Buch „GrossStadtFieber"

Vom Durchstarten und Scheitern in Berlin

Im Club, in der U-Bahn, beim Arzt: 33 Menschen erzählten der Autorin Juleska Vonhagen, was sie als Neuberliner erlebt haben, was sie begeistert, aber auch, was sie abstößt.

Foto: Reto Klar

„Berliner Nächte. Man kann nie wissen, was passiert“, sagt Jan. Der 27-jährige Eventmanagement-Student ist nach einer Party in einem der zahlreichen Berliner Clubs berühmt geworden. Weil ihm beim Tanzen ein echter Hit eingefallen war, er ihn vertont und an seine Berliner Freunde geschickt hat. Dabei ist ein Musikproduzent auf ihn aufmerksam geworden und hat ihm einen Plattenvertrag angeboten. Jan arbeitet mittlerweile erfolgreich als DJ, legt in internationalen Clubs auf.

Seine Geschichte erzählt Jan im neuen Buch von Juleska Vonhagen „GrossStadtFieber“. Die Autorin hat insgesamt 33 Geschichte von Neuberlinern gesammelt, Jans Erlebnis ist nur eine davon. „GrossStadtFieber“ ist der zweite Roman der 25 Jahre alten Autorin. Der erste, „Herzmist“, ist 2009 erschienen und erzählt von 33 Gesprächen zwischen fünf junge Frauen. Herzmist war Spiegel-Bestseller.

In GrossStadtFieber berichtet Vonhagen auf fast 400 Seiten über die Faszination, die Berlin auf Jugendliche ausübt, ohne die Tücken unerwähnt zu lassen, die ein Umzug aus der Provinz in die Großstadt mit sich bringt. Jährlich kommen Tausende junge Menschen nach Berlin, beginnen eine Ausbildung oder ein soziales Jahr. Nicht nur das vielfältige Studienangebot lockt – Berlin verspricht den jungen Menschen Freiheit. Hier glauben die Zwanzigjährigen, sich losgelöst von den Vorgaben ihrer Eltern ausleben zu können. Der Enge der Kleinstadt entkommen, in der jeder jeden kennt und sich das kulturelle Angebot auf eine Handvoll Lokalitäten verteilt, suchen die Jungen den Exzess. Berlin ist aufregend, hier scheint alles möglich zu sein, manchmal muss man dazu nur in den Club gehen.

„Junge Menschen, die nach Berlin ziehen, sind infiziert mit einem Virus und gierig, weil sie denken, in Berlin wird etwas ganz Tolles passieren“, sagt Juleska Vonhagen. Großstadtfieber eben.

Das Buch ist Pflichtlektüre für alle, die mit einem Umzug nach Berlin liebäugeln. „Natürlich gibt es schon jede Menge Bücher über Berlin, aber das macht die Stadt umso spannender“, sagt Juleska Vonhagen. Die Schilderungen ihrer Protagonisten sind lebensnah und tauchen Berlin in ein magisches Licht. Sie können aber auch abschrecken – etwa wenn die Suche nach einem Arzt zum Desaster wird, wie in der Geschichte „Ein Besuch bei Dr. Nick Riviera“. Die Autorin meint: „Ob Berlin etwas für einen ist, ist Charaktersache, manche genießen die neue Freiheit, andere finden sich im Überangebot nicht zurecht, die ziehen wieder weg.“

Die dunkle Seite der Stadt

Etwa der Zivildienstleistende Christian (25). Er resozialisiert ehemalige Häftlinge und lernt die dunkle Seite Berlins kennen, als er in einer Wohnung einen toten Junkie findet, der sich den Goldenen Schuss gesetzt hat. Zu krass ist das Elend, das der Mönchengladbacher in Berlin antrifft, er kehrt Berlin den Rücken, geht zurück nach Nordrhein-Westfalen.

Oder Dorothee (26), eine Veranstaltungsmanagerin, die von Berlin nach Düsseldorf zieht, weil sie nicht als Freiberuflerin oder Lebenskünstlerin arbeiten möchte, sondern sich nach der Sicherheit einer Festanstellung sehnt.

Dem entgegen stehen nahezu euphorische Beschreibungen, etwa von Björn (22), der seine ersten Eindrücke von der Kastanienallee in Prenzlauer Berg schildert und von bunten Menschen erzählt, die an ihm wie in einem Film vorüberziehen. Elisa (24) erlebt eine rauschhafte Nacht im Berghain und erklärt, warum der Friedrichshainer Club auf Jugendliche aus aller Welt wie ein Magnet wirkt.

Die Autorin Juleska Vonhagen war selber einmal Neuberlinern. Vor fünf Jahren ist sie aus der Stadt Hagen, einer, wie sie sagt, „total durchschnittlichen Stadt“ in Nordrhein-Westfalen, nach Berlin gezogen und studiert hier an der Freien Universität Germanistik, Geschichte, Publizistik und Kommunikationswissenschaften. Wie die Zeit nach einem Umzug nach Berlin sein kann, weiß sie aus eigener Erfahrung. „Nach der ersten Begeisterung kommt die Phase, in der man Berlin auch mal hasst und verflucht und dann die Zeit, in der man sich damit abgefunden und eingelebt hat.“ In diese drei Phasen hat Julseka Vonhagen auch ihr Buch unterteilt. Mit den Geschichten, die sie im Freundes- und Bekanntenkreis gesammelt und dann aufgeschrieben hat, kann sich die 25-Jährige zum Großteil identifizieren.

Am besten mit der Erzählung von Rahel in „Versumpft“, die ihre Abschlussarbeit für die Uni schreiben will, aber nicht dazu kommt, weil dauernd Leute anrufen und mit ihr ausgehen wollen. In Berlin werde man immer abgelenkt, man müsse aufpassen „in der Spur zu bleiben“. Juleska Vonhagen hat das geschafft, weiß aber auch von Freunden, die „von der Stadt nicht mehr runterkommen“ und bis in die späten Dreißiger hinein durch das Berliner Nachtleben streifen.

„Ein Privileg, hier zu leben“

Dann ist da noch die Unverbindlichkeit, die für Kleinstädter gewöhnungsbedürftig ist. „In Berlin lernt man dauernd neue Menschen kennen“, meint Juleska Vonhagen. Nur die wenigsten werden zu Freunden, sondern ziehen weiter. Wie „Tausend Lichter“, ein Titel aus dem Buch. Keiner habe am Wochenende nur eine Verabredung am Abend, in Berlin kann immer etwas dazwischenkommen.

Die Zugezogenen sind an ein Umfeld gewöhnt, in dem sich nur wenig verändert. In dem ein außergewöhnliches Outfit für Aufsehen sorgt. Berlin ist da anders. Jeder habe hier sein eigenes Kreativprojekt, findet Juleska Vonhagen, Bodenständigkeit sei unter jungen Menschen verpönt. „Wenn man nach Berlin zieht, ist das ein Bruch. Es verändert den Menschen, und das finde ich spannend.“

Juleska Vonhagen hat den Bruch selbst vollzogen, aus Berlin möchte die angehende Journalistin nicht mehr weg. „Nur wenn ich aus beruflichen Gründen muss.“ Es sei ein Privileg, in einer Stadt wie Berlin zu leben, wenn auch nur eine Zeit lang. Sie rät den jungen Neuberlinern, sich in alles hineinzustürzen und alles auszuprobieren. „Es kann sein, dass man schnell woanders hin muss und dann sollte man alles ausgeschöpft haben.“ Zu Hause bleiben lohne sich nicht.

„GrossStadtFieber“ erscheint am 15. April im Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf (ISBN 978-3-89602-587-6). Preis: 9,95 Euro.

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