt werden, was er am Vorabend gekocht hat. Bei solchen Fragen macht er zu. Es ist dann unsere Aufgabe, die Verbindung zwischen dem Künstler und seinem Publikum herzustellen.

Morgenpost Online: Sie sind ein vergleichsweise junger Intendant. Wen halten Sie für die großen Künstler Ihrer Generation?

Sebastian Nordmann: In Bezug auf Solisten auf jeden Fall Julia Fischer, die in der nächsten Saison auch unsere Artist in residence wird. Ich nenne aber auch den vielseitigen Pianisten und Komponisten Fazil Say.

Morgenpost Online: Beide sind fotogen. Die jüngere Generation lebt mit einer stärkeren Visualisierung.

Sebastian Nordmann: Beim Hören ist mehr Konzentration verlangt. Das nicht mehr Zuhören können ist sicherlich eine Gesellschaftsproblematik insgesamt. Wir leben im schnellen Wechsel von Themen und Unterhaltungsmotiven. Das schlägt auch auf die Klassik durch. Bei den populären Konzerten von Netrebko & Co. dauern die längsten Stücke sieben Minuten. Das Ganze läuft über visuelle Mechanismen ab, ähnlich wie in der Popmusik. Durch die Visualität haben beispielsweise auch Museen größere Chancen als Orchester, wo hundert Musiker zwei Stunden lang konzentriert auf der Bühne sitzen und der Dirigent mit dem Rücken zum Publikum steht. Es ist keine richtige Interaktion – jenseits der Musik.

Morgenpost Online: Dafür sind die Solisten da.

Sebastian Nordmann: Ja, sie kommunizieren meist auch mehr mit dem Publikum als die Dirigenten. Deshalb sind sie so beliebt beim Publikum. Wenn ein bekannter Solist kommt, steigen die Kartenverkäufe deutlich an.

Morgenpost Online: Was ist eine bewahrenswerte Tradition, was muss modernisiert werden?

Sebastian Nordmann: Das traditionelle Abokonzert ist eine wunderbare Form. Diese Entschleunigung, das Konzentrieren aufs Zuhören. Aber um auch dem Nichtkenner auf eine anderthalbstündige Mahler-Sinfonie vorzubereiten, braucht er erst einmal Formate, die ihm auf dem Weg dahin helfen.

Morgenpost Online: Was sind das für Formate?

Sebastian Nordmann: Ich setze auf ein offenes Konzerthaus und neue Formate zu unterschiedlichen Zeiten. Es geht nicht mehr allein um die drei, vier Prozent der Bevölkerung, die abends um 20 Uhr ins Konzert gehen wollen. Es gibt mittags Espresso-Konzerte mit jungen Künstlern, die dauern 45 Minuten. Damit wollen wir auch Touristen ansprechen. Demnächst werden wir ein Format für 21.30 Uhr ankündigen, weil es auch dafür ein junges oder besser neugieriges Publikum geben wird. Und auch den Familien müssen wir Angebote unterbreiten. Früher ist die Familie am Sonntagvormittag in die Kirche gegangen, heute macht sie immer noch etwas zusammen. Aber was? Das ist unsere Chance. Und wir merken ja, dass unsere Mozart-Matineen mit Kinderbetreuung rappelvoll sind.

Morgenpost Online: Vor 100 Jahren noch waren Konzerte deutlich länger und Gemischtwarenläden aus Sinfonie, Lied, Chorgesängen, Solostücken. Nach dem Krieg wurde es programmatisch streng. Wohin geht der Trend?

Sebastian Nordmann: Das Angebot wird vielfältiger, bunter, aber es muss immer eine klare Ansage haben. Das Publikum muss wissen, worauf es sich einlässt. Wir machen 300 Veranstaltungen im Jahr. Es gilt Leonard Bernsteins Wort, wonach es keine Unterscheidung in E- und U-Musik gibt, sondern nur in gute und schlechte Musik.

Morgenpost Online: Wer ist das Stammpublikum. Und wer das unerklärliche neue Publikum, nach dem immer alle suchen?

Sebastian Nordmann: Der Altersdurchschnitt liegt beim Stammpublikum irgendwo zwischen 55 und 70. Die Frage für uns ist eher, ob der Mensch in seinem Leben automatisch in die Klassik hineinwächst oder ob er frühzeitig an sie herangeführt werden muss. Das neue Segment liegt zwischen dem Kind und dem 50-Jährigen. Für diese Altersspanne müssen die neuen Formate entwickelt werden. Ich glaube, es ist sogar am wichtigsten, die heute 40- bis 50-Jährigen zurück zu gewinnen.

Morgenpost Online: Hat die Gesellschaft bei der Musikerziehung versagt?

Sebastian Nordmann: Das ist eine These. Aber es kann keiner bestätigen, da müssen wir zwanzig Jahre warten. Wir können viel über die Generation Golf reden, die in den Achtzigern heranwuchs und nicht vom Kirchenchor und Klavierunterricht, sondern von der Popmusik geprägt wurde. Noch wissen wir nicht, ob sie sich irgendwann in den Konzertsälen einfindet. Aber ich glaube, dass sie kommt.

Morgenpost Online: Jetzt haben Sie mit Ivan Fischer einen neuen Chefdirigenten. Wie haben Sie intern die Macht verteilt?

Sebastian Nordmann: Ein Intendant sollte sich programmatisch nie über den Künstler stellen. Er darf Vorschläge machen, am Ende muss der Künstler von dem überzeugt sein, was er auf der Bühne macht.

Morgenpost Online: Ivan Fischer kommt aus Ungarn. Wie viel Ost-Identität steckt im Konzerthaus?

Sebastian Nordmann: Die Tradition des Hauses muss gewürdigt werden, und mit Ivan Fischer und dem ersten Gastdirigenten Dmitrij Kitajenko wird auch die russische Konzertlinie fortgeführt. Jüngst starb unser Ehrendirigent Kurt Sanderling, noch heute prägt seine Schostakowitsch-Tradition unser Orchester. Wir haben bei 12000 Abonnements auch ein Publikum, das bereits zu DDR-Zeiten präsent war. Mein Ziel ist es, das Stammpublikum weiter aufzubauen, ohne außer Acht zu lassen, dass Jüngere sich nur ungern auf ein Abo festlegen wollen. Dem begegnen wir mit mehr Flexibilität.

Die neuen Espresso-Konzerte finden jeden vierten Mittwoch im Monat um 14 Uhr statt. Sie dauern 45 Minuten, eben auf einen Espresso.