Literatur

Münchner Hanser Verlag eröffnet Büro an der Spree

Der Münchner Carl Hanser Verlag wird im Winter eine Dependance in Berlin eröffnen. Man wolle besonders die in der Hauptstadt versammelten intellektuellen und schriftstellerischen Kapazitäten nutzen, heißt es.

Die Spatzen pfiffen es schon von den Berliner Dächern, jetzt hat Michael Krüger, Chef des Münchener Hanser Verlags, es endlich offiziell gemacht – stilgerecht vor dem Mikrofon des Rundfunks Berlin-Brandenburg: Der Hanser Verlag, erklärte Krüger auf der Frankfurter Buchmesse, wird im Winter eine Dependance in Berlin eröffnen. Man wolle, so Krüger, die in der Hauptstadt versammelten intellektuellen und schriftstellerischen Kapazitäten nutzen: „Da wollen wir uns dran beteiligen und das nicht den Berlinern überlassen.“ Als Leiterin des Berliner Hanser-Büros vorgesehen ist Elisabeth Ruge, die den von ihr mitbegründeten Berlin Verlag im Frühjahr verlassen hat. Noch seien die Verträge zwar nicht unterschrieben, offenbar aber ist die Personalie mittlerweile verkündigungsreif.

Damit bestätigt Krüger ein in der Verlagsszene bereits seit dem Frühjahr beliebtes Gedankenspiel, das Hanser noch Ende September keinesfalls kommentieren wollte. Denn wächst hier vielleicht auch nicht zusammen, was zusammengehört, so handelt es sich doch um das, was neudeutsch eine Win-Win-Situation heißt: Mit Elisabeth Ruge, einer versierten Hauptstädterin, kriegt Hanser mehr als nur einen Fuß in die Berliner Tür; Ruge wiederum dockt bei dem womöglich gewichtigsten deutschen Verlagshaus an: Als vor Wochenfrist dem schwedischen Lyriker Tomas Tranströmer der Literaturnobelpreis verliehen wurde, war das der insgesamt 14. Nobelpreis für das Münchener Traditionsunternehmen.

Außerdem bringt Ruge mutmaßlich so manchen wichtigen Autor mit: Pulitzerpreisträger Richard Ford („Unabhängigkeitstag“) hat schon angekündigt, seiner langjährigen Lektorin zu folgen, und gut möglich, dass auch der nächste Roman von Ingo Schulze („33 Augenblicke des Glücks“, „Neue Leben“) oder das nächste Buch von Peter Esterhazy, des wohl bekanntesten ungarischen Schriftstellers, bei Hanser in Berlin erscheint. Bisher standen sowohl Ford als auch Schulze beim Berlin Verlag in der Greifswalder Straße unter Vertrag.

Elisabeth Ruge hat schon 1993 auf die Zukunft der Hauptstadt als Literaturmetropole gesetzt und mit ihrem damaligen Mann Arnulf Conradi und dem heute als Krimi-Autor bekannten Veit Heinichen den Berlin Verlag gegründet – der Standort war, der Name sagt es, damals Programm. Allerdings erlebte der neu gegründete Verlag bald schwere Zeiten und musste 1998 als Teil der Verlagsgruppe Random House beim Medienriesen Bertelsmann unterkriechen.

Bereits 2003 jedoch machte der damalige Berlin-Chef Conradi von dem ihm vertraglich zugesicherten Rückkaufrecht Gebrauch – nur um den Berlin Verlag sogleich an die Londoner Verlagsgruppe Bloomsbury weiterzuverkaufen. Bloomsbury, nach einem literaturhistorisch bedeutsamen Londoner Stadtteil benannt, hatte schon bei der Namensgebung des Berlin Verlags Pate gestanden, und mittlerweile war das Unternehmen durch den Erfolg der „Harry Potter“-Romane zu genug Geld gekommen, um sich eine deutsche Tochter zu leisten. Eben der Erfolg Bloomsburys jedoch hat sich als Schwierigkeit für den Berlin Verlag erwiesen. Elisabeth Ruge schied im März dieses Jahres dort aus, nachdem der britische Mutterkonzern angekündigt hatte, den Verlag an der Greifswalder Straße fortan nach Art eines globalen Gatekeepers wie Apple oder Amazon zu führen – nämlich im Wesentlichen von der Londoner Konzernzentrale aus.

Für eine Autonomie gewohnte Verlegerin wie Ruge war das aber offenbar keine Option; schwer vorstellbar auch, dass sie bereit war, „ihre“ literarisch schwergewichtigen Autoren einem von Bloomsbury geplanten Segment „Adult“ zuzuschlagen. Der Schritt zum renommierten Hanser Verlag ist da konsequent: Schulze, Esterházy oder Ford passen zu Hanser-Autoren wie Ilija Trojanow, Tomas Tranströmer oder Philip Roth allemal besser als zu einem sich schon für Ebook-Zeitalter rüstenden Verlag, der als neuer Zentralist offenbar vor allem Weltrechte managen möchte. Der Berlin Verlag selbst teilte erst vor wenigen Tagen mit, man werde sich in Zukunft verstärkt auf junge Autoren konzentrieren, und kündigte für das Frühjahr zudem einen neuen Roman der bisher von Elisabeth Ruge betreuten israelischen Zeruya Shalev an.

Die Stadt Berlin, die schon unmittelbar nach dem Mauerfall davon träumte, Verlagsmetropole zu werden und diesen Traum in den zuweilen dürren Jahren nachher mit einiger Zähigkeit verteidigen musste, hat mit der Hanser-Entscheidung, auch in Berlin präsent zu sein, in jedem Fall gewonnen – ganz gleich, wie es dem umstrukturierten Berlin Verlag ergeht. Nach den teils etwas fiebrigen, nicht immer ganz überzeugenden Versuchen anderer Verlage, Hauptstadtableger zu etablieren, ist es, so scheint es, schließlich doch noch gelungen, Berlin nicht nur zur Stadt der Schriftsteller und Kleinverlage, sondern auch zur Großverlagsstadt zu machen.

Erst vor einem Jahr schließlich hat Suhrkamp, der prägende Verlag der Bonner Republik, den Umzug an die Spree gewagt: „Das Labor ist in Berlin“, kommentierte Suhrkamp-Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz ihre Entscheidung damals. Jetzt ist mit Hanser das nächste Schwergewicht in Berlin – und sei es auch nur mit einer Dependance. Man muss deshalb nicht gleich die Goldenen Zwanziger bemühen – erfreulich ist die Nachricht auch so.

Als Suhrkamp umzog übrigens, kommentierte ein hörbar indignierter Frankfurter Journalist das mit den Worten, im Jahr 20 nach dem Mauerfall sei die Wiedervereinigung in Frankfurt am Main angekommen. Im Jahr 21 der neuen Zeitrechnung gilt das jetzt auch für München.

Als Leiterin des Berlin Verlags hat sich Elisabeth Ruge (51) einen Ruf als entschlossene Anwältin anspruchsvoller Literatur erworben. Dabei hat die Mutter zweier Kinder erst mit zehn Jahren Deutsch gelernt. Ihre Kindheit hat die Tochter von ARD-Korrespondent Gerd Ruge und Fredeke Gräfin von der Schulenburg, einer Tochter des NS-Widerstandskämpfers Fritz-Dietlof von der Schulenburg, nämlich in den USA verbracht.

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