Berlin-Kreuzberg

Moritzplatz erhält Haus voller Überraschungen

Ein Verlag, Cafés und Geschäfte, die längste Murmelbahn der Welt - und das alles unter einem Dach. Mit seinem Aufbau-Haus ist Investor Matthias Koch ein ungewöhnliches Gebäude gelungen.

Foto: David Heerde

Das neue Aufbau-Haus am Moritzplatz in Berlin-Kreuzberg steckt voller Überraschungen. Breite Treppen aus grauem Beton führen hierhin und dorthin. Trennwände fehlen, die Räume gehen ineinander über. Wer durchs Haus läuft, entdeckt die Vielfalt: Da ist die Buchhandlung, das Café, die Goldschmiede-Werkstatt, die Mosaik-Werkstatt. Tapeten- und Textildesigner arbeiten im Haus. Ein Unternehmen stellt Tür- und Fenstergriffe her. Ein Printfachgeschäft, mehrere Galerien und ein Theater sind eingezogen. Hauptmieter im Haus sind der Architekten-Baumarkt Modulor und der Aufbau-Verlag.

Das Aufbau-Haus ist am Freitag eröffnet worden. Mit einer Feier für Kunden, Geschäftsleute und Anwohner. Sie geht auch am Sonnabend weiter ( www.aufbauhaus.de ). Das Haus mit den großen Glasfronten stammt aus den 70er-Jahren. Es war früher ein Fabrikgebäude – mit riesigen Hallen und verspiegelten Fenstern. Ertex produzierte dort Textilien. Ende der 80-Jahre zog die Firma Bechstein ein und stellte Klaviere her. Jetzt hat das Haus einen Innenhof mit Grünpflanzen und Bänken, Terrassen und helle Räume.

Den Mut und den langen Atem für das Projekt hatte Matthias Koch. Der 68 Jahre alte Chef des Aufbau-Verlages ist Geschäftsführer einer Entwicklungsgesellschaft, die das Haus 2009 kaufte, umbauen und erweitern ließ. „Ich hab mich damals gar nicht getraut, es meiner Familie zu zeigen“, erzählt Koch. „Ich dachte, die lehnen das gleich ab.“ Etwa 20 Millionen Euro seien investiert, vorwiegend private Mittel. Jetzt sind 50 Mieter im Haus. Sie konnten ihre Räume nach eigenen Wünschen einrichten. 3000 der insgesamt 17.000 Quadratmeter besetzt der Aufbau-Verlag. Er hat seinen Sitz in den oberen Etagen. In Kochs Büro stehen ein Schreibtisch und ein Sessel aus den 20er-Jahren. Es sind die einzigen alten Möbel im neuen Haus. Sie stammen aus dem Kiepenheuer-Verlag. „Es geht die Legende, dass Gustav Kiepenheuer an diesem Tisch gesessen hat“, sagt Matthias Koch. Doch ihm ist das Neue im Haus wichtiger als das Alte. Koch kam 2008 nach Berlin und kaufte den insolventen Aufbau-Verlag. Jetzt schreibt das Unternehmen schwarze Zahlen. Kochs Tochter Anna ist Theaterpädagogin. Sie wird im Theater des Aufbau-Hauses Projekte mit Jugendlichen aus der Umgebung betreuen und Inszenierungen mit ihnen entwickeln.

„Es ist uns wichtig, dass wir hier am Moritzplatz kein Fremdkörper sind“, sagt der Verleger. „Wir wollen uns in der Nachbarschaft vernetzen und verankern.“ Deshalb gibt es viele Angebote, darunter Lesungen, Ausstellungen, Goldschmiedekurse und Nähkurse. Profis und Hobbyhandwerker können sich neue Fertigkeiten in den Werkstätten aneignen.

Besondere Attraktion auf den Etagen der Firma Modulor ist derzeit eine Murmelbahn. „Es ist die längste der Welt“, sagt Geschäftsführer Andreas Krüger, „ 220 Meter lang.“ Die Bahn ist aus einer drei Millimeter dicken Faserplatte gefertigt, mit Laserstrahl geschnitten, von einer Werkstatt im Haus. Ihre Windungen führen über mehrere Etagen, von den Treppen aus kann man zugucken, wie die Stahlkugel rollt. „Sie braucht mehr als 15Minuten für die gesamte Strecke“, sagt Krüger. Seine Firma bietet Tausende von Materialien und Werkzeugen an. Sie ist im Juni eingezogen. 1500 bis 2000 Leute kommen laut Krüger täglich ins Aufbau-Haus. Modulor arbeitet auf etwa 6000 Quadratmetern. In den angrenzenden Flächen haben sich die Werkstätten und weitere Läden angesiedelt. „Alle kooperieren und bilden ein großes Netzwerk“, sagt Andreas Krüger. Planet Modulor nennt sich dieser Verbund, der ein Marktplatz für Kreative sein will.

Auch die Gastronomie macht keine Ausnahme. Das Restaurant Coledampf's & Companies bietet Speisen und Lebensmittel aus regionalen Produkten. Wer sich an einen der Tische setzt und umschaut, sieht Regale mit Kochbüchern, eine große Auswahl an Weinen. Pfannen und Töpfe, Küchenmesser und sonstiges Zubehör, das man kaufen kann, sind im Raum drapiert. Wer will, kann sich weiterbilden. Ein „Basiskurs feine Soßen“ ist im Angebot.

Trotz der Eröffnung am Freitag: Das Baugeschehen am Aufbau-Haus geht weiter. Eine Baulücke zum Moritzplatz soll geschlossen werden „Wir suchen einen Hauptmieter dafür“, sagt Matthias Koch. Eine private Hochschule habe bereits Interesse angemeldet. Auch ein weiterer Verlag sei denkbar.