Dirigenten-Nachfolge

Schnelle Suche fürs Berliner Konzerthaus

Dirigent Iván Fischer ist als Nachfolger von Lothar Zagrosek im Gespräch. Das Orchester steht dem 58-Jährigen sehr positiv gegenüber. Das ist nicht unwichtig, da Zagrosek zwar von Kritikern für seine innovativen Programme gelobt wurde, damit aber nicht überall auf Gegenliebe stieß.

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Die letzten Wochen vor der Sommerpause sind ebenso berüchtigt wie die Tage vor Weihnachten: Kulturpolitiker neigen in diesen Zeiten besonders gern dazu, noch ein paar offene Fragen zu entscheiden und neues Personal zu präsentieren. Das ist menschlich verständlich, denn wer möchte nicht mit ein paar Problemen weniger in den Urlaub fahren. Und es zugleich vermeiden, sich in der freien Zeit mit Presse-Spekulationen über Stellenbesetzungen herumzuärgern.

Mitunter freilich endet dieser Wunsch in Aktionen, denen man einen gewissen Überrumpelungscharakter nicht absprechen kann. So wie in der vergangenen Woche, als die Senatskulturverwaltung die Mitglieder des Stiftungsrates der Berliner Philharmoniker am Mittwochabend zu einer Sitzung für Donnerstagmittag einlud. Ein Vorlauf von nicht einmal 24 Stunden gilt auch in der Kultur als außergewöhnlich; möglicherweise hat diese Ad-hoc-Einladung noch ein Nachspiel, denn das Aufsichtsgremium konnte nicht vollzählig tagen. Und musste sich gleichzeitig mit einer wichtigen Personalie beschäftigen: Dem neuen Intendanten Martin Hoffmann. Der wurde prompt einen Tag später offiziell von Kulturstaatssekretär André Schmitz vorgestellt. Der amtierende Kultursenator Klaus Wowereit, der solche Termine auch gern persönlich wahrnimmt, weilte auf Dienstreise in Istanbul. Der frühere Sat.1-Mann Hoffmann soll seinen Job bei Berlins Spitzenorchester am 1. September 2010 antreten.

Bekanntlich sind die Vorlaufzeiten bei der Besetzung von Leitungsfunktionen im Kulturbetrieb ungleich länger als beispielsweise im Bereich der Fußballtrainer. Auch deshalb dürfte es angesichts offener Stellen in den nächsten Wochen noch Entscheidungen geben. Informationen der Berliner Morgenpost zufolge gibt es einen Favoriten für die Nachfolge des Dirigenten Lothar Zagrosek: Der in Budapest geborene Iván Fischer könnte demnach ab 2011 die künstlerische Leitung des Konzerhausorchesters am Gendarmenmarkt übernehmen.

Das Orchester jedenfalls steht dem 58-Jährigen sehr positiv gegenüber. Er wird unter den Musikern als guter Dirigent geschätzt. Das ist nicht unwichtig, weil Lothar Zagrosek zwar von Kritikern für seine innovativen Programme gelobt wurde (und auch die Zahl der Abonnenten deutlich steigern konnte), aber beim Orchester damit nur bedingt auf Gegenliebe stieß. Es gilt als offenes Geheimnis, dass Zagrosek, der 2006 in Berlin antrat, seinen in zwei Jahren auslaufenden Vertrag nicht verlängern wollte, weil sich das Orchester für einen Wechsel ausgesprochen hat.

Hochmusikalische Familie

Iván Fischer stammt aus einer hochmusikalischen Familie. Sein Vater Sandor war Dirigent und leitete in der ungarischen Hauptstadt das Radio-Orchester. Iváns zwei Jahre älterer Bruder Adam schlug ebenfalls die Dirigentenlaufbahn ein, er wurde im Frühjahr 2007 zum neuen Generalmusikdirektor der Budapester Staatsoper bestellt. Iván Fischer bekam erst Klavier- und Geigenunterricht und wechselte dann zum Cello. Er studierte Komposition in Budapest und machte sein Diplom in Wien in der Dirigierklasse von Hans Swarowsky. Iván Fischer arbeitete unter anderem in England und den USA. 1983 kehrte in die ungarische Hauptstadt zurück und gründete dort das Budapester Festivalorchester, als dessen musikalischer Direktor er nach wie vor fungiert.

Im vergangenen Jahr kam das Orchester bei einem Ranking der britischen Zeitschrift "Grammophone" immerhin auf Platz 9 - und verwies damit sowohl die Sächsischen Staatskapelle Dresden (10) als auch das Gewandhausorchester Leipzig (17) auf die Plätze.

Sollte die Senatskulturverwaltung Iván Fischer demnächst als Nachfolger von Zagrosek präsentieren, dann wäre ihr - ganz anders als bei der Intendantensuche für die Deutsche Oper - eine Personalfindung in rekordverdächtiger Zeit gelungen, denn erst Mitte April dieses Jahres kündigte Zagrosek überraschend seinen Abgang an. Offiziell gibt es dazu natürlich kein Statement seitens der Verwaltung, denn "zu Personalfragen äußern wir uns nicht", wie Pressesprecher Torsten Wöhlert gestern auf Nachfrage betonte.