Eines muss man Ingo Metzmacher lassen, die Überraschung ist ihm gelungen. Am Ende seiner Jahrespressekonferenz, was traditionell eher selbstdarstellerische Weichspül-Veranstaltungen sind, verlas der Chefdirigent des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin eine kurze Erklärung, in der er irgendwelche mysteriösen Stellenreduzierungen für sein Orchester ablehnte. „Es erscheint mir verantwortungslos und nicht nachvollziehbar“, sagte er, „gerade diesem Ensemble die Flügel zu stutzen.“ Er kündigte an, seinen Vertrag über 2010 hinaus nicht mehr zu verlängern. Dann verließ er den Raum, um keine weiteren Fragen beantworten zu müssen.
Zurück blieb Unverständnis, Irritation. Eigentlich war erwartet worden, dass Metzmacher seine Vertragsverlängerung bekannt gibt. Was war passiert? Wie immer gibt es verschiedene Wahrheiten. Tatsache ist, die Verhandlungen mit dem Stardirigenten über eine Verlängerung hätten bereits zum Jahresende abgeschlossen sein müssen. Aber die Verhandelnden wussten, dass seine finanziellen Forderungen zu diesem Zeitpunkt nicht hätten befriedigt werden können.
Alles schien unter Dach und Fach zu sein
Denn das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin (DSO) gehört – neben dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (RSB) und zwei Profichören – zur so benannten Rundfunk-Orchester und -Chöre GmbH (ROC), die wiederum von vier Gesellschaftern finanziell ausgestattet wird. Es ist ein überaus komplexes Gebilde mit vielen sich gegenseitig nicht immer mögenden Akteuren. Und wie überall fühlen sich die Klangkörper unterfinanziert. Erst vor drei Wochen bestätigten deshalb die Gesellschafter eine Erhöhung des Gesamtetats um sechs Millionen Euro. In diesen Krisenzeiten eine bemerkenswerte Tat. Die Vertragsverhandlungen konnten mit Metzmachers Agenten zu Ende geführt werden. Es schien alles unter Dach und Fach zu sein.
Voller Harmonie begann deshalb die Pressekonferenz: Ernst Elitz, der demnächst in den Ruhestand geht, verabschiedete sich – dem DSO und seinem Chefdirigenten dankend – als Intendant des Deutschlandradios, dem Hauptgesellschafter. Elitz war seit Anbeginn der Schutzpatron der Rundfunkorchester und -Chöre. Die finanzielle Absicherung des Gesamtunternehmens war wohl auch so etwas wie sein Abschiedsgeschenk. Metzmacher wollte es so nicht annehmen und hat Elitz brüskiert. Der wirkte sichtlich betroffen. Auch Gernot Rehrl, der ROC-Intendant, war von der „persönlichen Erklärung“ Metzmachers überrascht worden.
So gab es nach der großen Pressekonferenz mit Metzmacher gleich eine kleine Pressekonferenz ohne Metzmacher. Was ist hinter den Kulissen passiert?
Das kann ein Künstler wie Metzmacher nicht annehmen
Metzmacher war erst am Tag zuvor der Finanzplan für das Orchester ab 2010 vorgelegt worden. Der 51-jährige Dirigent hält ihn, wie er bei seinem schnellen Abgang betonte, für „vollkommen inakzeptabel“. Intendant Rehrl versteht den Plan als ein erstes Verhandlungsangebot. Es sind Zahlenspiele. Das Orchester hat 114 Planstellen. Das soll nominell so bleiben, aber ausfinanziert, so Rehrl, werden künftig nur noch 103 Musikerstellen. Derzeit habe das Orchester real 98 besetzte Stellen. Die vorgeschlagene quasi offizielle Reduzierung kann ein Dirigent vom Format Metzmachers offiziell nicht annehmen. Rehrl versichert, der Höchststand 106 wäre verhandelbar. Der Trick in diesem Rechenwerk: Feste Musikerstellen müssten dann aus dem künstlerischen Etat umgeschichtet werden. Das bedeutet z.B. weniger Geld für gute Gastsolisten. Auch das kann ein Künstler wie Metzmacher nicht annehmen. Rehrl bezeichnet Metzmachers Schritt dennoch als „verfrüht“.
Womöglich hatte der Dirigent, der einen internationalen Marktwert hat und dessen Herz eher für die Oper schlägt, einfach nur die Image-schädigenden Querelen in Berlin satt. Dazu gehört wohl auch der Druck seines eigenen und – um es freundlich zu umschreiben – überaus selbstbewussten Orchesters, das Beste für sie aushandeln zu müssen. Metzmacher war, als er vor zwei Jahren Kent Naganos Nachfolge antrat, nicht ihr Wunschkandidat. Das braucht seine Entschädigungen. Obendrein ist sein künstlerisch exklusives Programm, dass das 20. Jahrhundert und die „deutsche Seele“ umkreist, für Orchestermusiker weniger attraktiv als für einen Dirigenten, der sein eigenes Profil schärfen will.
Zur Wahrheit gehört aber auch, dass es sich schlichtweg um Verteilungskämpfe innerhalb der ROC handelt. Intendant Rehrl spricht davon, dass er für eine „gerechte Verteilung“ der Mittel zu sorgen habe. Was auch immer das konkret heißen mag.
Auch Marek Janowski verhandelt
Der ganze Vorgang erinnert mich an Rafael Frühbeck de Burgos, der vor Jahren an einem Sonnabendvormittag anrief und ein empörtes Abschiedsinterview geben wollte. Gleich danach reiste er ab. Tags zuvor hatte man ihm mitgeteilt, dass sein Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin verkleinert werden soll. Chefdirigenten haben es leicht, hinzuschmeißen und abzureisen. Für sein Orchester brach danach eine bittere Zeit der Unsicherheit an. Irgendwann konnten die Musiker Marek Janowski überreden, sich als Chefdirigent schützend vor das RSB zu stellen.
Janowski wird nun von Rehrl mit dem neuen Finanzplan vertraut gemacht. Auch bei ihm, dessen Vertrag 2011 endet, stehen Verhandlungen an. Seine Position (und die des RSB) dürfte sich mit Metzmachers Weggang gestärkt haben. Die Verlierer des gestrigen Tages sind eindeutig das Deutsche Symphonie-Orchester und die ROC-Trägergesellschaft.




