Integrationsdebatte

"Manifest der Vielen" gegen einen Sarrazin

Jetzt erscheint der Gegenentwurf zu Sarrazins "Deutschland schafft sich ab". Die Autoren haben ihr Werk bereits im Maxim Gorki Theater vorgestellt und gezeigt, dass Humor manchmal die bessere Waffe gegen Polemiker ist.

Foto: dpa / dpa/DPA

Es will Gegengift und Pflichtlektüre sein zu der von Sarrazin losgetretenen Integrationsdebatte: Am Sonnabend erscheint im Blumenbar Verlag das Buch „Manifest der Vielen – Deutschland erfindet sich neu.“ Bei der Premiere am Donnerstagabend im Maxim Gorki Theater sagt der Verleger Wolfgang Farkas, er wollte ein schnelles, scharfes Buch machen.

Das ist es zum Glück nicht geworden. Schärfe ist wohl das, was diese Debatte nicht mehr braucht. Knapp 30 Autoren hat die Herausgeberin und Publizistin Hilal Sezgin eingeladen, herausgekommen ist eine Sammlung von persönlichen Geschichten, Erfahrungen und sachlichen Texten zum Thema. Allesamt geschrieben in den vergangenen Monaten, als Sarrazin auf allen Kanälen war und viele aus einer ersten Fassungslosigkeit in den Schockzustand wechselten, weil das alles nicht mehr aufhörte und man plötzlich überall den berühmten Satz hörte: Das wird man doch noch sagen dürfen.

Es geht um die Frage, was ist hier eigentlich passiert und es ist Zeit zuzuhören. Hilal Sezgin selbst erzählt an dem Abend, wie sie den Typen nicht mehr ertragen konnte, den Fernseher nicht mehr anstellte. Sie spricht den Namen nicht mal mehr aus, der Typ eben. Fast spürt man eine gewisse Müdigkeit, die immer dann einsetzt, wenn die Wut allmählich nachlässt. Die Bestsellerautorin Hatice Akyün sagt: „Mir ist der Humor vergangen – und der Zorn auch.“ Zumindest der Humor kehrt an diesem Abend zurück, wie in dem Beitrag von dem Filmemacher Neco Celik, der seine Jugend am Kotti beschreibt und den Tag, als plötzlich die Ossis dort einfielen, um ihr Begrüßungsgeld abzuholen – „von unseren Banken.“ Es ist eben nie klar, wer wo der Fremde ist. Ganz prächtig amüsiert sich das Publikum bei der Frage, wann Sarrazin in Kochshows auftreten wird und wann ins Dschungelcamp einziehen.

Dass viel gelacht wird an diesem Abend ist ein gutes Zeichen, nur genügen kann das nicht. Spätestens seitdem das Ausland mit einigem Befremden zu uns herüber schaut und Sarrazin zum Deutschland-Export wird oder „langsam die Kuckucksuhr ersetzt“, wie es die Wissenschaftlerin Naika Foroutan ausdrückt, spürt man ein Gefühl von Scham. Und wenn man schon beschämt den Blick senkt, dann doch bitte in dieses Buch. Es gibt dort manches zu lernen, zum Beispiel von Schauspielerin Pegah Ferydoni, die eine ungemein treffende Antwort hat auf die Frage, was typisch deutsch sei: „Dass man sich immer entscheiden muss, was man denn nun ist.“ Und das ist eben ganz kleines Karo. Es kann nicht länger um Gruppen, Schubladen und Klischees gehen.

Ferydoni sagt, sie habe irgendwann aufgehört zu zählen, wie oft sie im Film schon von zu Hause abgehauen sei. Mit ihrem Gesicht spielt sie oft genug die immergleiche Rolle, die der unterdrückten muslimischen Frau. Es geht um Zwangsheirat, Gewalt und Ehrenmord, ob nun mit Kopftuch oder ohne. Das Drama bleibt dasselbe und jeder Ausbruchsversuch wird aufs Härteste bestraft. Die Mütter sind in diesen Filmen mit einer kaum zu ertragenden Demut ausgestattet, die Väter und Brüder Tyrannen. An diesem medialen Bild hat sich in den letzten Jahren wenig geändert. Werden die Frauen mal nicht unterdrückt, sondern führen ein lustvolles, eigenständiges Leben oder sind unangefochten der Chef am Küchentisch, handelt es sich mit Sicherheit um eine Komödie.

Fast wie eine Antwort darauf liest sich der ausgesprochen kluge und witzige Text der Journalistin Mely Kiyak, in dem es heißt: „Befreien ist wieder schwer in Mode gekommen. Befreien ist ein Klassiker, den man immer wieder aus dem Schrank holen kann. “ Doch: „Man muss lieben, was man befreien will.“ So einfach und klar sagt sie das und in diesem Satz steckt eine Wahrheit, der man Zeit geben muss, bis sie einen vollständig erreicht.

Andere Autoren der Sammlung beschäftigen sich schon mit dem Auswandern, was kaum verwundert. Aber auch Hilal Sezgin weiß nicht, wohin. Holland, Österreich, Frankreich, alles fast schlimmer, noch. Insofern ist es in jeder Hinsicht eine beruhigende Nachricht, die Imran Ayata als letzten Satz des Abends liest: „Sarrazin kommt und geht. Wir bleiben.“