Archäologische Kostbarkeiten

Pergamon-Ausstellung ist Schau der Superlative

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Berthold Seewald
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Pergamonmuseum stellt Panorama aus

Das Pergamonmuseum in Berlin präsentiert ein neues Glanzlicht. "Pergamon -- Panorama der antiken Metropole" heißt eine Ausstellung, die bis zum 30. September 2012 im Museum zu sehen sein wird.

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Das Pergamonmuseum zeigt in seiner aktuellen Ausstellung die Bedeutung der Stadt Pergamon in der antiken Welt. Ein Jahr lang können Besucher rund 450 Objekte der einstigen Metropole betrachten, bevor das Museum für seine Generalsanierung geschlossen wird.

„Wir haben nicht ein Dutzend Reliefs, sondern eine ganze Kunstepoche, die begraben und vergessen war, aufgefunden.“ Der deutsche Nationalstaat war noch jung, als der Ingenieur Carl Humann (1839-1896) diesen stolzen Satz nach Berlin schrieb. Der Ingenieur, der im Hinterland der türkischen Ägäisküste Straßen baute, hatte entdeckt, dass auf der Spitze der kegelförmigen Erhebung über der Stadt Bergama zahlreiche antike Figuren in Öfen verschwanden, um zu Baukalk verarbeitet zu werden. Zunächst fanden seine Warnungen keinen Widerhall. Erst Alexander Conze, Direktor der Skulpturensammlung der Königlichen Museen zu Berlin, erkannte, dass es sich womöglich um den „großen marmornen Altar“ handeln könnte, den der römische Autor Lucius Ampelius zu den Weltwundern des Altertums zählte. Conze besorgte ausreichende Mittel und übertrug Humann die Leitung der Ausgrabung. Von 1878 bis 1886 hatte er das bedeutendste Kunstwerk des Hellenismus entdeckt, den Großen Altar von Pergamon.

Schau der Superlative

In dem Museum, das seinen Namen trägt, wird von heute an die größte Ausstellung zu sehen sein, die je der Stadt Pergamon gewidmet war. Den Superlativ schmälert nicht, dass eine solche Schau nur in Deutschland und der Türkei möglich ist und die Türkei bislang andere Attraktionen im Sinn hatte. Seit 130 Jahren führt das Deutsche Archäologische Institut die Arbeiten Humanns fort. Nirgendwo außerhalb der Türkei sind mehr Zeugnisse pergamenischer Geschichte konzentriert, nirgendwo haben sich Forscher ihnen intensiver gewidmet. Pergamon, das war über 500 Jahre eine der Metropolen der antiken Welt, eine Stadt, die nur mit Alexandria, Antiochia oder Seleukia am Tigris zu vergleichen war. Doch während jene Städte bis heute unter ihren modernen Nachfolgern begraben sind, ist der Burgberg von Pergamon einer der am besten erforschten Orte der Archäologie.

Damit sind die Superlative noch längst nicht erschöpft: Ein Jahr lang soll die Ausstellung offen stehen, bis das Pergamonmuseum für seine Generalsanierung geschlossen wird. Viele der 450 Objekte, das Gros aus Berliner Beständen, werden erstmals ihre Magazine verlassen, hinzu kommen die berühmten „kleinen Gallier“ aus Neapel und der „sterbende Gallier“ aus den Kapitolinischen Museen von Rom, weltberühmte Siegesmonumente, die sich wohl aus dem gleichen Geist speisen wie der Große Altar. Das gigantische Rundpanorama des Berliner Künstlers Yadegar Asisi , das den ganzen Innenhof des Museums ausfüllt und parallel zur Ausstellung zu sehen ist, stellt selbst die Darstellung „Rom CCCXII“ in den Schatten, die von 2003 bis 2005 in Leipzig zu sehen war. Während die Ausstellung sich vor allem auf das hellenistische Pergamon konzentriert, bietet Asisi einen Rundblick auf die Stadt um 130 n. Chr., als die Kaiser Trajan und Hadrian noch einmal umfangreiche Baumaßnahmen auf Burg und in der Stadt initiierten. Mit rund einer Million Zuschauern wird eine Größenordnung ins Visier genommen, die selbst Berliner Dimensionen sprengt.

Die Metropole Pergamon

Dem Thema ist es mit Fug und Recht angemessen. Um 1833 hatte der Historiker Johann Gustav Droysen in seiner Biografie Alexanders des Großen die mit ihm anhebende Epoche „Hellenismus“ genannt. Mit der Eroberung Asiens sei eine Weltzivilisation entstanden, in der sich griechische und orientalische Traditionen vermischten, wobei, wie wir heute wissen, die prägendere Kraft von Europa ausging. Doch die Fakten sind erstaunlich dürftig und spiegeln vor allem Grauwerte historischer Deutung.

Philetairos, Sohn eines Attalos, erhielt von einem Diadochen Alexanders, Lysimachos, den Befehl, auf seiner Burg in Mysien den Kriegsschatz zu verwahren. Lysimachos verlor in der letzten Schlacht zwischen den Alexander-Erben 281 sein Leben. Seleukos, der Sieger, fiel kurz darauf durch Mörderhand. Philetairos, dessen Münzbildnisse auf einen Eunuchen schließen lassen, machte sich mit 180 Tonnen Silber selbständig.

Die Herrschaftslegitimation der hellenistischen Welt ging den Attaliden völlig ab. Sie waren nicht mit Alexander bis an die Grenzen der Welt gezogen, hatten sie nicht in 40 Jahren Krieg umgepflügt und waren auch keine Gottkönige, die sich als „Theos“ (Gott) verehren ließen. Stattdessen investierten sie wie bürgerliche Kapitalisten ihr Geld, in Soldaten, Paläste, Tempel – und Kunst.

Und sie hatten Weitblick. Denn während die Großmächte der Zeit, die syrischen Seleukiden und die ägyptischen Ptolemäer, auf Asien und die Levante blickten, zogen Kelten, auch Gallier genannt, raubend und mordend aus dem Balkan nach Kleinasien. Mit ihren Söldnern traten die Attaliden ihnen entgegen und wiesen sie in Schranken. Die Kelten bezwungen und in Galatien in eine Art Reservat gepfercht zu haben, begründete denn auch das Prestige der Attaliden. Und die Beute investierten sie in die Verkündung ihres Ruhms. Sie machten Pergamon zu einer Metropole, statteten sie mit Palästen, Wasserleitungen und einer berühmten Bibliothek aus. Anders als in Alexandria sollen ihre Bücher auf haltbaren Tierhäuten beschrieben gewesen sein: „Pergament“.

Meisterwerke von Weltrang

Und sie gründeten eine Bildhauerschule. In ihr entstanden Meisterwerke von welthistorischem Rang. Die Figuren der sterbenden Gallier, bis nach Athen exportiert, sollten die Menschlichkeit der geschlagenen Gegner bezeugen. Und natürlich der große Altar. Auf jeden Fall ist der Altar, der die Entscheidungsschlacht zwischen olympischen Göttern und (barbarischen?) Giganten darstellt, ein wenn nicht das Schlüsselwerk hellenistischer Kunst des 2.Jahrhunderts v. Chr. Und es gehört mit Recht nach Berlin. Ausführlich stellt die Ausstellung die rechtlichen Begründungen der Fundteilungen dar, nach denen der Große Altar ab 1879 nach Deutschland gelangte.